"Phantom Oktoberfest" in der Villa Stuck Die Wiesn findet doch statt – virtuell als Kunstwerk

Wir können halt nicht ohne. In der Villa Stuck hat Philip Gröning das Oktoberfest virtuell nachgebaut. Na, wie da wohl das Bier schmeckt?

Von: Moritz Holfelder

Stand: 18.09.2020

Foto mit verschwommenem Bierzeltinneren von Philip Gröning | Bild: Philip Gröning/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

"Ozapft is!" - zumindest mit einer Virtual-Reality-Brille vor den Augen lässt sich das zum Bersten gefüllte Löwenbräu-Zelt betreten. An manchen Stellen ist es durchlöchert und der Blick wird frei auf den stockdunklen Raum drum herum, als schwebte es im ewig finsteren All. Es ist ein schwarz ausgekleideter Souterrainraum der Münchner Villa Stuck. Dort hat Philip Gröning seine Installation "Phantom Oktoberfest. Oktoberfest Phantom" aufgebaut. Virtuell "ozapft" wird am Samstagmittag Punkt zwölf Uhr von der 2. Bürgermeisterin und dem Kulturreferenten. Das Oktoberfest findet zwar nicht statt, aber hier dann eben doch.

Zelte, halb Märchen, halb Ruinen

Der Himmel des Löwenbräu-Zeltes strahlt durch die dort angebrachten Lichterketten in warmen, goldgelben Farben – märchenhaft wie in einem Disneyfilm. Von der Decke hängen riesige geschmückte Kronleuchter herab. Die erhöhte Bühne der Kapelle in der Mitte mit ihren Girlanden-Bögen wirkt festlich. Mit einer leichten Daumenbewegung auf der Steuerkonsole schwebt der Zuschauer darüber hinweg und begibt sich in den hinteren Teil des Zeltes. Der dreidimensional erlebbare Raum wirkt real und irreal zugleich, faszinierend, traumhaft – zusammengesetzt aus vielen kleinen Farbpunkten, fast so, als hätte ein impressionistischer Maler oder ein Pointilist den Biertempel atmosphärisch stimmig hingetupft. An den vier Virtual-Reality-Stationen im Museum Villa Stuck taucht der virtuelle Wiesnbesucher in eine performative Installation aus vielen im digitalen Netz gefundenen Erinnerungsbildern, Videos und Tönen vergangener Oktoberfeste ein. Philip Gröning hat dafür einen Begriff: "Das nenne ich statistische Erinnerung – das sind aus den social networks zusammengeklaubte Bilder der letzten Jahre vom Oktoberfest. Die werden durch einen Rechner geschickt, wo eine artificial intelligence die Aufgabe hat, Punkte zu identifizieren, die ortskonstant sind, in diesem ganzen Wust von Bildern."

Konstant ist eben das Bierzelt mit dem leuchtenden Himmel, den Girlanden oder der Bühne in der Mitte. Die Bereiche, die wenig fotografiert wurden, weil niemand sie der Abbildung für wert hielt, manche Ecken also oder der Boden, sind dunkel bzw. existieren als schwarze Löcher der Erinnerung. Das ist Grönings Konzept: Die Künstliche Intelligenz soll an dem angebotenen Bildmaterial scheitern. So entsteht ein fragmentarisches, quasi ruinöses Oktoberfest, das mit seinem kleinsten gemeinsamen Nenner an kollektiver Erinnerung den Betrachter geradezu herausfordert, die Lücken mit eigenen Erlebnissen zu füllen.

Besucher wie auf Gemälden von Francis Bacon

Natürlich drängen sich Menschen in den Zelten. Da die aber nicht ortskonstant sind, erscheinen sie in der Berechnung durch die Künstliche Intelligenz und dann in der Virtual-Reality-Brille nur schemenhaft, verschmelzen gespenstisch zu unheimlichen Gebilden, die an die verschmierten deformierten Figuren in den Gemälden von Francis Bacon erinnern. Das macht Philip Grönings Installation "Phantom Oktoberfest" zu einer Art Wahrnehmungs-Geisterbahn. Eine verstörende Wirkung, sagt Philip Gröning: "Wir blicken wie auf schutzlos Gefangene in einer so faszinierenden wie beunruhigenden Welt der Entgrenzung. Wir glauben, Erinnerung ist persönlich. Eine artifical intelligence glaubt aber, dass es keine Realität gibt, sondern nur Grade von Wahrscheinlichkeit. Das heißt, das, was alle Leute angucken, ist real; das, wo niemand hinguckt, gibt es nicht. Und daraus ergibt sich ein bestimmtes Bild – und das ist spannend."

Auch wenn die Wiesn dieses Jahr ausfällt, hat man, wenn man die Villa Stuck verlässt, das Gefühl, man sei doch dort gewesen. Daran haben auch die einprägsamen Sounds einen großen Anteil: Tonwolken, Geräuschfetzen, Originaltöne vom Oktoberfest, die wie Klanginseln im Raum erschallen und im Kopf noch lange nachklingen.