Salzburger Festspiele TV-Star Verena Altenberger: Buhlschaft mit Buzz Cut

Wer ihren Namen googelt, der sieht: Gerade geht's den meisten vor allem um ihre kühne Frisur. Keine Sorge, kommt bei uns auch vor. Noch mehr interessiert uns allerdings, was Verena Altenberger über die vielbeachtete Rolle zu sagen hat, die sie heuer erstmals spielt: Die der Buhlschaft im Salzburger "Jedermann", dem "Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes".

Von: Christoph Leibold

Stand: 15.07.2021

Verena Altenberger bei der Vorstellung Ihres Polizeiruf-Films "Bis Mitternacht" im Juli 2021 in München | Bild: Tobias Hase/dpa

"Es ist so lustig, dass alle immer sagen: Das ist vom Frauenbild her nicht state of the art. Also das, was da steht, in diesem Text von Hofmannsthal, ist eine emanzipierte Frau. Ich bin nicht die Erste, die drauf kommt. Das haben viele Kolleginnen vor mir auch schon so gespielt. Das ist eine Frau, die ihre Grenzen setzt. Sie sagt einfach: bis hierher und nicht weiter. So viel dazu, ob sie emanzipiert ist oder nicht. Ich glaube, sie war das schon immer."

Und ebenfalls schon immer wurde überproportional großes Aufhebens um die Frage gemacht, wer denn diese eigentlich recht kleine Rolle spielt. Die Buhlschaft, also die Geliebte des Titelhelden in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann", die sich standhaft weigert, an der Seite des reichen Mannes aus dem Leben zu scheiden – sie ist seit jeher so prominent besetzt wie die Hauptfigur. Verena Altenberger kann diesbezüglich mit reichlich Fernsehpräsenz punkten. Darüber hinaus aber erwartet das Festspielpublikum – emanzipierte Frauenfigur hin oder her – schon auch, dass die Buhlschaft weibliche Erotik ins Spiel bringt und ein fesches Kleid trägt.

"Das macht mir gerade eine totale Freude", sagt Altenberger: "Den Glamour zu bedienen und ihn zu dekonstruieren und damit einfach zu spielen und zu suchen, was denn die Aussage ist, die ich da in dem Fall erzählen möchte."

Schneewittchenschön und heroinabhängig – Altenberger kann beides

Verena Altenberger wäre durchaus in der Lage dazu, die gängigen Buhlschaft-Klischees zu erfüllen. Die Frage ist, ob sie das will. Sie hat ein schneewittchenschönes Gesicht, gerahmt von ebenholz-dunklen Locken. Ihren schauspielerischen Durchbruch feierte sie allerdings in einer denkbar unglamourösen Rolle: 2017 in Adrian Goigingers Spielfilm "Die beste aller Welten". Da spielt sie eine Heroinabhängige – mit fettigem Haar, Hautausschlag im Gesicht und tiefen Ringen unter den Augen, in denen sie freilich immer wieder trotzigen Behauptungswillen aufblitzen ließ.

"Ich hatte bis dahin nicht nur kleinere Rollen", sagt sie, "es waren auch hübsche Rollen. Es war die Prostituierte, die Geliebte, die Sekretärin, die vielleicht eine potenzielle Affäre ist. Und das sind ja dann doch eher so standardisierte, eben hübsche Frauenrollen. Es ist nicht nur in der Filmbranche das Frauenbild immer noch ein bisschen eingeschränkt. Das war für mich wirklich so ein Befreiungsschlag. Auch zu sagen: Mir ist das so scheißegal, wie ich aussehe."

Da hat sie ihre Haare noch: Altenberger als Polizeikommissarin Eyckhoff, zu sehen im Herbst im Ersten

Für "Die beste aller Welten" wurde Verena Altenberger beim Grazer Filmfestival Diagonale als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Von da an nahm ihre Karriere Fahrt auf. Seit zwei Jahren ermittelt sie im BR-Polizeiruf als Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff. Ihr vierter Fall wurde gerade beim Münchner Filmfest gezeigt und wird voraussichtlich im September im Ersten zu sehen sein.

Seit zwei Jahren ist sie Polizeiruf-Kommissarin

"Bis Mitternacht" heißt der von Dominik Graf inszenierte Psychokrimi, in dem Eyckhoff einen mutmaßlichen Frauenmörder im Verhör überführen muss. Das Schöne an so einer fortlaufenden Figur, sagt Altenberger, sei, dass man sie immer weiterentwickeln könne. So stecke eine Menge von ihr selbst in der Rolle, zum Beispiel das großes Interesse am Menschen. Psychologisches Gespür brauche man für die Polizeiarbeit wie für die Schauspielerei. Aber natürlich gibt es da auch große Unterschiede zwischen ihr und Elisabeth Eyckhoff.

"Sie ist Polizistin, sie ist zur Polizei gegangen", sagt Altenberger. "Das ist tatsächlich ein Beruf, den ich sehr interessant finde, aber niemals mir vorstellen könnte. Allein die Tatsache, dass das ein Beruf ist, in dem man eine Waffe berufsmäßig mit sich rumträgt und damit ja auch einhergeht, dass man grundsätzlich die Bereitschaft hat, in einer Notsituation von dieser Waffe Gebrauch zu machen –das könnte ich mir einfach im Leben nicht vorstellen."

Altenberger und Eidinger - das Dream Team 2021

Auf dem Salzburger Domplatz trifft Verena Altenberger nun also auf Lars Eidinger als Jedermann. Mit Eidinger stand sie bereits in David Schalkos Remake des Fritz Lang Klassikers "M. Eine Stadt sucht einen Mörder" vor der Kamera. Und auch sonst trifft die 33-Jährige in Salzburg auf ein vertrautes Umfeld. Sie ist in der näheren Umgebung aufgewachsen. Und vor einigen Jahren schon hat die vielfach Begabte in zwei Opernproduktionen der Festspiele mitgewirkt: "Ich habe eine Spielzeit in 'Armida' im Tanzchor getanzt und zwei in 'Don Giovanni' - als Solistin sogar, aber in einer Tanzszene, die ungefähr 30 Sekunden lang ist."

Dagegen sind dann selbst die überschaubaren Auftritte der Buhlschaft im "Jedermann" deutlich länger. Ihr Fernsehschaffen hätte Verena Altenberger allerdings beinah Probleme bereitet in Salzburg, sozusagen um ein Haar: Für die Rolle einer Krebskranken ließ sie sich nämlich kürzlich eine Glatze scheren. Inzwischen sind zwar ein paar Zentimeter nachgewachsen, aber weil Verlockung bei der Buhlschaft – so will es das Klischee – auch mit Locken zu tun hat, musste Altenberger sich die Rasur von den Festspielen genehmigen lassen. Und vielleicht wird sie die Haare jetzt sogar als Buhlschaft kurz tragen. Mehr Emanzipation vom Rollenklischee ginge fast nicht.

"Dass ich die Buhlschaft mit so ganz kurzen Haaren spielen werde? Vielleicht, es gibt auch Perücken. Wir haben uns noch nicht festgelegt. Wir sind am herumexperimentieren. Aber mir war es immer wichtig zu sagen, es darf nicht die Grundbedingung sein, dass es mit Perücke ist. Ich glaube, dieses Thema ist durch, und da bin ich happy. Es besteht die Möglichkeit, auch eine Buhlschaft 2021 mit – ich habe gelernt, die Frisur heißt Buzz Cut! – mit einem Buzz Cut zu spielen."

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