Biografie von Angela Merkel Wie die Kanzlerin der Veränderung zu der des Bewahrens wurde

Mit der Bundestagswahl am 26. September endet eine Ära: 16 Jahre lang bestimmte Angela Merkel die Politik der Bundesrepublik Deutschland. Der Publizist und Journalist Ralph Bollmann erzählt jetzt ihre Lebensgeschichte.

Von: Niels Beintker

Stand: 02.08.2021 | Archiv

Verschränkte Hände von Angela Merkel in Nahaufnahme | Bild: picture alliance/dpa | Karl-Josef Hildenbrand

Sie wolle Deutschland dienen. Mit diesen Worten erklärte Angela Merkel im Mai 2005 ihre Bereitschaft zur Kandidatur für das Amt der Bundeskanzlerin. Vier Mal stellte sie sich zur Wahl, vier Mal wurde sie gewählt. Der Publizist und Journalist Ralph Bollmann – wirtschaftspolitischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – erzählt jetzt das Leben der Dienerin, in einer großen Biografie.

Niels Beintker: Trifft das Bild der Dienerin zu? Oder geht es an der Wirklichkeit von 16 Jahren Regierungsarbeit dann doch eher vorbei?

Ralph Bollmann: Ja und nein. Es trifft schon einen gewissen Punkt. Das bezieht sich ja in gewisser Weise auch auf Friedrich den Großen, der sagte, er wolle der erste Diener seines Staates sein. Und dieses Element von preußischem Pflichtbewusstsein ist schon vorhanden bei Frau Merkel – auch bei der Disziplin, mit der sie zum Beispiel ihren Terminkalender abarbeitet. Trotzdem spielen bei ihrer Karriere noch andere Dinge eine Rolle: ein gewisser Eigensinn, sich auch nicht unterbuttern zu lassen. Das war an entscheidenden Wendepunkten auch immer ganz wichtig, wenn man an die CDU-Spendenaffäre denkt oder an die Kämpfe, die sie ausgefochten hat mit ihren Widersachern innerhalb der Unions-Parteien. Da war ja oft die Frage: Entweder sie gewinnt in diesen Machtkämpfen, steigt auf oder sie geht quasi als Verliererin von der Bühne. Und dieses als Verliererin von der Bühne gehen, das wollte sie, glaube ich, nicht.

Vereidigung der Bundeskanlerin Angela Merkel 2005

Und vielleicht noch ein dritter Gesichtspunkt: Das spielt ja auch so ein bisschen auf ihre pragmatische Grundeinstellung an – dass es eben nicht darum geht, dass eine Regierungschefin ihren eigenen Privatmeinungen zum Durchbruch verhilft. Sondern dass sie, wie Helmut Schmidt das ja auch schon ähnlich formuliert hatte, im Schnittpunkt von Interessen steht und letztlich dafür da ist, diese gesellschaftlichen Interessen auszutarieren. Es sei denn, es geht um Dinge, wo wirklich Grundüberzeugungen berührt sind, wie etwa im Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Da findet sie – oder hat sie in ihrer Karriere dann auch immer oder meistens, zumindest seit der Hohmann-Affäre, klare Worte gefunden.

Wer ihrer Lebensgeschichte Angela Merkels folgt, der sieht die Kanzlerin auch mit einer Fülle von dramatischen Krisen konfrontiert – was in der Rückschau vielleicht noch deutlicher wird als in der jeweiligen Gegenwart. Der 10. Oktober 2008 – die Entscheidung zur Gründung eines Rettungsschirms für die deutschen Banken mit anschließender Linsensuppe im Kanzleramt – ist ein Wendepunkt in nun 16 Jahren Regierungszeit. Ein internationales Konfliktfeld folgte dem anderen bis zur Pandemie – und damit auch lauter Anfeindungen in der deutschen Gesellschaft wie auch im Ausland. Wie lässt sich erklären, dass sie das alles mehr oder weniger doch durchgestanden hat?

