Bühne im Netz Tipps für Theaterstreams

Die BR Kulturbühnen-Theaterkennerin Stephanie Metzger weist den Weg durch die vielfältigen Angebote, mit denen Bühnen auf die Schließung reagiert haben.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 06.04.2020 09:12 Uhr

Szene aus Don't be evil. - Theaterstueck von Kay Voges & Ensemble, in der Volksbuehne Berlin | Bild: picture alliance/Eventpress

Die Theater in Deutschland wollen trotz Schließung mit ihrem Publikum in Kontakt bleiben. Dafür lassen sie sich einiges einfallen. Blogs, YouTube-Kanäle, Podcasts und Videos aus dem digitalen Fundus. Besonders spannend: die Experimente mit Live-Momenten im Netz.

Die Notgemeinschaft des Streams

Seit Mitte März haben die Münchner Kammerspiele eine neue Spielstätte: die "Kammer 4". Auf dieser virtuellen Bühne stellen sie jeden Tag einen Theatermitschnitt 24 Stunden online. Keine alten Produktionen, sondern allesamt Inszenierungen aus der aktuellen Spielzeit. Näher am eigentlichen Theatergefühl als diese Videos sind die Live-Web-Cam Aufführungen, die unregelmäßig auf dem digitalen Spielplan stehen.

"Yung Faust" an den Münchner Kammerspielen

Besonders spannend wird es dann, wenn Stoff und Form so gut zusammen passen, wie etwa bei der Übersetzung der Inszenierung "Yung Faust" von Leonie Böhm in ein Live-Webcam-Projekt: Die Darsteller*innen spielten in ihren Wohnungen, interagierten über die Plattform Zoom und reagierten auf Zuschauerkommentare. Für ein Stück über innere Leere und die Suche nach Nähe war das eine Spielform, die sofort einleuchtete.

Auch ein ganzes Festival mit Skypekonferenz und gestreamten Aufführungen hat in der "Kammer 4" bereits stattgefunden. Es bleibt spannend, was sich das Haus noch an Experimenten zwischen Theater und Digitalität einfallen lässt.

Der Chat als Rettung?

Obwohl die Theater nicht spielen können, ist das Gespräch über Theater vielleicht präsenter denn je. So in etwa hat es Regisseur Christopher Rüping ausgedrückt. Wie das? Indem Theater und Kritik an einem Strang ziehen. Während in der "Kammer 4" und auf der Seite des Theaterkritik-Portals nachtkritik.de ein Mitschnitt der Inszenierung "Trommeln in der Nacht" gestreamt wurde, schrieben der Regisseur und der Kritiker Christian Rakow im Chat, antworteten auf Fragen der Zuschauer, erzählten vom Making Of. Community Viewing der besonderen Art. Zum ersten Mal habe er im Digitalen einen Anflug des Gemeinschaftsgefühls gespürt, "das ich am Theater im analogen Raum so liebe", zitieren die Kolleg*innen von Nachtkritik.de einen Tweed Rüpings.

Wie das Portal überhaupt die aktuellen Entwicklungen, Herausforderungen und Aktionen der Bühnen mit Kommentaren, Spielplanüberblicken und Interviews begleitet. Umfassend und informativ.

Highlights der Theatergeschichte

Für so manche Theaterwissenschaftlerin, wie etwa die Autorin dieser Empfehlungen, war es ein Schauspiel, das nicht so schnell verblasste: die traumwandlerisch-melancholische Performance von Bruno Ganz als Prinz von Homburg in der Regie von Peter Stein. Selbst auf dem Videomitschnitt aus dem Jahr 1972 vermittelt sich diese Schauspielkunst.

Tschechows "Drei Schwestern" von 1984

"Prinz Friedrich von Homburg" von Kleist stand für einige Stunden auf dem digitalen "Ersatzspielplan" der Schaubühne Berlin. Neben aktuellen Inszenierungen, Lesungen und Projekten sind es besonders solche historischen Theateraufzeichnungen, die das Angebot auszeichnen. Perlen des Archivs jeweils von 18.30-24.00 Uhr online.

Demnächst etwa Peter Steins "Die Orestie des Aischylos" aus dem Jahr 1980 oder seine Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" von 1984.

Videoabend mit Wagner

Über vier Stunden dauert Wagners "Parsifal" an der Bayerischen Staatsoper. Genossen auf der Couch vielleicht wirklich bequemer als auf dem harten Theatersessel mit wenig Platz für die Beine? Man muss diese Frage nicht abschließend beantworten, um die Gunst der Stunde zu nutzen und die meist nur schwer und teuer zu habenden Aufführungen der Bayerischen Staatsoper jetzt online zu genießen.

Jonas Kaufmann singt den Parsifal in der Inszenierung von Pierre Audi, Diana Damrau die "Lucia di Lamermor" von Gaetano Donizetti in der Inszenierung von Barbara Wysocka. Auch Ballett ist geboten: "Portrait Wayne McGregor" zum Beispiel. Hochkarätige Künstler, erstklassige Inszenierungen. On Demand für jeweils mehrere Tage.

Freie Szene on Demand

Die Idee ist viel älter als Corona, aber dass spectyou.com jetzt schneller als geplant freigeschaltet wurde, ist der aktuellen Situation geschuldet. Theater und freie Theaterschaffende aus dem deutschsprachigen Raum können hier ihre Inszenierungsmitschnitte hochladen. Denn auch für freie Theatergruppen ist es inzwischen Standard, Mitschnitte ihrer Projekte zu erstellen. Teilweise extrem ausgefeilt und künstlerisch anspruchsvolle Aufzeichnungen sind das, da die Videos auch als Visitenkarte für Gastspiele und Projektanträge dienen.

Performance der Gruppe machina ex

Mit diesem Material will "spectyou" jetzt freien Gruppen und Bühnen für Performance, Tanz und Schauspiel eine breitere Öffentlichkeit verschaffen. Weitere Ziele: Vernetzung und lebendige Archivierung. Bereits dabei sind Gruppen wie Monster Truck, die thematisch gerne provozieren und ästhetische Grenzen austesten, das queerfeministische Theaterkollektiv "Henrike Iglesias" oder die Gameexpert*innen von "machina ex".

Eigentlich basiert die Plattform auf einem Bezahlmodell: Der User kann gegen eine Gebühr einzelne Videos abrufen oder ein Abo abschließen. Aufgrund der aktuellen Situation stehen die Aufführungen momentan aber kostenfrei zur Verfügung.

Die Krise als Chance

Die Beispiele zeigen: Die Krise macht Theaterschaffende auch im Netz kreativ. Das ist so verständlich wie paradox, lebt die Kunst des Theaters doch eigentlich davon, dass Menschen an einem Ort zusammenkommen, um anderen Menschen beim Spielen zuzusehen.

Aber sind deswegen die aktuellen Aktionen der Theater "hilflos" zu nennen, wie Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles, es in einem Interview getan hat? Positiv gewendet bieten sie vielleicht die Chance, neue künstlerische Ausdruckmittel zu erforschen. Für ein Theater, das auch in der Zeit nach Corona analoge und digitale Welten verschränkt. Zugegeben, das ist ein hoher Anspruch, den auch nicht alle Angebote erfüllen. Es auch nicht müssen, um trotzdem Interessantes zu bieten.