GEMEINSAM LAUTER: Bar Charlie Raus aus dem Keller

Von: Katrin Focke

Stand: 09.04.2021 | Archiv

Da das Feiern im Münchner Kellerclub "Charlie" weiterhin in weiter Ferne liegt, haben die Betreiber ihn einfach an die frische Luft verlegt - und zwar in Form eines Soundsystems, das nun von Schlachthofbronx und Maendi bespielt wird.

Gemeinsam Lauter Charlie | Bild: BR

Clubs on hold Charlie, München

Zu Hause mit der Partnerin tanzen, so hatte sich Ministerpräsident Markus Söder im vergangenen Sommer einen adäquaten Ersatz fürs Konzert- und Nachtleben vorgestellt. Für Benjamin Röder, Mit-Betreiber des Münchner Clubs "Charlie", eine absolut zynische Aussage. Getätigt von jemandem, der offenbar nicht im Geringsten verstand, welchen gesellschaftlichen Wert die Clubkultur im Leben vieler Menschen darstellt: "Aus meiner Sicht ist das größte Pech, das wir hatten, die Naivität der Politik. Dass sie uns einfach nicht kannten, dass sie keine Auseinandersetzung mit der Club-Kultur hatten und uns gewisse Schritte nicht zugetraut haben. Diese Enttäuschung über das mangelnde Wissen zu der Szene war erschreckend."

Röder und seine Kollegen hatten den Club im Frühjahr 2020 bereits vorsorglich zugesperrt, noch vor den offiziellen Maßnahmen – aus Rücksicht auf die Gesundheit seiner Gäste. Allerdings auch in der Erwartung, dass man nun vielleicht einen Monat lang stillhalten müsste und nicht mehr als ein Jahr: "Stück für Stück wurden uns ja immer Bröckchen hingeworfen, durch die wir wieder Hoffnung aufgebaut haben und dachten 'jetzt geht’s wieder los'. So haben wir dann von Woche zu Woche erneute Rückschläge erlitten." Clubs seien in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend als quasi-automatische "Superspreader" verteufelt worden.

Gemeinsam Lauter Charlie | Bild: BR

Dabei sei neben der Faszination des Nachtlebens als Ausgleich zum Alltag auch völlig außer Acht gelassen worden, welche sozialen Funktionen den Clubs, ihrem Personal und ihren Securitys zukommen: "Wir haben viele Sachen geregelt für die Gesellschaft. Wir waren eine Zwischeninstanz, die viele soziale Aufgaben übernommen hat. Wenn man sich jetzt rumdrückt in den Isarauen, irgendwelchen Parks oder anderen öffentlichen Plätzen, dann gibt’s uns als Aufpasser halt nicht mehr."

Charlie Soundsystem Neuanfang draußen

In diesem Sommer soll es anders laufen: Nicht wie früher jeden Samstag im Club-Keller in der Schyrenstraße, sondern draußen, auf der Terrasse eines insolventen Restaurants im Münchner Gasteig. Dort hat Röder gemeinsam mit seinen Mit-Betreiber*innen Sandra Forster und Branimir Peco ein Konzept erarbeitet, dass zumindest ansatzweise ein Gefühl von Club-Kultur wiederherstellen soll: "Unsere Idee ist, sich grundsätzlich mobil zu machen, alle Inhalte aus einem Keller zu bringen und an die Öffentlichkeit zu tragen, ans Tageslicht und unter die Leute. Und auf alle möglichen Eventualitäten reagieren zu können."

Röder, der auch als darstellender Künstler arbeitet, hat für die Terrasse ein eigenes Soundsystem zusammengebaut, bestehend aus Equipment-Bestandteilen alter Clubs - das sich im Zweifel auch an anderen Orten neu aufbauen lässt: "So können wir jetzt durch die Straßen ziehen und schauen, dass wir jeder Nachbarschaft neue Musik bringen können."

Gemeinsam Lauter Charlie | Bild: BR

Bespielt wird das System am Samstag von Schlachthofbronx und MAENDI, zwar noch ohne Publikum vor Ort, aber immerhin. Erstere freuen sich derzeit über jede Gelegenheit, die Musik wieder auf die Bühne bringt, weg aus dem Wohnzimmer: "Klar, ich kann zuhause auch die Musik laut machen, aber es ist halt was anderes, als vor einer Club-Anlage und mit Leuten zusammen zu hören.

"Keiner hat mehr Lust, mit irgendwem vorm Bildschirm ein Bier zu trinken. Da sag ich sofort: Hau ab! Lieber gar nicht, als so. Da fehlen so viele Sachen, die es eigentlich ausmachen", meint Benedikt, eine Hälfte des basslastigen Duos. "Ich vermisse es total, die Musik laut zu hören und auch körperlich zu spüren. Klar, ich kann zuhause auch die Musik laut machen, aber es ist halt was anderes, als vor einer Club-Anlage und mit Leuten zusammen zu hören", meint sein Partner Jakob.

Gemeinsam Lauter Charlie | Bild: BR

Auch MAENDI, eigentlich Amanda, eine DJ aus dem Umfeld des Community-Radiosenders Radio 80000, freut sich auf den Gig an diesem ungewöhnlichen Ort: "Ich bin persönlich großer Fan davon, Situationen zu brechen und ein Soundsystem in diesem ehemaligen Restaurant zu haben find ich allein schon geil. Hier in so eine Atmosphäre reinzubrechen und zu schauen was damit passiert!"

Die Support-Initiative GEMEINSAM LAUTER

GEMEINSAM LAUTER - Wir geben Bayerns Musikszene eine Stimme. Eine Support-Initiative von PULS, BAYERN 3, Bayern 2 und der BR Kulturbühne | Bild: BR zum Artikel Support-Aktion für Musikszene GEMEINSAM LAUTER

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Keine Konzerte, keine Festivals, geschlossene Clubs: Die Corona-Pandemie hat die Veranstaltungsbranche besonders hart getroffen. Unzählige Beschäftigte in der Musik- und Kulturszene kämpfen seit Monaten um ihre Existenz.

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