Kinder in der Pandemie Warum das seelische Leid immer größer wird

Mediziner und Psychologen sind besorgt: Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen haben während der Pandemie deutlich zugenommen. Die Bewältigung des seelischen Leids braucht Zeit – und eine mitfühlende Gesellschaft.

Von: Niels Beintker

Stand: 21.05.2021 | Archiv

Eine Jugendliche steht in ihrem Zimmer am Fenster, in dessen Scheiben sich Wolken spiegeln (gestellte Szene). | Bild: Paul Zinken/dpa

15 Monate nach dem Beginn des ersten Lockdowns gibt es genauere Erkenntnisse über die mit den Einschränkungen verbundenen seelischen Belastungen von Kindern und Jugendliche. Sie sollten für Politik und Gesellschaft Anlass sein, die Lebenslagen dieser jungen Generation ernst zu nehmen – und bei der Bewältigung der Folgen der Pandemie entsprechend zu handeln.

Eine zweite Erhebung im Rahmen der sogenannten Copsy-Studie (Corona und Psyche) ergab, dass jedes dritte der befragten Kinder unter psychischen Auffälligkeiten infolge der Corona-Maßnahmen leidet. Die für die Untersuchung verantwortlichen Forscherinnen und Forscher vom Universitäts-Klinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) sprechen von einer Zunahme von Ängsten, ebenso von depressiven Symptomen und psychosomatischen Beschwerden. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten und migrantischen Familien seien dabei betroffen. Mit anderen Worten: Die sozialen Unterschiede in dieser Generation wirken sich auch auf die seelische Gesundheit aus.

Mehr Essstörungen

Eva Möhler, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychologie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes, beobachtet in der eigenen praktischen Arbeit ähnliche Entwicklungen. "Derzeit sehen wir viele Essstörungen wie Anorexien", sagt die Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Mir scheint – ohne dass ich das statistisch beweisen kann – manche Jugendliche reagieren auf den sozialen Stillstand mit der Verweigerung von Essen. Oder sie essen zu viel." Die Ergebnisse der Copsy-Studie sind aus Eva Möhlers Sicht valide, also stichhaltig.

Das Thema Ernährung spielt überhaupt eine wichtige Rolle mit Blick auf seelische Nöte in der Pandemie. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BKJV) sprach dieser Tage von einer ungewöhnlich starken Gewichtszunahme bei Kindern und Jugendlichen. 15 bis 20 Prozent der Angehörigen der jungen Generation seien betroffen. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Einsamkeit, einseitige Ernährung, keine Möglichkeit zur Bewegung, etwa zum Auspowern im Sportverein. Institutionen wie die Stiftung Achtung!Kinderseele – initiiert von den Berufsverbänden der kinder- und jugendpsychiatrischen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland – haben schon vor einem Jahr auf mögliche Folgen des Bewegungsmangels hingewiesen.

Zu wenig Bewegung, zu viel Medienkonsum

Es fehle Kindern und Jugendlichen in der Pandemie an Bewegung, sagt auch Eva Möhler. "Die Berichte über Entwicklungen wie Gewichtszunahme sehe ich mit großer Sorge. Das geht langfristig mit seelischen Nöten einher, etwa indem betroffene Kinder und Jugendliche gemobbt werden." Das Übergewicht führt so in einen Teufelskreis, aus dem sich viele andere Nöte ergeben. Man müsse jetzt niedrigschwellige, kreative Angebote machen, um Auswege zu schaffen und junge Menschen zurück zu holen.

Auch ein deutlich gestiegener Medienkonsum bei Kindern- und Jugendlichen führt aus Sicht von Medizinern und Psychologinnen zu einer Zunahme von psychologischen Auffälligkeiten. Schon vor dem ersten Lockdown war der Gebrauch elektronischer Medien nach Eindruck vieler Fachleute deutlich zur hoch. Die empfohlenen Bildschirmzeiten wurden in den vergangenen Monaten vermutlich in noch größerem Maß überschritten, befürchtet Eva Möhler.

Die Kinderpsychiaterin rechnet damit, dass die Zahl von Störungsbildern wie dem der Internet Gaming Disorder erheblich zunimmt, von acht auf 20 Prozent. Insbesondere Jungen sind davon betroffen. "Das ist eine Rechnung, die wir erst später bezahlen werden. Jetzt spielen sie. In dem Augenblick, in dem es zur Rückkehr in ein normales Leben kommt und ein normaler Schulbetrieb herrscht, erwarten wir Kinderpsychiater eine weitere Welle von Stressreaktionen bei Kindern und Jugendlichen." Computersucht und Schulphobien, könnten verstärkt auftreten. "Die jetzige Situation kann sich als Boomerang erweisen."

Programme zur Stressbewältigung an der Schule

Die Bewältigung seelischer Nöte bei Kindern und Jugendlichen infolge der Pandemie ist eine Aufgabe, die nicht allein an die psychiatrischen und psychologischen Kliniken und Praxen delegiert werden sollte. Ihre Arbeit ist in dieser Zeit wichtiger denn je, aber nicht jedes dritte Kind kann in einer Klinik begleitet werden. Insofern ist die Aufgabe eine gesamtgesellschaftliche.

