Zur Lage der Musikbranche während Corona Viele werden sterben

2020 - ein Musikjahr aus der Konserve und für die Tonne. Die deutsche Musikbranche wird Milliarden verlieren. Auch wegen ihrer Live-Abhängigkeit. Wie gehen Künstler*innen, Clubs und Journalist*innen damit um und wer profitiert?

Von: Maximilian Sippenauer

Stand: 29.04.2020

Symbolbild: Leeres Festivalgelände über dem ein Gewitter tobt | Bild: picture-alliance/dpa, colourbox.com; Montage: BR

Eigentlich hätte es ihr Jahr werden sollen. Plattenrelease, große Tour, große Festivals. Auf die Augsburger Band "Roy Bianco und die Abbrunzati Boys" wartete ein Sommer im Rampenlicht. "Wir hätten allein jetzt schon 20 Konzerte gespielt," sagt Sänger Tobias Jilg. Zwei Jahre lang haben sie jeden Euro, den die Band eingenommen hat, reinvestiert in den Traum, professionelle Musiker zu werden. Sich selbst mit Nebenjobs ernährt, der Bassist schmiss sogar seine Ausbildung. "Genau jetzt wäre der Moment gekommen, wo wir erstmals von unserer Musik hätten leben können."

Die Augsburger Band "Roy Bianco und die Abbrunzati Boys"

Die sechs Jungs kokettieren als "Roy Bianco und die Abbrunzati Boys" mit dem Klischee des ignoranten Schlagerstars mit Goldkettchen und falschem Lächeln. In ihren Songs besingen sie "die Abendsonne von Venezia" oder die "Ragazza vom Comer See". Es sind clever konstruierte, pastellfarbene sonische Ansichtskarten direkt aus dem schizophrenen Italiengedächtnis der Bundesrepublik. Die Musik so klebrig wie ein deutscher Bierbauch in der Sonne Riminis, die Texte so süffig wie der dritte Ramazzotti ohne Damenbegleitung. Mit dieser ironischen Hyperaffirmation des Italo-Schlagers schien die Band einen Nerv getroffen zu haben. Doch als am 20. März das Debüt "Greatest Hits" erschien, wurde am leeren Markusplatz in Venedig schon längst Desinfektionsmittel gesprüht. "Uns bricht das ganze Konzertjahr weg. Einnahmen im mittleren fünfstelligen Bereich," sagt Gitarrist Sebastian Volkert. Statt T-Shirts für die Fans signiert er jetzt Anträge für die Soforthilfe.

Kaum eine Gruppe der Kulturschaffenden trifft die Corona-Pandemie so heftig wie die Musikbranche. Denn während wir zwar weiterhin überall Musik hören, verdient ein Großteil der Musiker sein Geld hauptsächlich über Live-Veranstaltungen. In einer gemeinsamen Schätzung rechnen die deutschen Musikverbände allein in den sechs Monaten von April bis September mit einem Minus von 5,4 Milliarden Euro. Verluste, die die Musiklandschaft nachhaltig verändern werden. Wie gehen die Betroffenen damit um und gibt es auch Profiteure?

Tanzen, Schwitzen, Rumknutschen

Peter Fleming profitiert sicher nicht. Er ist Betreiber des Techno-Clubs "Harry Klein", eine Institution am Münchner Stachus. "Also wir werden sicher die letzten sein, die wieder aufmachen dürfen. Bei uns ergibt ein Mindestabstand keinen Sinn." Tanzen, Schwitzen, Rumknutschen. Ein guter Abend im Club ist nichts Anderes als intendierte Tröpfcheninfektion und damit der natürliche Feind einer zielführenden Pandemie-Bekämpfung. Bedeutet für Fleming: "Vor 2021 wird das wahrscheinlich nichts mehr." Er sagt, das Harry Klein werde das Jahr trotzdem überstehen. Man habe gut gewirtschaftet. Aber er wisse auch von anderen Clubs in München: "Viele werden sterben."

