Doku "Rechts. Deutsch. Radikal" ProSieben macht Journalismus zum Event

Der Privatsender ProSieben macht etwas Außergewöhnliches und zeigt eine journalistisch bemerkenswerte Reportage. Im Hauptprogramm. Ohne Werbung. Unsere Autorin findet: Eine wirklich gute Idee.

Von: Simone Stern

Stand: 29.09.2020 | Archiv

Baseballschläger und Springerstiefel, deren Schnürsenkel ein Kakenkreuz bilden.  | Bild: picture alliance

Bemerkenswertes Fernsehen war das: ProSieben zeigte gestern das Spezial "Rechts. Deutsch. Radikal", eine Reportage von und mit Journalist Thilo Mischke. Es ging um Radikalismus, wie der Name schon sagt. Und es war auch radikal anders, als das, was wir – seien wir ehrlich – von ProSieben gewohnt sind. Weil dort zur Primetime um 20:15 Uhr selten zweistündige Reportagen laufen. Und seien wir noch ehrlicher, auch auf anderen Sendern laufen solche Formate selten im Hauptprogramm zur besten Zeit. (Ausnahmen bestätigen die Regel: Im Ersten lief zur selben Zeit die Doku "Wir Ostdeutsche").

Von der Konkurrenz empfohlen

Dazu sendete ProSieben, sonst Meister der Disziplin "Wir schalten auch mitten in der Serie auf der Hälfte des Bildschirms noch einen Werbe-Spot" zwei Stunden keine Werbung. Man könnte hier fragen: Wer will schon gern zwischen Nazis für seine Produkte werben? Man könnte das aber auch als Statement des Senders verstehen. Die Platzierung dieser Reportage, zu dieser Zeit, mit diesem Thema. Ein Statement, wie es auch die Konkurrenz von der Mediengruppe RTL setzte, als sie öffentlich empfahl, Mischke statt Jauch zu schauen am Montagabend.

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Mediengruppe RTL Einschaltempfehlung für @ProSieben, weil das Thema jede Aufmerksamkeit verdient. #gegenRechts https://t.co/xBOqBMgqRo

Journalismus als Event

Besonders machte das Ganze natürlich auch die Überlegung, wen diese gelobte Sendung eigentlich erreicht hat? Mehr 14- bis 49-Jährige als alle anderen Programme, so viel ist heute klar: 1,33 Millionen Zuschauer in diesem besonders umworbenen Alter sahen zu, das entsprach einem Marktanteil von 14,6 Prozent. Stark. Eigentlich war beim Unterhaltungssender "Django Unchained" geplant und vielleicht hatte die eine oder der andere auch deswegen eingeschaltet und ist dann bei Mischke hängen geblieben. Dort ging es ja auch um Rassismus, nur eben deutsche Eigenmarke. Vermutlich haben aber auch viele gezielt zugeschaut, denn schon vor der Ausstrahlung war klar: Das wird ein Event. Und mit so einer Inszenierung hat ein "Germany’s next Topmodel"-Sender natürlich Erfahrung. Nur nutzt er sie selten für einen Inhalt über Rechtsextremismus in Deutschland.

Nichts oder ganz was Neues?

Apropos Inhalt: Mischke hat einen großen Bogen gespannt und dafür 18 Monate lang recherchiert. Von Rechts-Rock über Pegida ging er den Fragen nach, wie Radikalisierung funktioniert, wie sich Neonazi-Strukturen halten und wie die AfD in all das verstrickt ist. Neu war das nicht. Zu all diesen Themen existieren Dokus und Berichte von Kolleg*innen aus Print, Hörfunk und Fernsehen, viele davon öffentlich-rechtlich produziert. Doch offensichtlich erreicht ProSieben andere Menschen, denn auf Twitter wurde mehrfach der Wunsch geäußert: "Könnt ihr das auf YouTube für Schulen verfügbar machen?" Natürlich gibt es auf Youtube auch öffentlich-rechtliche Produktionen zu sehen, aber anscheinend weniger gut vermarktet. Oder war die ProSieben-Produktion einfach besser als alles schon Dagewesene?

