Kabarettistin Sissi Perlinger "Wir brauchen mehr weise, mütterliche Frauen in Machtpositionen"

Die legendäre Komödiantin Sissi Perlinger ist schrill, klug – und vor allem eine schlaue Feministin. Das wollten wir ihr gerne mal sagen. Und ein paar Fragen stellen. Ein Interview.

Stand: 25.11.2021

Eine Frau mit blonden Locken und Leopardenkostüm | Bild: BR

Huch! Sissi Perlinger hört auf. Da sind wir sehr erschrocken, als sie verkündet hat, dass ihr aktuelles Programm das letzte sein soll. Denn Sissi Perlinger ist in Hochform. Weniger zotig als früher, dafür politisch und scharf. Aber: Sie will auswandern. In Goa und auch anderswo ihre Karriere auf Englisch neu justieren als Bühnen-Schamanin und Skurril-Entertainerin. Dabei würde sie gerade hier und jetzt so dringend gebraucht. Keine sagt dem Patriachat so witzig, kraftvoll und pointendicht den Kampf an wie sie. Ein Gespräch über die "Männlichkeit" als ablaufendes Serien-Modell.

Andreas Krieger: Frau Perlinger, ist es schön eine Frau zu sein?

Sissi Perlinger: Nein. Es ist an den meisten Orten dieser Welt nicht schön, eine Frau zu sein. Es war sogar für mich, sogar in Deutschland ein Kampf. Ich musste mich zum Beispiel meine ganze Jugend in meinen Beziehungen herumstreiten, wieso jetzt schon wieder ich den Abwasch machen soll und warum das nicht fair geteilt wird. Aber ich kann sagen: Heute habe ich einen tollen Mann, der mich voll unterstützt und der auch einkauft, kocht und alles macht. Die Gleichberechtigung hat also in meinem Leben Einzug gehalten, aber noch lange nicht in dieser Welt.

Und wie ist Ihr Selbstverständnis – als Frau?

Mein Selbstverständnis, gerne eine Frau zu sein, kam erst sehr spät. Erst mal war es ein kompletter Schock für mich, dass ich überhaupt Mädchen werden musste. Ich war in der Grundschule immer die Kräftigste beim Raufen, habe mich wie ein Lausbub angezogen und alle im Armdrücken besiegt. Dann plötzlich habe ich Titten gekriegt und die Jungs die Muckis. Damit habe ich gehadert und mich in vielerlei Hinsicht benachteiligt gefühlt. Dann habe ich mich aber mit Ende 20 in meinen Soloshows freigespielt. Ich habe zum Beispiel eine sexy Nummer in Netzstrümpfen geschrieben und gesungen: "Ich bin in Wirklichkeit ein Tier. / Erziehung, die nützt nix bei mir". Darüber habe ich langsam aber sicher meine Erotik und meine Weiblichkeit auf der Bühne entdeckt.

In Ihrem aktuellen Programm geht es ganz viel um die Balance zwischen männlicher und weiblicher Energie. Das ist sehr lustig und sehr entlarvend.

Und sehr wichtig, denn was hier gerade abläuft auf diesem Planeten ist das Resultat dieses extremen Ungleichgewichts. Den Frauen wurde ihre gesamte Power über die Jahrtausende systematisch genommen, bis hin zu dem Punkt an dem man 300 Jahre lang bis zu fünf Millionen von uns zu Tode gefoltert und auf den Scheiterhaufen des Mittelalters verbrannt hat. Das alles und noch viel mehr wirkt bis heute nach, auf feinstofflicher Ebene. Im patriarchalischen System geht es immer um Wettkampf, um höher, schneller, weiter. Die fatale Mischung aus Adrenalin und Testosteron hat zu Tausenden von Kriegen und Raubzügen geführt. Nur ein Prozent des Geldes weltweit ist in weiblicher Hand. Ich sage, wir brauchen dringend mehr mütterliche, beschützende, bewahrende, liebevoll gegenseitig wachsen lassende Energien. Aber es ist wirklich lustig zu sehen, wie viele Männer im Publikum Angst kriegen, wenn ich so etwas äußere. Dabei wäre es doch auch in ihrem Sinne, wenn sie nicht mehr die gesamte Last auf ihren Schultern tragen müssten. Männer würden viel seltener an Herzinfarkten sterben, sie hätten besseren Sex und würden in einer wesentlich entspannteren gesünderen Umwelt leben. Ich glaube, dass wir viel mehr weise, mütterliche Frauen in Machtpositionen brauchen, die auf den Tisch hauen und das Spiel der Jungs nicht mehr mitmachen.

