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Sheela Gowda Kunst aus Kuhfladen

Am 11. Mai eröffnet nun endlich die Ausstellung der indischen Künstlerin im Münchner Lenbachhaus. Nachdem die Vernissage nur virtuell stattfand, können sich endlich alle ein Bild machen.

Von: Andreas Krieger

Stand: 08.05.2020 | Archiv

12 Mai

Dienstag, 12. Mai 2020, 10:00 Uhr

Endlich! Die bayerischen Museen können ihre Pforten wieder öffnen. Auch das Lenbachhaus. Zu sehen: die Ausstellung der indischen Künstlerin Shela Gowda.

Es ist ihre erste Retrospektive in Deutschland. Und hätte den Durchbruch in Europa für sie bedeutet: Sheela Gowda, Documenta-Teilnehmerin und eine der wichtigsten indischen Künstlerinnen. Doch ihre Ausstellung "Sheela Gowda. It.. Matters" im Lenbachhaus Kunstbau konnte wegen der Corona-Krise lange nicht eröffnet werden. Gowda war unfreiwillig gestrandet in München. Wir haben sie damals gefragt: Wie verändert das ihre Kunst?

Und plötzlich steckte sie in München fest. Sheela Gowda ist documenta-Teilnehmerin, vertreten in den großen Museen der Welt (MoMa, Tate Modern, Walker Art Center), eine der wichtigsten indischen Künstlerinnen der Gegenwart. Die große Ausstellung "Sheela Gowda. It.. Matters" im Lenbachhaus - ihre erste Einzelausstellung in Deutschland - sollte ihr Durchbruch in ganz Europa werden. Arbeiten aus allen Werkphasen und neu für München geschaffene Kunst.

"Diese Zeit jetzt wird niemand vergessen", erzählte Sheela Gowda. "Keiner auf dieser Erde. Von zuhause weg zu sein, zu versuchen eine Ausstellung aufzubauen in diesen Zeiten, zu versuchen sie zu Ende zu bringen, gegen Hindernisse zu arbeiten, sich so weit zu strecken wie man nur kann, um es zum Laufen zu bringen. Das ist eine ziemliche Herausforderung. Geistig und körperlich."

Kunst aus menschlichem Haar

Ihre Kunst schöpft sie aus dem Alltag. Poetisch. Und gleichzeitig mit gesellschaftspolitischer Aussage. In einer großen Installation bringt sie 4.000 Meter Seil aus Haar - von Tausenden Menschen - zusammen mit 20 Autostoßstangen. Gläubigen Hindus wird das Haar als Opfergabe vor dem Tempeleingang geschoren, nachdem ein Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Dieses Haar wird wiederum als Talisman an Stoßstangen gebunden, um Unheil abzuwehren. Das eigentlich leichte Haar trägt das schwere Metall.

"Die Materialien, die ich verwende, sind nicht unschuldig", sagte Sheela Gowda über sich selbst. "Sie stehen stellvertretend für soziale Probleme, für die Wirtschaft, für die Politik. Ich bin mir dessen sehr bewusst. Das ist meine Motivation. Das ist meine Nahrung, der Grund, warum ich damit arbeite. Ich nähere mich den Materialien von zwei Seiten. Es gibt da meinen eigenen Willen. Und dann gibt es noch den Willen des Materials, des Objektes an sich. Die Herausforderung ist, diese beiden Seiten zusammen zu bringen."

Lokale Materialien

Alle Materialien findet sie vor der Haustür, in ihrer indischen Heimatstadt Bangalore. Aus riesigen Metalplatten entstehen die so genannten "Bandlis". Schalen aus Metall, die auf indischen Baustellen für den Transport von Sand oder Zement verwendet werden.

Fässer werden aufgeschnitten, sodass rechteckige Platten entstehen, die eine Straßenwalze platt walzt. Aus den Platten werden dann mit Hammer und Meisel runde Scheiben gestanzt. Diese Scheiben werden zu Schalen gepresst und gebogen. Das sind dann die Bandlis. Jeder Tagelöhner kann sich eine solche Schale leisten. Sie steht auch dafür, was ein einzelner Mensch tragen kann. Auch mit dieser Installation spielt sie auf den Modernismus an, auf Minimal Art und Konkrete Kunst.

Alte Werkzeuge, neue Kunst

Im hinteren Teil der Ausstellung stehen 200 Gewürzmahlsteine - einst unentbehrlich in der indischen Küche. Elektrische Gewürzmühlen haben dieses Werkzeug, das mühsam mit körperlichem Aufwand betrieben wurden, überflüssig gemacht. Die Steine standen an den Straßenrändern, wie ausgesetzt.

"Ich kann nicht sagen, dass wir uns an dem, was wir sehen nur freuen können. Da ist auch der Schmerz. Und widersprechende Gefühle", resümierte Sheela Gowda. "Nicht nur glückliche Erinnerungen. Ich hatte aber eine sehr glückliche Kindheit. Ich hatte die Möglichkeit in der Natur zu sein, in meiner Kindheit. Ich fühle die Natur sehr nah bei mir. Aber Natur ist nichts außerhalb von mir. Natur ist nichts da draußen. Sie ist in mir."

Bilder aus Kuhfladen

1992 begann sie Bilder aus Kuhdung zu machen. Drei Gemälde dieser Phase sind nun in München zu sehen. Der Dung der von Hindus als heilig verehrten Kuh wird in Indien vielseitig eingesetzt, auch als Bau- und Treibstoff.

Anfang der Neunziger wurde der Rinderkult zum politischen Instrument der Nationalkonservativen. Mit ihren Gemälden reagierte sie darauf. Sie ist keine politische Agitatorin. Sie will mit ihrer Kunst keinen Zeigefinger heben, keine Fahne schwingen. Sie setzt das Material subtil ein. Als Material, das ihrer Aussageabsicht als Künstlerin dient, das aber auch eine politische Bedeutung hat.

Kunst für die direkte Erfahrung

Das Lenbachhaus hat aus jeder Werkphase von Sheela Gowda mindestens eine exzellente Arbeit. Alle Materialien, mit denen sie arbeitet, sind vertreten. Ein großartiger Überblick. Doch derzeit kann die Ausstellung wegen Corona nicht geöffnet werden. "Viele meiner Kunstwerke sind Installationen. Sie sind nicht dazu gedacht, dass man sie nur von einem Blickpunkt aus sieht. Die Arbeiten verändern sich, wenn man sich bewegt. Diese Erfahrungen kann man im Internet nur schwer vermitteln.“

"Es wäre sehr traurig, wenn die ganzen Mühen, die alle hier unternommen haben, keine Früchte tragen würden", fürchtete Sheela Gwoda damals noch: "Schließlich mache ich das alles für die Öffentlichkeit. Ich will, dass die Öffentlichkeit es sehen, darauf reagieren kann. Ich will den Menschen die Möglichkeit geben, es zu erfahren. Sonst wäre es nur die halbe Freude."

Ausstellung

SHEELA GOWDA. IT.. MATTERS läuft bis 18.10.2020 im Kunstbau des Lenbachhauses


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