Und die Politik, die über die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie entscheidet muss aus Sicht von Medizinerinnen und Medizinern die Perspektiven der jungen Generation viel stärker berücksichtigen. Eva Möhler verweist etwa auf die Kontaktbeschränkungen und spricht sich für eine bessere Unterstützung von Bewegungsangeboten in Außenräumen aus. "Vor allem die Outdoor-Programme – etwa das Fußballtraining – sind so wichtig und sollten mit Blick auf das Kindeswohl Priorität haben."

Auch die Schulen – und damit die Kultusbürokratien in den Bundesländern – spielen eine zentrale Rolle. Im Saarland, so berichtet Eva Möhler, gebe es ein Pilotprojekt für Stresstraining an den Schulen, der Titel lautet START. Lehrerinnen und Lehrer werden dabei für die Begleitung von Schülerinnen und Schülern sensibilisiert, verschiedene Programme zur Stressbewältigung erprobt. "Es gibt Arbeitsblätter für die Kinder, mit denen können sie zeigen, wie es ihnen gerade geht, ob sie angespannt sind oder nicht. Wenn das Kind merkt, es ist angespannt, dann können Lehrerinnen und Lehrer verschiedene Anleitungen zur Resilienz geben.“

Die Schulen sollen aus Sicht der Psychiaterin diesem Thema viel Raum geben. "Kinder und Jugendliche hatten in den vergangenen Monaten viel Stress. Es ist vollkommen normal, dass es ihnen nicht gut geht – und dass sie darauf reagieren." Die Vorstellung, mit Aufholpaketen versäumten Unterrichtsstoff kurzfristig nachzuholen, ist da vermutlich nicht hilfreich. "Das würde wahrscheinlich eine Überforderung darstellen." Es ist folglich wichtig, die besondere Situation für Kinder und Jugendliche anzuerkennen – und sie damit zu unterstützen.

Kinder sind der Ast, auf dem unsere Gesellschaft sitzt

Auch ist es aus Sicht von Eva Möhler unerlässlich, dass die verschiedenen Institutionen, die für das Wohl der Kinder Sorge tragen, zusammen arbeiten: kinderpsychiatrische Einrichtungen, Schulen, die Jugendhilfe, Pädagoginnen und Pädagogen. "Wir alle müssen jetzt zusammenhalten, um Kindern und Jugendlichen schnell und einfach Hilfe anbieten zu können." Ebenso sollte die Politik jungen Menschen mehr Gehör schenken, etwa durch die Einbindung bei jugendpolitischen Anhörungen in den Parlamenten. "Kinder und Jugendliche sind der Ast, auf dem wir sitzen. Wenn sich eine Grundhaltung einstellt bei jungen Menschen – ich kann nichts ausrichten, ich werde nicht gehört –, dann ist das auch langfristig für unsere Demokratie und unsere Gesellschaft schlecht."

Mit Blick auf eine Äußerung des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte in dieser Woche fühlt sich Eva Möhler aus der Erfahrung der eigenen Arbeit zu einer Korrektur verpflichtet. BKJV-Sprecher Jakob Maske hatte in einem Interview von einer Triage an den kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken gesprochen. Junge Menschen, die nicht suizidgefährdet seien, würden dort gar nicht mehr aufgenommen werden. Das sei nicht der Fall, sagt die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum des Saarlandes. Allerdings: "Für Notaufnahmen galt schon immer: diese wird durch die Eigen- und Fremdgefährdung gerechtfertigt. Alle anderen Aufnahmen erfolgen geordnet über Termine und Wartelisten." Kinder- und Jugendpsychiatrien hätten alle entsprechende Wartelisten. Durch die momentane Situation seien diese allerdings spürbar länger geworden.

Die Beobachtungen und Erfahrungen von Ärztinnen wie Eva Möhler zeigen, das seelische Leid von Kindern und Jugendlichen in dieser Zeit wiegt schwer. Die Politik sollte das erkennen und entsprechend handeln, auch mit Blick auf das kommende Schuljahr. Und auch die Bundesländer, in denen das Schulsystem mit einem erheblichen Leistungsdruck verbunden ist, allen voran der in bildungspolitischen Fragen über-ehrgeizige Freistaat Bayern, wären gut beraten, der Bewältigung der Pandemiefolgen bei jungen Menschen Zeit und auch Raum zu geben.

Die Folgen dieser Zeit – die leider eben auch auf eine große soziale Ungleichheit hinweisen – werden das Land noch lange beschäftigen. Die Gesellschaft müsse sich mit Blick auf Kinder- und Jugendliche solidarisch verhalten, sagt Psychiaterin Eva Möhler und spricht damit auch für viele Kolleginnen und Kollegen. Es ist sehr zu hoffen, dass all diese Empfehlungen bei denen auf Gehör stößt, die in Politik und Gesellschaft über das Wohl von Kindern und Jugendlichen entscheiden.