Sie haben sich schon früh von männlichen Zwängen befreit.

Ich persönlich hatte einfach das Glück der späten Geburt und konnte meine Prägung in einem freien Land in den 70ern erfahren. Und ich hatte das große Glück, dass ich das Talent hatte, mir meinen eigenen Beruf als One-Woman-Skurril-Entertainerin erfinden zu können. Ich bin 37 lang Jahre komplett selbstbestimmt als Tänzerin, Sängerin, Komikerin, Schauspielerin und Musikerin erfolgreich gewesen. Dadurch war ich finanziell unabhängig und konnte mich komplett selber verwirklichen. Ich habe über jeden großen Entwicklungsschritt in meinem Leben ein lustiges Programm geschrieben und dieses dann auf der Bühne drei bis vier Jahre lang jeden Abend quasi mantrisch wiederholt. Dadurch sinken die dazugehörigen Lernschritte wirklich ins Unterbewusstsein ein. Das ist ein sehr heilsamer Prozess. Aber auch eine sehr weibliche Art des Humors, vor versammeltem Publikum an den eigenen Schwächen rumzudoktern.

Stehen sich die Männer oft selbst im Weg?

Das alte Männlichkeitsbild ist bewiesenermaßen dysfunktional. Männer, die sich davon befreien, begreifen, wie viel besser sie es haben, wenn sie zum Beispiel mit selbstständigen, emanzipierten Frauen liiert sind. Sobald man auf gleicher Augenhöhe mit einer starken, lustigen Frau agieren kann, hat Mann doch eine ganz andere Beziehungsqualität.

Mit Ihrer Kleidung machen Sie den Eindruck, als würden sie gerade als Wild-Katze zum Kostümball gehen. Sie tragen seit 15 Jahren nur noch den sogenannten Leo-Print, also Leoparden-ähnliche Muster. Warum?

Ich bin schon als Kind verkleidet in die Schule gegangen und habe mich mit dem Malkasten angemalt. Dann bin ich in meinen Bühnenprogrammen in hundert verschiedene Facetten meiner selbst geschlüpft. Irgendwann habe ich das alles durcherlebt und ausgeschwitzt. Und dann bin ich drauf gekommen, dass ich mich privat einfach in Leopardenmuster am authentischsten fühle. Das bin wirklich ich, ich bin eine Katze in so vielen Arten und Weisen und deswegen trage ich Leo Tag und Nacht und von Kopf bis Zeh. Ich habe auch nichts anderes mehr in meinem Schrank und das hat massenhaft Vorteile. Ich muss nie mehr shoppen gehen, denn ich hab schon alles. Es ist untereinander immer alles wunderbar kombinierbar. Und wenn ich mal kleckere, sieht man es nicht, weil: da sind schon Flecken drin.

Was ist der Schüssel für Ihr persönliches Glück?

Der Schlüssel für mein Glück ist, glaube ich, dass ich nie stagniere. Sondern ich will immer weiter lernen. Aber jetzt ist es freiwillig, freudvoll verspielt, ohne getrieben zu sein. Früher habe ich gedacht, ich muss jetzt noch das und das und das. Und da habe ich eigentlich unterbewusst meinem Papa beweisen wollen, dass ich doch was wert bin. Er hat mich sehr früh verlassen, das war eine tiefe Wunde. Und irgendwann bin ich eines Morgens aufgewacht und habe gemerkt, die Wunde ist zu und alles ist gut.

Sie haben sich schon als kleines Mädchen dazu entschlossen, nie zu heiraten und keine Kinder zu bekommen. Warum?