Zunächst einmal waren diese großen Krisen auf eine Art… naja, ein Glücksfall kann man nicht sagen. Sie selber hat auch immer wieder gesagt, das sei doch eigentlich erstaunlich, dass sie immer noch so populär sei angesichts eben dieser Zumutungen, die diese Krisen ja auch mit sich gebracht haben. Trotzdem würde ich es eigentlich umgekehrt sehen, für Frau Merkel: Die ersten drei Jahre ihrer Kanzlerschaft, von 2005 bis zum Beginn der Finanzkrise 2008, als die Verhältnisse noch relativ stabil waren, da fragte man sich ein bisschen: Was ist eigentlich der Sinn und Zweck dieser Kanzlerschaft? Da begannen auch die Zustimmungsraten schon zu bröckeln und man wusste eigentlich nicht, wo will diese Frau noch hin mit dem Land? Und letztlich haben diese großen Krisen – die Finanzkrise, wie schon erwähnt, dann die Euro-, die Ukraine-, Flüchtlinge, Corona, um nur die allergrößten zu nennen – letzten Endes ihrer Kanzlerschaft erst den Sinn verliehen.

Die Art und Weise, wie sie damit umgegangen ist, auch mit dieser tastenden Vorgehensweise – nicht wie Schröder erst mal "Basta" zu sagen, sondern erst einmal ein Gefühl für die Krise zu entwickeln, sich eine Strategie zurechtzulegen und dann zu agieren. Und das immer auf eine Art und Weise zu tun, dass man vielleicht nicht noch unnötig weiter Porzellan zerschlägt. Übrigens eine Vorgehensweise, die ganz am Schluss in der Corona-Krise nicht mehr so gut funktioniert hat. Weil so eine Gesundheits-Krise mit exponentiellem Wachstum diese Politik des Abwartens nicht gut verträgt. Das war gewissermaßen dann eine tragische Situation, weil Frau Merkel einerseits als Naturwissenschaftlerin vielleicht besser als andere verstanden hat, worum es geht. Aber die politischen Konsequenzen daraus dann auch durchzusetzen und vielleicht auch positive Perspektiven aufzuzeigen, statt immer nur zu mahnen und wie eine Art Kassandra am Spielfeldrand neben den unwilligen Ministerpräsidenten zu stehen – das hat sie dann doch in der zweiten und dritten Phase der Pandemie nicht mehr so gut hinbekommen.

Sie beschreiben Angela Merkel in der Rolle einer dreifachen Außenseiterin in der Politik – als Ostdeutsche, als Frau und auch als Naturwissenschaftlerin unter lauter Juristen. Sie galt immer wieder als die angebliche Übergangskandidatin, ob an der Parteispitze, nach dem Bekanntwerden der Parteispendenaffäre, ob als Nachfolgerin Gerhard Schröders im Kanzleramt. Und sie belehrte all die, die das behaupteten, eines Besseren. Sie wurde oft unterschätzt. Ist das eine Folge ihrer Außenseiterposition?

Sicherlich. Viele ihrer Konkurrenten, insbesondere in der eigenen Partei, aber natürlich auch Gerhard Schröder zum Beispiel, wenn man an die Elefantenrunde des Wahlabends 2005 zurückdenkt…

Die legendäre Runde!

Genau. Die konnten sich ich einfach nicht vorstellen, dass so eine Politikerin aus dem Osten, eine Frau, in der Lage ist, dieses Amt auszufüllen. Sie haben sich vielleicht auch ein bisschen getäuscht durch ihre Berlin-Brandenburgische Sprach-Färbung, nicht bedenkend, dass im Osten, auch in intellektuellen Kreisen, das Berlinern deutlich üblicher war als im Westen. Das kommt vielleicht noch dazu: dass Frau Merkel in den 80er Jahren so eine Boheme-Existenz geführt hatte. Sie wohnte – das kann man jetzt mit dem Westen nicht ganz vergleichen, aber: – in einer besetzten Wohnung, zu der sie sich Zutritt verschafft hat, illegal. Sie machte illegale Reisen in den Kaukasus, die sie mit ihrem Visum für die Sowjetunion gar nicht machen durfte. Sie lebte in so einer Nische in der Akademie, in diesem Zentralinstitut für Physikalische Chemie – Theoretische Abteilung. Das war wirklich ein Auffangbecken für Leute, die etwas distanzierter dem Regime gegenüberstanden. Und sie hatte eine Abneigung auch gegen alles allzu Etablierte entwickelt, damals verkörpert durch die SED-Bonzen im Plattenbau, in ihrer späteren Karriere vielleicht verkörpert durch die CDU-Funktionäre im Eigenheim.

