Theater goes Hörspiel "M(1) – Eine Stadt sucht einen Mörder"

Der Theatermacher und Musiker Schorsch Kamerun wagt in seiner Hörspiel-Adaption des Filmklassikers die künstlerische Auseinandersetzung mit den Ängsten und Sorgen der Gegenwart.

Stand: 18.05.2020

Skypefenster mit den Gesichtern der Schauspielerinnen, die ein M auf der Schulter tragen. | Bild: Residenztheater München

"Die Mörder sind unter uns" lautete der Arbeitstitel von Fritz Langs berühmtem Film "M" von 1931. Angeblich von einigen schon an Schalthebeln sitzenden Nationalsozialisten zensiert, spiegelt der Titel die Ambivalenz wider, mit der Fritz Lang und Drehbuchautorin Thea von Harbou die Jagd auf den Serienmörder Hans Beckert schildern. Es ist eine Hetzjagd mit zweischneidiger Klinge: Die Staatsgewalt fahndet nach einem neunfachen Kindermörder, gleichzeitig suchen straff organisierte Unterweltbanden ihn auf eigene Faust. Jede Organisation geht dabei auf ihre Weise vor. Eine Angleichung erfolgt zwischen der rechtsstaatlichen Autorität und dem Ehrenkodex der Unterwelt.

In der Hauptrolle: eine zutiefst verunsicherte Metropole

Die Hatz auf den Psychopathen hat nur ein Ziel: dass wieder "Ruhe" einkehrt im Revier. Es ist allerdings die trügerische Ruhe einer Gesellschaft, die Terror akzeptiert und so selbst psychopathische Züge annimmt. In der Adaption des Klassikers durch den Musiker, Theater- und Hörspielmacher Schorsch Kamerun (Die goldenen Zitronen) und die Komponistin Cathy van Eck wird nun dieses Verhältnis umgedreht: Der Stoff wird Spiegelbild (oder doch Zerrbild) einer Gegenwart, die sich zunehmend als gefährdet empfindet. Wer gehört geschützt – hier und heute? Wer gehört kontrolliert? Und von wem? Müssen wir uns jederzeit identifizieren können? Und ganz am Ende steht eine Frage, die wir dringend beantworten müssen: Gibt es überhaupt die eine Schuld, "den Schrecken", der dingfest zu machen ist?

Die eigentliche Hauptrolle in der Neuinszenierung von "M" spielt eine zutiefst verunsicherte Metropole, ihre Bevölkerung ist von Krisen gebeutelt. Der gesuchte Mörder durchschreitet so das gesellschaftliche Panorama vom Straßenalltag bis zur Unterwelt und gibt sowohl dem alles beherrschenden Kampf ums Überleben als auch den ureigenen Ängsten ein Gesicht.

"Ist M (München) noch die Solidargemeinschaft Stadt, oder, wie mancherorts behauptet wird, auf dem besten Weg, zu M (Mörder) zu werden, also einer hoch gefährdeten, gespaltenen Bedrohungslage, die von Rettern mit starken Armen in Sicherheit gebracht werden muss?"

 Schorsch Kamerun

Die strikten Maßnahmen gegen die Verbreitung der Pandemie und die damit einhergehende Veränderung der Gesellschaft, des Stadtraums und der Kunst waren Inspiration für Schorsch Kameruns "M"-Adaption. Da die Aufführung wegen der Coronakrise nicht wie geplant vor Publikum auf der Bühne des Münchner Residenztheaters stattfinden kann, wird nun das Radio der Ort für eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Schrecken und Chancen unserer Gegenwart. Ein Psychogramm einer Gesellschaft mit realen und empfundenen Ängsten, mit Einschränkungs- und Solidaritätsreflexen.

"M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Wer hat Angst vor was eigentlich?)"


Mit:
Valentino Dalle Mura, Massiamy Diaby, Evelyne Gugolz, Schorsch Kamerun, Sophie von Kessel, Delschad Numan Khorschid, Max Rothbart, Lisa Stiegler, Oliver Stokowski, Yodit Tarikwa, Cathy van Eck, Stephanie Müller, Johannes Öllinger, Hannah Weiss | Regie, Texte, Produktion und Musik: Schorsch Kamerun | Sound-scapes: Cathy van Eck

Die Produktion ist der erste von drei Teilen eines Tripychons.
Eine Koproduktion des Bayerischen Rundfunks mit dem Residenztheater, in Zusammenarbeit mit der Münchener Biennale.

Verlagsrechte: Sessler Verlag Wien