"Pressure" in Augsburg Druck machen mit Beton und Kunst

Dass wir auf Kosten der Erde leben ist längst bekannt – und in Augsburg fragt nun der Klangkünstler Markus Mehr mit einer neuen Klangausstellung, wie die Menschheit aus dieser Spirale herauskommt.

Von: Doris Bimmer

Stand: 14.07.2021

Rauminstallation mit mehreren Lautsprecherboxen | Bild: Doris Bimmer/BR

"Pressure" hat Markus Mehr seine neueste, minimalistische Klanginstallation betitelt: In den Galerie-Räumen des altehrwürdigen Höhmannhauses verteilen sich insgesamt 18 Lautsprecherboxen. Ein Teil angeordnet als Rondell, in in ihre Mitte eine Holzbank. Markus Mehr erklärt, worum es ihm dabei ging: "Das ist eine oktaphone Anordnung der Boxen. Wir haben acht Boxen. Und es ergibt, wenn man in der Mitte sitzt, eine Dreidimensionalität. Die Sounds kommen aus unterschiedlichen Richtungen, Perspektiven und es soll einfach das Hörerlebnis frischer machen und es macht halt sehr viel Spaß. Ohne hier jetzt groß, in der Filmmusik nennt man es Micky-Mousen, wenn jede Bewegung kommentiert wird. So darf man’s nicht verstehen. Sondern es ist eine ästhetische Anordnung der Sounds."

Überall Druck

Ähnliches gilt für Nebenan, dort hängen die Boxen wie eine Spinne an der Wand; im dritten Raum warten nochmals zwei Boxen-Türme auf die Besucher – von manchen verglichen mit den TwinTowers in New York, erzählt Mehr. Der Vergleich ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, aber dazu später. Zunächst aber der Titel: Wieso Pressure? "Es herrscht Druck. Bleiben wir bei der Musik. Her kommt Schalldruck. Das ist das erste, was uns begegnet. Wir machen die Tür auf – Schalldruck. Wir haben Zeitdruck. Wir haben gesellschaftliche Drücke. Wir haben finanzielle Drücke – ich weiß gar nicht was die Mehrzahl von Druck ist, aber – all das liegt in diesem Wort 'pressure'. Also der Schalldruck, Zeitdruck, finanzieller Druck, all das erschien mir als Klammer ganz schlüssig. Und deswegen habe ich es 'pressure' genannt."

Sichtbarer und naheliegendster Ausdruck dafür war für Markus Mehr der Baustoff Beton – weil bei der Herstellung von Zement Druck eine Rolle spielt, bei der Verwendung erst recht, das Material muss eine hohe Druckfestigkeit aufweisen: "Beton ist eigentlich nur eine Begreifbarmachung. Eine Sichtbarmachung von dem, was eigentlich die Fragestellung hinter dem Ganzen ist. Diese Boxen könnten auch aus Plastik sein oder verschmutzter Luft oder aus Kreuzfahrtschiffen. Wie kriegen wir den Menschen raus aus seiner Destruktivität?"

Abschied vom "Kaputtmachwahnsinn"

Das ist die zentrale Frage seiner Ausstellung: "Dieses Pipi-Langstrumpfisieren, wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt, das hat die letzten 60, 70, die letzten 200 Jahre stattgefunden. Und das ist definitiv vorbei. Der Mensch ist ein ungemein aufregendes Wesen mit Intelligenz, mit Emotionen, mit nichts vergleichbar im Universum, soweit wir es wissen. Mir stellt es sich aber so dar, dass der Mensch unglaublich destruktiv gegen sich selbst arbeitet. Wir sind eigentlich ein Tumor der Welt. Und wir müssen versuchen, dass wir von diesem Kaputtmachwahnsinn einfach mal verabschieden, das geht so nicht weiter."

Sein Gegenkonzept: eine Art Konsum-Diät. Um die Sounds für die Komposition der Ausstellung zu finden und einzufangen, war er viele Monate in Augsburg unterwegs: Auf Baustellen versenkte er Mikrofone in trocknenden Beton, Abende, Nächte verbrachte er alleine in aus Beton errichteten Kirchen – darin wob er die seismographischen Aufnahmen der einstürzenden Türme des WorldTrade-Centers ein. Der Sound läuft in allen drei Räumen gleichzeitig, klingt aber an jeder Stelle etwas anders. Kurator Thomas Elsen: "Beim ersten Mal wollte ich an und für sich nur ein paar Minuten reinhören, um zu kucken, wie es wirkt, ob es so wirkt, wie er es sich auch vorgestellt hatte. Und bin dann tatsächlich diese gesamten 45, 46 Minuten hier gesessen. Es gibt Sequenzen, die sind sehr angenehm, die sind sehr, fast meditativ, ruhig und konzentriert und andere Sequenzen, die sind sehr, ähm … nicht nur laut, sondern bergen mehr Geräusche als Klang. Im Sinne von musikalischer Findung, also es ist sehr spannungsvoll."

Ein Freund hat für Markus Mehr die Boxen entworfen und jede einzelne in Handarbeit hergestellt. Jede wiegt 15 Kilo – und doch sehen sie aus wie ganz normale Lautsprecher. Dennoch sind sie aufgeladen mit einer Botschaft. Markus Mehr: "Diese Boxen machen nur anschaulich, das Zement und alles was danach kommt, eine furchtbare Zerstörungswut hat. Und wir müssen lernen, anders mit der Umwelt umzugehen. Wir müssen zurück, rein in das System, aus dem wir rauskommen. Wir dürfen uns nicht länger entkoppeln und so tun, als wäre der Mensch etwas aus der Umwelt. Wir nennen das hier Umwelt, weil wir so tun, als gäbe es eine Welt um uns herum. Das ist aber ein vollkommen falscher Ansatz. Wir sind Teil der Welt."

Die Ausstellung "Pressure" im Höhmannhaus ist bei freiem Eintritt noch bis zum Sonntag, den 18.7. geöffent. Und mit etwas Glück trifft man den Künstler selbst vor Ort an, für ein Gespräch ist er immer zu haben.

Dieses Porträt läuft am 15.7. im kulturLeben um 14:05 Uhr auf Bayern 2.