Da blieb immer eine Distanz zum System, die ihr sehr geholfen hat in diesen großen Veränderungen. Und die aber auch dazu geführt hat, dass sie sich selber bis zum Schluss – so haben mir Weggefährten erzählt – doch als eine gewisse Außenseiterin, nicht zum Establishment gehörig, verstanden hat. Sie konnte auch immer sehr schimpfen über die Trägheit und Unbeweglichkeit des deutschen Establishments, auch über die Manager-Eliten zum Beispiel, die Entwicklungen verschlafen. Ich glaube, sie hat sich nie so richtig klargemacht, dass sie als Bundeskanzlerin nach 16 Jahren eben auch zu diesem Establishment gehört und vielleicht bei bestimmten Problemen, die es in diesem Land gibt, auch nicht immer nur mit dem Finger auf andere zeigen kann.

Den größten Teil Ihres Buches nimmt das Leben in der Politik ein, beginnend in der Zeit nach dem Mauerfall. Trotzdem schildern Sie auch Angela Merkels Leben in der DDR als Pfarrerstochter, als Physikstudentin, als Mitarbeiterin in der Akademie der Wissenschaften, eben auch als Angehörige der Berliner Boheme. Inwiefern wurden Erfahrungen dieser Zeit später spürbar in ihrer Politik?

Ich glaube, in verschiedener Weise. Einer der wichtigsten Punkte ist sicherlich, dass sie als Pfarrerstochter, als eine Frau, die zwar keine Widerstandskämpferin war, aber eben doch in Distanz zum System lebte, immer sehr aufpassen musste, was sie sagt und wem sie was sagt. Sie musste sehr einschätzen können, wem man vertrauen kann und wem nicht. Das sind natürlich alles Eigenschaften, die ihr auch später in der Politik sehr geholfen haben. Das hat sie auch einmal ganz offen gesagt: In der DDR hat das Schweigen geholfen und heute ist das im Grunde auch so. Das wurde ihr manchmal auch vorgeworfen.

Ralph Bollmann

Das andere ist diese Boheme-Existenz. Aber in einer Art und Weise, die eben nicht völlig deckungsgleich ist mit dem westdeutschen alternativen Milieu zum Beispiel, was ihre sehr positive Haltung zu Kapitalismus und Marktwirtschaft betrifft. Sie ist eine Liberale, sowohl in wirtschaftspolitischer als auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Dafür gibt es eigentlich im Westen keine Entsprechung. Deshalb ist sie auch nie mit der CDU verschmolzen. Trotzdem kann man nicht sagen, wie manche Leute das tun: Sie ist in der falschen Partei, weil es eben die richtige Partei für eine solche Frau mit einer mittelosteuropäischen, postsozialistischen Sozialisation gar nicht gibt.

Und der andere große Punkt ist dann die Erfahrung der Wendezeit, aus der sie grundlegend andere Konsequenzen gezogen hat als manche ihrer ostdeutschen Landsleute: nämlich, dass Systeme auch untergehen können, dass ganz wichtig für die Legitimation eines Systems auch sein wirtschaftlicher Erfolg ist – und dass wir deshalb guttun, uns in dieser Systemkonkurrenz mit China beispielsweise auch zu recken und zu strecken und nicht träge abzuwarten. Diese Erfahrung des System-Bruchs, des Untergangs, die hat ihr natürlich auch sehr geholfen in den großen Krisen des westlichen Systems seit der Finanzkrise 2008. Da war sie mental besser drauf vorbereitet als viele westeuropäische Kollegen, ob sie nun Friedrich Merz heißen oder Nicolas Sarkozy, der damals in Frankreich Präsident war.

