Digitalisierung Corona hat die digitale Blase platzen lassen

Das Virus hat die Möglichkeiten der Digitalisierung unseres Lebens ausgelotet – und damit auch ihre Grenzen offengelegt: menschliche Nähe. So praktisch sie auch ist, in ihrer Totalität ist die Digitalisierung eine Horrorvision.

Von: Max Büch

Stand: 30.06.2020 | Archiv

Streetart in Exarcheia, "The sun don't shine in our screen" by Yeti  | Bild: Aesthetics of Crisis/aestheticsofcrisis.org

Wow, Zoom! So viele von unserer global verstreuten "Erasmus-Familie" hatten sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Und jetzt plötzlich alle im Video-Chat vereint, von Uruguay über Italien bis nach Katar. "Ein bisschen traurig ist es ja schon, dass es dieses Virus braucht, damit wir alle mal wieder zusammenfinden", so die einhellige Meinung. Aber von Zoom hatte vor Corona schließlich noch niemand gehört – und Telefonkonferenzen hatten den Charme von Bewerbungsgesprächen – sich bloß nicht verplappern.

Der Shutdown hat die Vernetzung unseres Lebens nun exemplarisch von vorne bis hinten durchgespielt und damit die letzten Stellschrauben für einen reibungslosen Ablauf nachgezogen. Die Digitalisierung funktioniert jetzt bis ins letzte Detail: Die Arbeit wird über Organisationstools wie Slack oder Teams koordiniert und die Daten über die Cloud organisiert. Was haben wir allein über die internationalen Videokonferenzen global an Kerosin gespart! Kulturereignisse wurden ohnehin schon lange über Social Media verbreitet – jetzt waren sie auch als Livestream direkt erlebbar. Wie schön war es, Igor Levits Konzerte live miterleben zu dürfen! Oder die Düsseldorf Düsterboys über das Deko-Grünzeug schwadronieren zu hören! Private Kontakte werden natürlich ganz klassisch über das Telefonat gepflegt – wenn auch die Gespräche ausführlicher wurden. Aber es kam noch etwas hinzu: die Verabredung über Video-Chats wie Zoom. Was haben wir beim letzten Video-Stammtisch getrunken und gelacht!

Ein Ausblick auf die Entfremdung vom Leben durch die Digitalisierung

Wie hätte diese Krise bloß ohne das Internet ausgesehen? Unvorstellbar? Oder vielleicht ja gerade doch vorstellbar, weil alle Kommunikation auf einmal digital sein MUSSTE, um das gewohnte Leben einigermaßen aufrecht zu erhalten? Über die Systemrelevanz von Berufsfeldern kann man diskutieren – die Relevanz des Internets für unser Leben ist unstrittig.

Karl Marx hat seinerzeit vor der der Entfremdung von der Arbeit durch die immer gleichen Handgriffe gewarnt, die die Industrialisierung von den Menschen abverlangte. Der Mensch reduziert auf ein Wesen, das für das reibungslose Funktionieren der Maschinen zu sorgen hatte. Was wir während des Shutdowns erleben konnten, war ein Ausblick auf die Entfremdung vom Leben durch die Digitalisierung: in ihrer temporären Totalität eine Dystopie, auf Dauer eine Horrorvision. Ausgerechnet die Natur hat mit ihrem Virus die Möglichkeiten der Digitalisierung unseres Lebens ausgelotet – und damit gleichzeitig ihre Grenzen klar aufgezeigt: die Verbindung zur Natur und mit ihr die echte menschliche Nähe.

Emanzipation vom Heilsversprechen der Digitalisierung

Wie viele Tage mussten wir im Homeoffice arbeiten, um einen Arbeitstag mit Kolleg*innen im Büro fast als Urlaub zu empfinden? Wie viele Livestreams haben wir geschaut, um bei einem echten Live-Erlebnis instant Gänsehaut zu bekommen. Wie viele stundenlange Telefonate mit Freunden mussten wir führen, um die Leere zu fühlen, und wie das Herz dann wortwörtlich aufgeht, wenn man beim gemeinsamen Grillabend wieder zusammensitzen kann?

Letzte Woche hat das Opernhaus von Barcelona mit einer höchst außergewöhnlichen Performance wiedereröffnet und im Livestream übertragen: ein Konzert für 2.292 Topfpflanzen. Das "Concierto para el bioceno", Konzert für das Biozän, war eine spektakuläre Verneigung in gold-grün vor der Natur. Der 62-jährige Künstler Eugenio Ampudia bekannte, er habe während der Zeit des Shutdowns eine neue Verbindung zur Natur aufgebaut.

Es geht auch ohne!

Die Grenzerfahrung, über Monate ein asoziales Wesen sein zu müssen, führte bei vielen zu einer Emanzipation vom Heilsversprechen der Digitalisierung. Die Bequemlichkeit, die mit ihr einhergeht, möchte niemand missen. Tatsächlich mutierte die Bequemlichkeit in den letzten Monaten zur zwanghaften Unbeweglichkeit. Sie wurde zu einer virtuellen Fessel, mit der wir lokal fixiert waren: ein digitaler Filter für jegliche menschliche Beziehung außerhalb des eigenen Haushalts.

Die Verheißung der Digitalisierung ist schillernd und schön – ihre scheinbar unendlichen Möglichkeiten letztendlich doch begrenzt. Wir kommen gut mit ihr aus. Aber jetzt wissen wir auch wieder, wie gut wir ohne sie auskommen: Die Bubble ist geplatzt.

Artikelbild: "The Sun Don't Shine in Our Screen" von Yeti, Streetart im Viertel Exarcheia in Athen, fotografiert von Julia Tulke für ihr Projekt "Aesthetics of crisis" über politische Streetart und Graffiti.