Gesprächsräume für junge Zuschauer

Mischke hat nicht nur einem neuen Publikum – wie er immer wieder feststellte – oft sehr altbackene Neonazis präsentiert. Er hat es geschafft, seine Protagonist*innen zu treffen und zu entlarven, ohne moralische Überlegenheit raushängen zu lassen. Hätten sie auch mit anderen Kolleg*innen so offen gesprochen? ProSieben oder RTL sind vermutlich selten mitgemeint, wenn von Staatsfunk und Lügenpresse geschrien wird. Und hätten andere Sender sich auch gezielt so junge Protagonisten wie den damals 17-jährigen Sanny Kujaht gesucht, der als Paradebeispiel für Radikalisierung verstanden werden kann?

Klar, Mischke wird auch angegangen, auch beleidigt und im Zweifel auch gezielt ignoriert. Und ganz sicher hat er sich bei der Szene unbeliebt gemacht. Aber erstmal haben die Rechtsradikalen eben auch mit ihm geredet und er mit ihnen – ohne den Rechten zu viel Platz für Selbstinszenierung zu lassen. Vielleicht kam die Reportage auch deswegen so gut an, weil sie Gesprächsräume offenlässt.

Netzdebatte: viel Lob, etwas Kritik

Zur Ansprache jüngerer Zuschauer*innen gehört auch, dass dieses Special gestern auch konsequent im Internet stattfand. ProSieben hat auf Twitter 1,8 Millionen Follower und sich dort klar gegen die vorhersehbaren Angriffe von rechts gestellt, die ab 20:15 Uhr einliefen. So gut, dass ein Twitter-User schon über eine Umbenennung des Sender-Mottos spekulierte:

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ProSieben Keine Sorge... #WeLoveToEntertainYou https://t.co/hBQd3n4CQJ

Das Thema hat zumindest auf Twitter großes Echo ausgelöst. Viel Lob gab es, viele Angriffe von rechts und auch ein bisschen Kritik: Kaum eine Frau war zu sehen in dieser Sendung, mal abgesehen von der YouTuberin Lisa Licentia, die nach ihrer vermeintlichen Läuterung für den großen Twist und die krasseste Enthüllung des Spezials sorgte. Eine Expertin kam nicht zu Wort.

Opfer kommen nicht vor

Und: Es ging nie um die Menschen, denen die Neonazis ihre Daseinsberechtigung in Deutschland absprechen wollen: Muslim*innen, Juden und Jüdinnen, Menschen mit internationalem Hintergrund, alle, die nicht zum vermeintlichen "Volk" gehören. Oder bereits Opfer rechter Gewalt in Deutschland wurden. Das kritisierten z.B. die neuen deutschen Medienmacher*innen . Andererseits war es eben eine Studie aus dem Inneren. Und da sind die Opfer, "keinen Kommentar" wert, wie Mischke durch gezieltes Nachfragen immer wieder deutlich gesagt bekam.

Für Mischke sei die 18 Monate lange Recherche auch im Vergleich mit früheren Einsätzen seine härteste gewesen, sagte er später im Interview bei Late Night Berlin: "Der seltsam zynisch klingende Vorteil einer Syrien-Reportage ist der, dass du ins Flugzeug steigst und zu Hause ausatmen kannst. Hier geht das nicht. Wenn ich hier die Tür aufmache, ist die Welt, über die ich berichtet habe, unser Alltag.” Diese Rechten erstarken in unserem Land.Es betrifft uns alle. Umso besser, wenn deren geschichtsrevisionistische, menschenverachtende Positionen auf einem radikal neuen Sendeplatz maximal vielen Menschen vor Augen geführt wurden.