Eine Biografie über eine amtierende Bundeskanzlerin zu schreiben heißt: ein großer Teil des Materials, das späteren Autorinnen und Autoren zur Verfügung steht, ist Ihnen – aus rechtlichen Gründen – noch nicht zugänglich. Sie stützen sich auf die öffentlichen Äußerungen Angela Merkels, auf Reden und Interviews, dazu kommen journalistische Texte, Buchveröffentlichungen und auch viele Gespräche – und nehmen sich viel Raum zum Erzählen. Ebenso bilanzieren sie die Ära Merkel und zeigen, wie aus der Kanzlerin, die so viel verändern wollte, die Kanzlerin des Bewahrens wurde. Was wären Kehrseiten der Stabilität, die ihr so wichtig war und ist? Aufgeschobene Reformen, etwa mit Blick auf das Rentensystem oder die Situation der Menschen, die in den Pflegeberufen tätig sind?

Nur ganz kurz zur späteren Quellenlage: Ich wage zu bezweifeln, dass die Öffnung der Archive im Fall von Angela Merkel so viele Erkenntnisse zutage bringt. Weil sie wirklich peinlichst darauf geachtet hat, möglichst keine schriftlichen Spuren ihres Regierens zu hinterlassen.

Was wiederum ihre Regierungsarbeit zeigen kann.

Ja, also möglichst eben keine E-Mails zu verschicken, sondern zu telefonieren oder SMS zu schicken. Wo es ja auch Streitereien gab. Aber das Fazit war, dass die SMS eben nicht archiviert werden müssen. Von daher habe ich meine Zweifel, ob da noch so viel kommt.

Angela Merkel: Die Kanzlerin und ihre Zeit. C.H. Beck Verlag.

Was die Schattenseiten Ihrer Regierungszeit betrifft: Das haben wir in der Corona-Krise ein bisschen gesehen, was sie auch hat schleifen lassen, angefangen von einer Reform der öffentlichen Verwaltung, des Föderalismus über die Digitalisierung bis zum Bildungssystem und – Sie haben es angesprochen – zum Pflege- und Gesundheitssystem. Da muss man halt sagen, das ist auch eine Folge ihres reaktiven Regierungsstils, möglichst Probleme erst dann anzugehen, wenn sie sich krisenhaft zuspitzen, wenn die öffentliche Meinung eine Reaktion verlangt oder auch zulässt – und nicht von sich aus Dinge zu thematisieren, für die man möglicherweise dann keine konsensfähige Lösung anbieten kann.

Auf der anderen Seite: Es gab die großen Krisen, die viele Energien absorbiert haben. Auf dem Höhepunkt der Finanz- oder Eurokrise auch noch eine grundlegende Verwaltungs- und Föderalismusreform zu beginnen, wäre wahrscheinlich doch ein bisschen zu viel des Guten gewesen. Wenn sie mehr riskiert hätte, mehr gewagt hätte, den Leuten mehr abverlangt hätte, hätte sie vermutlich auch nicht 16 Jahre lang regiert. In diesen Zeiten, in denen der liberaldemokratische Westen so sehr in Gefahr geriet, auch durch die Wahl Donald Trumps vor fünf Jahren, da war diese Stabilität, die Angela Merkel verkörpert hat, ein Stück weit auch ein Wert an sich.

Abschließend eine Frage, die Ihnen vermutlich des Öfteren gestellt wird: Gibt es eine Reaktion der Frau, deren Leben Sie erzählen? Oder schweigt sie erst einmal – eine Haltung, die ja auch diverse schwierige politische Entscheidungsprozesse begleitet hat?

Das gehört wirklich zur politischen Klugheit der Kanzlerin, die Berichterstattung über sich selbst nicht öffentlich zu kommentieren. Das wird sie vielleicht einmal machen, wenn sie nicht mehr im Amt ist. Aber während ihrer Amtszeit mit Sicherheit nicht.