Trotzdem ist er guter Laune. Am Vorabend lief die zweite Ausgabe von "United We Stream Bavaria". Bayerischer Techno, live gestreamt aus bayerischen Clubs mit bayerischen DJs. Beim Premieren-Stream aus Clubs in Nürnberg und München, unter anderem mit Stargast DJ Hell, wurden laut Fleming knapp eine Millionen Menschen erreicht. "Es geht um Sichtbarkeit. Zeigen, dass die Clublandschaft kein subkulturelles Randphänomen ist, sondern mitten in der Lebenswirklichkeit der Menschen." Die Streams sollen zum Spenden animieren. In Berlin, wo das Konzept "United We Stream" entwickelt wurde, hat man so schon über 100.000 Euro eingespielt. "Man merkt aber, dass die Spendenbereitschaft zurückgegangen ist", sagt Fleming. "Wir stehen bisher bei rund 5.000 Euro. Damit können wir immerhin die Techniker bezahlen."

Peter Fleming, Betreiber des Techno-Clubs "Harry Klein"

Dass die überhaupt mal wieder arbeiten können, ist ein Teilerfolg. "Wir mussten alle Mitarbeiter auf hundert Prozent Kurzarbeit setzen," sagt Fleming. "Jetzt haben wir Soforthilfe beantragt." Doch Situation ist vertrackt. Anders als Stadt- oder Staatstheater, Philharmonie oder Staatsoper sind Kulturorte wie Clubs nicht abgesichert. Vor allem die horrenden Mieten zerfressen die Reserven. Und Mietminderungen sind abhängig vom Gerechtigkeits- und Gemeinsinn der Vermieter. "Unser Vermieter ist eine Immobiliengesellschaft," sagt Fleming. "Als wir denen gesagt haben, dass wir erstmal schließen müssen, haben sie als Reaktion die fällige Miete sofort abgebucht. So nach dem Motto: solange bei denen noch was auf dem Konto ist." Während anderen Münchner Clubs ihre Vermieter entgegenkommen, reagieren die Harry-Klein-Betreiber mit einem grotesken Zynismus entstanden: "Sollten wir Hilfe erhalten, wandern die direkt weiter an die Vermieter." Hilfen für die Kulturschaffenden fließen so direkt in die Immobilienbranche - das war wohl kaum das Ziel der Soforthilfe.

Plötzlich Notprogramm

Ende März beschloss die Bundesregierung 50 Millionen Euro Soforthilfe für Solo-Selbstständige, Freiberufler und Künstler. Kulturstaatsministerin Grütters sagte: "Wir kennen die Nöte, wir wissen um die Verzweiflung." Schaut man sich die tatsächlichen Verluste der Musikbranche an, wirkt das wie der buchstäbliche Obolus, der Groschen für die letzte Überfahrt. Denn wirtschaftlich ist die Musikindustrie ein sehr komplexes System, dessen Cash Cow das Live-Geschäft ist. In einem gemeinschaftlichen Bericht rechnen die Verbände der deutschen Musikwirtschaft, der seine Zahlen basierend auf einer Studie aus dem Jahr 2015 entwickelt, vor, dass allein durch den Ausfall von den Konzerten und Festivals im nächsten halben Jahr der Branche rund 4,3 Milliarden Euro fehlen werden. Außerdem entfallen 363 Millionen Euro an Verlags- und Gema-Rechten. Einbußen bei den Albenverkäufen: 250 Millionen Euro. 206 Millionen Euro, die den Clubs durch die Schließungen fehlen, und 300 Millionen Euro, die allein dadurch abgehen, dass weniger Instrumente verkauft werden und weniger Equipment verliehen wird.