Ich glaube, dass wir Menschen mit bestimmten Archetypen geboren werden. Es gibt Frauen, deren größtes Bedürfnis ist es, Kinder zu haben. Das sind Demeter-Frauen. Es gibt Frauen, die wollen nur flirten und verführen. Das sind Aphroditen. Und ich bin eine Artemis. Die hat zu ihrem Vater Zeus gesagt: "Bitte lasse mich nie heiraten, lasse mich nie Kinder kriegen, lasse mich frei sein.” Das ist ein uralter Archetyp. Und ich habe den schon als ganz kleines Kind in mir gefühlt. Meine Mama hat mir mal eine Puppe geschenkt, da war ich zutiefst beleidigt: "Wie kannst du mir so etwas Hässliches schenken?” Die Idee, Mutter zu sein, war für mich nicht eine Sekunde im Raum gestanden. Und meine Mama hat zu mir gesagt: "Heirate nicht, du handelst dir nur Ärger mit der Scheidung ein!” Die hat mich da auch unterstützt und mir nichts aufoktroyiert. Meine Eltern haben mich einfach in Frieden gelassen. Auf diesem Grat zwischen totaler Vernachlässigung und In-Ruhe-Gelassen-Werden durfte ich Gott sei Dank genau das werden, was ich heute bin. Ein sehr glücklicher selbsterfüllter Mensch.

Ihre Kindheit soll aber eher schwierig gewesen sein.

Es war ganz einfach so, dass meine Mama tagsüber gearbeitet hat und nachts tanzen gegangen ist. Und das kann ich ihr auch nicht verdenken. Sie war jung und sie war Tanz-Meisterin in ihrem Club und eine extremst lebensfrohe Frau. Ich hatte so ein Gitterbett und da bin ich dringesessen die ersten drei Jahre. Als ich in Therapie war, kamen diese Bilder hoch und da habe ich tief geweint. Aber auf der anderen Seite weiß ich auch ganz tief in mir drin, dass meine Seele genau das gewählt hat. Und dass ich genau mit diesen Eltern und genau mit diesen Genen genau das werden konnte, was ich wirklich werden wollte, was meine Berufung war und der Grund meiner Reinkarnation. Ich glaube, dass die Seele sich die Eltern aussucht. In dem Moment, in dem man davon überzeugt sein kann, ist man nicht mehr Opfer einer Situation, sondern hat das alles selbst kreiert. Und ich fühle heute genau das, was ich in einem Song mal geschrieben habe:

"Es war richtig so, wie’s war / und wichtig so, wie‘s war. / Es war richtig wichtig / vom Schicksal sehr umsichtig / so, wie es war."

Haben Sie von Ihrer Mutter denn gar keine Liebe bekommen?

Doch, meine Mama hat mich schon geliebt und wir haben viel geschmust. Aber noch viel mehr geliebt hat sie mich, als ich plötzlich so erfolgreich war. Als Teenager fand sie mich wohl nicht so dufte und hat auch mal den Satz gesagt: "Na ja, wenn man Kinder kriegt, dann wünscht man sich halt, dass sie hübsch sind und klug und lustig. Und wenn das alles nicht zutrifft, ist man natürlich traurig.” Da habe ich dann halt die Arschbacken zusammengekniffen und habe meiner Mama bewiesen, dass ich sowohl hübsch als auch lustig als auch intelligent sein kann. Als sie mich auf der Bühne gesehen hat, war sie jedes Mal völlig begeistert und Feuer und Flamme. Es war eigentlich genau das, was sie auch immer machen wollte. Sie hat ja gedichtet und getanzt und war ein sehr musischer und humorvoller Mensch. Ich habe quasi ihre Träume verwirklicht, die ihr verwehrt blieben, weil sie noch in einer Zeit geboren wurde, in der Frauen nicht einfach in die Welt getigert sind, um ihren eigenen Job zu kreieren.

Eine besondere Rolle spielten in Ihrer Familie die Katzen.

Ja, die Katzen waren das absolute Zentrum unseres Familienlebens. Über die wurde geredet, mit denen wurde die ganze Zeit gespielt und gelacht. Und die Katzen waren immer bei mir, als ich klein war. Die haben mit mir geschmust und haben mich quasi großgezogen, wie die Wölfe den Mogli. Ich habe mal erlebt, wie wir Nitrofilme aus meiner Kindheit angesehen haben. Ich bin als süßes Baby zu sehen und plötzlich kommt eine kleine Katze von hinten ins Bild gelaufen und alle schreien: "Schau mal, die Katze! Kennst du die Katze? Was ist das denn für 'ne süße Katze?” Als Kind war ich wahrscheinlich völlig sekundär in der Familie. Vielleicht verkleide ich mich deswegen heute als eine. (lacht)

Den ganzen Beitrag über die großartige Sissi Perlinger sehen Sie am 25. November 2021 in Capriccio und vorab in der Mediathek.