Corona-Regeln Was wir von der Spieltheorie lernen können

Wie hälst Du es mit den Corona-Regeln? Die Gretchenfrage der Pandemie spielt oft nur eine untergeordnete Rolle. Nur: Was helfen die strengsten Regeln, wenn sie insgeheim niemand befolgt?

Von: Max Büch

Stand: 22.02.2021

Was können wir von der Spieltheorie für den Umgang mit der Pandemie lernen? | Bild: Beata Zawrzel/NurPhoto/pa

"Die Spieltheorie generell befasst sich mit dem strategischen Verhalten von Personen, von Akteuren. Es sind Entscheidungen von Politikern oder von Staaten: Inwieweit kaufen sie die Impfstoffe? Kaufen Sie die national oder im europäischen Raum? Denken Sie weltweit, wie es etwa die COVAX-Initiative für die weltweite Verteilung von Impfstoffen beabsichtigt", sagt Andreas Diekmann, der sich mit der Forschung über soziale Kooperation und der Spieltheorie beschäftigt. "Alles das sind strategische Fragen und die Spieltheorie ist die Methode, um solche strategischen Situationen zu analysieren."

Neue soziale Normen in der Corona-Pandemie

In seiner aktuellen Publikation hat er sich mit der "Entstehung und Befolgung neuer sozialer Normen" der Corona-Krise auseinandergesetzt: Abstandsregeln, Maskenpflicht, Kontaktsperren. Mit Hilfe der Spieltheorie arbeitet er darin unterschiedliche spieltheoretische Typen dieser Normen heraus und beschreibt, welche Konsequenzen das für die Befolgung der neuen Normen zur Folge hat. Also: Halten wir uns an die neuen Normen und warum halte wir uns daran oder nicht? Mit einfachen Spielmodellen lassen sich Handlungsmuster voraussagen, die durch zahlreiche Studien zu den gängigen Modellen nachgewiesen werden konnten.

Zum Beispiel die Maskenpflicht: "Aus der Sicht der Spieltheorie und der sozialen Dilemma-Forschung hätte man sofort sagen können, dass Empfehlungen in diesem Fall keinen Nutzen haben, denn die Befolgung der Norm 'Maskentragen' erfolgt einfach nicht im Eigeninteresse", sagt Diekmann. In Deutschland sei die Maskenpflicht erst sehr spät, am 27. April, eingeführt worden. Anschließend sei das Maskentragen in Supermärkten fast auf 100 Prozent angestiegen, während die Masken davor nur von einer kleinen Minderheit getragen wurden.

"Man muss die Spielregeln verändern, das ist die Idee."

Die Spieltheorie stammt ursprünglich aus der mathematischen Theorie und hat aber längst in vielen anderen Forschungsbereichen, wie den Wirtschaftswissenschaften, der Psychologie oder der Soziologie Einzug gehalten. Für seine Publikation hat sich Diekmann vor allem mit Modellen einfacher Spielsituationen gearbeitet, wie der Unterscheidung zwischen Kooperationsspiel und das Koordinationsspiel nach Edna Ullmann-Margalit: Während bei einem Koordinationsspiel das Eigeninteresse und der kollektive Nutzen übereinstimmen und sich Koordinationsnormen fast von alleine durchsetzen, kommt es bei Kooperationsnormen zu sozialen Dilemmata: Eigeninteresse und kollektiver Nutzen sind nicht deckungsgleich.

"Die Spieltheorie analysiert die Struktur der Situation, kann sagen: Das und das sind die Risiken, so werden sich die Leute möglicherweise verhalten." Und wenn das Ergebnis nicht zufriedenstellen ist, erläutert Diekmann, kann man untersuchen, was man anders machen könnte. "Man muss die Spielregeln verändern, das ist die Idee."

"Wir Menschen haben ein Freiheitsbedürfnis"

Das lässt sich, wie im Fall der Maskenpflicht, durch die Androhung von Sanktionen erfolgreich umsetzen. Wobei die neueren FFP2-Masken, die andere und einen selbst schützen, diesen Widerspruch erst einmal aufgelöst haben. Bei einigen sozialen Normen wie dem Versammlungsverbot oder der Kontaktsperre spielen allerdings andere sozialpsychologische Beweggründe eine entscheidende Rolle, wie ernst wir es mit der Umsetzung der Normen nehmen.

"Wir Menschen haben ein Freiheitsbedürfnis", sagt Rolf van Dick, der als Professor die Abteilung Sozialpsychologie an der Goethe-Universität in Frankfurt leitet. "Das ist sehr gut in der sozialpsychologischen Theorie der psychologischen Reaktanz erforscht. Wenn uns dieses Freiheitsbedürfnis genommen wird oder, wenn wir eingeschränkt werden, dann haben erst einmal alle Menschen im Grunde die Tendenz, etwas dagegen zu tun, uns aufzulehnen." Das werde aber reduziert, wenn Einschränkungen als legitim wahrgenommen würden. Im Fall der Corona-Maßnahmen also: "Auf welche Experten Urteile stützen wir uns? Was ist die Grundlage unserer Entscheidung? Welche Zahlen haben wir?" Da könne man durchaus auch zugeben, wenn man unsicher sei, so von Dick. "Wenn für manche Bereiche Zahlen noch nicht vorliegen oder die Evidenz noch nicht so hart ist, sollte man das zugeben. Das schafft Glaubwürdigkeit."