Wie weit die wirtschaftlichen Effekte von Live-Veranstaltungen spürbar sind, zeigt der jüngste Spendenaufruf des SPEX-Magazins. Das älteste noch existierende Musikmagazin der Republik musste erst vor 16 Monaten seine Printausgabe einstellen und versucht sich seitdem als Online-Magazin zu erholen. "Es ist schon sehr bitter", sagt SPEX-Chef Dennis Pohl: "Wir waren bis vor kurzem auf einen verdammt guten Weg. Das Konzept mit weniger Rezensionen und mehr kulturgesellschaftlichen Kontext schien aufzugehen." Doch mit der Pandemie und der Welle an Tour- und Festivalabsagen brachen mit einem Schlag fast alle Anzeigenkunden weg: "Und plötzlich fährst du auf absolutem Notprogramm." Trotzdem wolle er nicht klagen, weil die Solidarität der Leser*innen enorm gewesen sei. "Wir haben in ganz kurzer Zeit ein paar hundert Abos verkauft, nur damit lassen sich die Verluste nicht kompensieren." Wie lange die SPEX noch durchhalten werde, könne er nicht sagen. Solange es keine Veranstaltungen gibt, schalten Veranstalter auch keine Werbung. Und sonst gibt es kaum noch Werbekunden in der Branche. "Das ist jetzt auch ein Stück weit der Preis, den wir für die Spotifyisierung des Marktes zahlen."

Wer profitiert?

Die "Spotifyisierung" ist ein Kampfbegriff, den man zuletzt wieder häufiger hört. Bands leben heute weniger von verkauften Tonträgern oder Tantiemen als von Live-Gagen. Denn von den goldenen Zeiten der Jahrtausendwende, als noch in rauen Mengen CDs und Platten über Ladentheken gingen und das Musikfernsehen boomte, ist nicht viel übriggeblieben. Mit dem Internet kam die digitale Musikpiraterie, im Anschluss die legale Freibeuterei der großen Streaming-Konzerne: Spotify, Apple-Music, Youtube. Gerade Spotify wird häufig vorgeworfen, die kleinen Künstler zugunsten der großen Namen zu vernachlässigen. Spotify wehrt sich gegen diese Anschuldigungen. Auf Anfrage heißt es: "Spotify bezahlt keine Künstler, sondern die Rechteinhaber - die Platten Label." Darauf, wie diese das Geld verteilen, hat der Streaming-Dienst keinen Einfluss. Tatsächlich profitieren aber durch die Verlagerung vom linearen Musikkonsum zum On-Demand-Hören über Plattformen vor allem die prominenten Künstler*innen. Auch weil die Abonnenten dazu neigen, mehr vom gleichen zu hören. Die Streaming-Dienste verhalfen dem Musikmarkt in den letzten Jahren wieder zu einem leichten Wachstum, krisenfest wurde er dadurch aber nicht.

Doch profitieren die großen Musik-Streaming-Dienste von der Krise? Hören die Leute gerade mehr Musik, weil sie im Homeoffice sind, oder weniger, weil der Arbeitsweg in Auto oder U-Bahn wegfällt? Und können die Bands mit höheren Abrufzahlen rechnen? Allein im April ist der Aktienkurs von Spotify um rund 30 Prozent angestiegen. Auch konnte Spotify zu Ende des ersten Geschäftsquartals mit weltweit 130 Millionen Premium Kunden ein Wachstum von 30 Prozent verzeichnen und die Erwartungen übertreffen. Inwieweit sich Covid 19 allerdings mittelfristig auf das Geschäft auswirkt, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Auch Spotify brechen Werbekunden weg, viele große Releases sind erst einmal auf Eis gelegt und das Hörerverhalten ändert sich. In Italien und Spanien streamten laut Spotify die Menschen mit Beginn der Quarantäne deutlich weniger gestreamt als zuvor. Mittlerweile habe sich das aber wieder geändert. Nur hören die Menschen statt Musik nun immer stärker Podcast-Formate. Wie auch immer: Die große Kompensation durch Streams wird für die große Breite der Musiklandschaft ausbleiben.

Sollten die Gesundheitsauflagen für die Musikbranche wie angenommen bis Ende des Jahres andauern, wird es zu einem darwinistischen Selektionsprozess kommen. Viele Clubs werden voraussichtlich im nächsten Jahr zubleiben, Labels werden dichtmachen, die sowieso schon marginalisierte Musikpresse wird wohl in den Randspalten der größeren Feuilletons oder als content marketing in Werbekatalogen ihr Dasein fristen. Zynischerweise sind es gerade die Lebensumstände der Künstler*innen, die am meisten Hoffnung machen. Tobias Jilg von "Roy Bianco und den Abbrunzati Boys" sagt: "Das Gute ist, dass wir wissen, wie es ist, prekär zu leben."