Autorin Shida Bazyar Das Unbehagen ist politisch

Jede Kunst, jedes Schreiben, jedes Werk ist ein Ausdruck von Identität. Deshalb ist es für Kunstschaffende unerlässlich, ihr Unbehagen zu artikulieren - um die Fehler zurückliegender Werke nicht zu wiederholen.

Von: Shida Bazyar

Stand: 16.11.2021 | Archiv

Shida Bazyar | Bild: picture alliance/dpa | Georg Wendt

Was soll das bitte für eine Kunst sein, die nicht politisch ist? So oft werde ich gefragt, ob ich mein Schreiben als ein politisches begreife. Und dann weise ich darauf hin – wie so viele Menschen es derzeit tun - dass es das gar nicht gibt, ein unpolitisches Schreiben, dass jedes Schreiben politisch ist, so, wie jedes Äußern, jedes Sprechen, immer einen Akt der Identitätspolitik darstellt, völlig egal, ob ich die Sprechende bin oder, sagen wir, Christian Kracht. Und wenn jedes Schreiben politisch ist, dann ist doch jede Kunst, jede Kultur automatisch Teil einer Demokratiebildung. Alles andere wäre ja auch vertane Zeit. Und dass man denkt, dass diese merkwürdigen Begriffe - also "Demokratie" oder "Bildung“ oder, oh weia, "Identitätspolitik" - nichts mit einer künstlerischen Qualität oder einem ästhetischen Bewusstsein zu tun haben könnten, liegt vielleicht, klammheimlich, an dem Wunsch, an den bestehenden Verhältnissen nichts zu ändern. Weil man eventuell, klammheimlich, ahnt, dass man von diesen bestehenden Verhältnissen profitiert, aber wer weiß.

Das Unbehagen ist auch Machtkritik 

Es ist zehn Jahre her, da hatte ich den Begriff Feminismus noch nie im Leben ausgesprochen und umgab mich auch mit niemandem, der das getan hätte. Ich weiß nicht mehr warum ich damals auf den Youtube-Kanal Feminist Frequency von Anita Sarkeesian gelang. Sie sprach über Popkultur, vor allen Dingen über Kinofilme und –serien und das waren Themen, die ich liebte und zu der Zeit in meinem Nebenfach Medienwissenschaften auch studierte. Sie jedoch erklärte mir – und vermutlich blieb ich deswegen hängen - mein bislang stilles Unbehagen mit verschiedenen Phänomenen. Mein Unbehagen gegenüber Frauenfiguren in ansonsten rein männlichen Gruppen, denen man weder ein komplexes Innenleben noch eine Biografie zugestand. Mein Unbehagen gegenüber Plots, die zwar ein gemischteres Figurenarsenal boten, in denen aber nie die Frauenfiguren diejenigen waren, die die Handlung vorantrieben. Mein Unbehagen über Besetzungen in Kinofilmen, die von den Beschreibungen der Literaturvorlagen abwichen und für die rassistisch-stereotype Politik Hollywoods standen. Wenn man einmal einen Blick für Machtkritik bekommt, erkennt man, wie Unterdrückungen sich in nahezu allen Geschichten widerspiegeln. Und dass dies keinen Zufällen, sondern einer unsichtbaren Agenda geschuldet ist. Und wenn diese Agenda eine Demokratie prägt, was sagt uns das über die Chancen darauf, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern?

Die Lehre von den Spiegelbildern unserer Machtsysteme

Es waren der Fokus und das Dekonstruierende, wodurch Anita Sarkeesian sich von meinen Lehrenden unterschied, und womit sie meinen Blick auf die Kunst weiten sollte. Und mich, die ich gerade im Begriff war, meinen ersten Roman zu schreiben, alarmierte: so eine Kunst möchte ich nicht fortsetzen, nur, weil ich es nicht anders kenne. Ich habe kein Interesse an einer Kunst, die sich neutral und unpolitisch gibt und dabei unverblümt Schaden anrichtet. Ich lernte, Geschichten kritisch zu analysieren und das ist etwas, womit man nie fertig wird, an jedem neuen Tag verstehe ich mehr von den vielen kleinen Spiegelbildern unserer Machtsysteme.

Weil die Kunst bislang so viele Fehler wiederholt hat (und gerade das macht sie daher auch immer zu einem Politikum), steht jede gegenwärtige Kunst in der Verantwortung, diese Fehler zu korrigieren, indem sie sie nicht wiederholt. Das ist anstrengend und nicht von Erfolg gekrönt, denn Kunst lebt auch von denen, die sie bewerten, und dafür braucht es kritische Rezensent:innen und keine, die an ihrer eigenen privilegierten Stellung festhalten.

Wir brauchen differenziertere Geschichten

Wenn Form und Inhalt eines jeden Romans, eines jeden Films, einer jeden banalen Seifenoper, diese Strukturen hinterfragen, sind wir nicht nur von gerechteren Geschichten umgeben, die eine gerechtere Welt vorleben, wir werden ehrlich gesagt auch sehr viel komplexere Geschichten hören. Sehr viel ambivalentere, aufwühlendere, differenziertere Geschichten. Und das allein wäre doch ein Ziel, für das es sich lohnt, die eigenen Privilegien aufzugeben.

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, ist eine deutsche Schrifstellerin. Sie studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und war zudem in der Jugendbildungsarbeit tätig. Ihr Debütroman, »Nachts ist es leise in Teheran« erschienen im Jahr 2016, wurde mit dem Bloggerpreis für Literatur, dem Ulla-Hahn-Autorenpreis sowie dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet.

Der Essay ist Teil unserer Reihe "Kultur & Demokratie“. Hans Platzgumer, Shida Bazyar und Norbert Niemann denken in drei exklusiven Essays für den Zündfunk über das Verhältnis von Demokratie und (Pop-)Kultur nach.