"Macht endlich auch die Büros zu!"

Rolf van Dick forscht unter anderem zu Thema Führung und der Beziehung in und zwischen Gruppen. Seiner Ansicht nach geht es beim Befolgen der Corona-Regeln aus sozialpsychologischer Sicht aber auch um Kontingenz und Konsequenz. Menschen seien schließlich lernende Lebewesen: "Wir lernen am besten, wenn auf eine bestimmte Handlung auch eine bestimmte Konsequenz folgt. Diese Konsequenz muss dann aber schnell erfolgen und auch kontingent erfolgen. Das heißt, es müssen alle Menschen die gleichen Konsequenzen spüren. Basierend auf den Kriterien und nicht zufällig danach, ob gerade in einem Bundesland Wahlen anstehen und Ministerpräsidenten sich beliebt machen wollen."

Keine gesetzliche Regelung zum Homeofffice

Ob "Homeoffice-Gipfel" der bayerischen Staatsregierung am 13. Januar als konkrete Reaktion auf die schwelende Debatte einberufen wurde, ist unklar. Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger bezog auf der anschließenden Pressekonferenz allerdings direkt dazu Stellung:

"Die aktuelle Debatte um Homeoffice zeigt, dass hier politischer Druck aufgebaut werden soll, noch mehr Homeoffice zu machen. Wir sagen ganz klar: Wo das möglich ist, unterstützen wir das. Wir gehen auch davon aus, dass der Großteil der Arbeitgeber von sich aus es für sinnvoll hält, Arbeiten, die man von zuhause aus erledigen kann, auch nicht im Betrieb erledigen zu lassen"

Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söders stellte zu dem klar, dass das Arbeiten im Homeoffice ein wichtiges Thema sei und auch mehr passieren müsse als bisher. "Das Motto heißt also mehr als bisher, wo immer es geht. Wir waren uns einig, dass wir keine gesetzliche Grundlage dafür brauchen, weil es nämlich auch in den einzelnen Betriebs- und Produktionsabläufe zu Herausforderungen führen könnte."

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Pressekonferenz zum „Homeoffice-Gipfel“ (13. Januar 2021) - Bayern | Bild: Bayern (via YouTube)

Pressekonferenz zum „Homeoffice-Gipfel“ (13. Januar 2021) - Bayern

Kooperationsnorm: Arbeiten im Homeoffice

Sieht man rückblickend auf die Entwicklung beim Tragen von Schutzmasken und vergleicht sie spieltheoretisch mit der Bereitschaft zum Arbeiten im Homeoffice, sind die Parallelen offensichtlich: Auch das Arbeiten im Homeoffice ist eine recht klare Kooperationsnorm. Die Eigeninteressen stehen dem kollektiven Nutzen entgegen. Wer wirklich erreichen möchte, dass Büroarbeiten überwiegend von zu Hause aus erledigt werden und damit auch in diesem Bereich die Wahrscheinlichkeit von Ansteckung minimiert wird, muss die gesetzlichen Grundlagen schaffen und entsprechend Sanktionen einführen. Die Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten ist nachhaltig erwiesen. Bei einer Umfrage vor Einführung der Maskenpflicht wurde das Aufsetzen von Schutzmasken beim Einkaufen von mehr als 60 Prozent der Befragten, im öffentlichen Nahverkehr sogar von mehr als 80 Prozent befürwortet.

Spieltheorie: von der Corona-App bis zur Verteilung der Vakzine

Natürlich ist die Spieltheorie kein Wundermittel, um alle Problemstellungen in der Pandemie zu lösen. Sie kann aber in vielen neuralgischen Entscheidungssituationen eingesetzt werden, um ein Infektionsgeschehens schneller in den Griff bekommen. Beispiel Corona-App: Welche zusätzlichen Anreize könnten dabei helfen die Bereitschaft zum Downloaden zu erhöhen? Etwa, wenn die App etwa auch das Infektionsgeschehen in der direkten Umgebung mit anzeigen würde?

Wie viele positiv Getestete würden ihre Daten an die App weitervermitteln, wenn sie sich nicht aktiv dafür entscheiden müssten. Also wenn beim Testen nicht die Zustimmung, sondern die Ablehnung einer digitalen Datenübermittlung mit abgefragt würde?

Und welche zusätzlichen Anreize oder gesetzlichen Vorgaben können wir schaffen, um die Produktionskapazitäten für die Vakzine auf ein Niveau zu bringen, dass der Impfstoff global schneller verabreicht werden kann, als neue Mutationen des Corona-Virus sich ausbreiten können?

So wichtig auch der Fokus auf das Infektionsgeschehen ist: Wir sollten bei aller Epidemiologie nicht außer Acht lassen, dass wir es beim Kampf gegen die Pandemie auch mit einer bisweilen recht sturen und eigenwillig handelnden Variable zu tun haben: dem Menschen.