"Lost Art" in der arte-Mediathek Diese Doku zeigt die große Kunst vergessener Frauen

Sie wurden als Muse von großen Künstlern gefeiert oder nur als Holocaust- oder Nazi-Opfer gewürdigt: Erst langsam entdecken engagierte Kunstgeschichtlerinnen viele Frauen als wirklich große Künstlerinnen. Eine Dokumentation großer weiblicher Kunst, bis 7. Dezember in der Arte Mediathek zu sehen.

Von: Iris Buchheim

Stand: 22.06.2021

Die Malerin Lotte Laserstein, der ihr Model über die Schulter blickt: Auf Augenhöhe!
| Bild: Arte

Gerade einmal fünf Prozent der Bestände in unseren Museen sind von Frauen. Meist verstauben auch die noch in Depots. Der Grund: die Kunstgeschichte ist männlich, auch meist von Männern geschrieben. Die Künstlerin Sibylle Zeh zeigte das 2009 in einer Kunstaktion: Sie malte im renommierten Künstlerlexikon von Reclam alle Einträge zu männlichen Künstlern weiß an und ließ nur die zu weiblichen Künstlern stehen: Von den 5.000 aufgelisteten Künstlern blieben gerade einmal 168 übrig.

Der Kunstkanon ist männlich

Die zweiteilige Dokumentation: "Lost Women Art. Ein vergessenes Stück Kunstgeschichte" erzählt mithilfe von engagierten Kuratorinnen sowie von Sammlerinnen und Sammlern von vergessenen Künstlerinnen der vergangenen zwei Jahrhunderte. Das Erstaunliche: viele von ihnen waren zu ihrer Zeit durchaus bekannt und wichtige Mitstreiterinnen in relevanten Künstlerkreisen, doch sie gerieten in Vergessenheit, kamen nicht in den Kanon. Die Überlieferung als Herrschaftsinstrument liegt nach wie vor in den Händen der Männer.

Lotte Laserstein, der Shootingstar der 1920er

Geschult in der Berliner Akademie der Künste weiß sich Lotte Laserstein in den 1920 erfolgreich als Malerin in Szene zu setzen: Sie gründet eine Malschule, bewegt sich als eifrige Netzwerkerin in allen relevanten Künstlerkreisen, findet ihr Thema der neuen, modernen Frau, mit ihren Selbstbildnissen und all den intimen Porträts ernster Menschen großen Anklang. Bis 1933: Die assimilierte Jüdin musste bald ihre Malschule schließen und nur mit Glück gelang ihr 1937 die Flucht nach Stockholm, wo sie eine Ausstellung ausrichten sollte. Im Exil wars vorbei mit ihrer Karriere, auch wenn sie noch malte, schon allein, um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. "Hätte ich nicht meine eigene Wirklichkeit im Malkasten gehabt, diesem kleinen Köfferchen, so hätte ich die Jahre nicht durchstehen können: ohne Familie, Freunde und Heimat".

Lotte Laserstein bleibt in Vergessenheit – vielleicht auch, weil sie nicht auf der Liste der sogenannten "Entarteten Kunst" stand, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland wieder gezeigt wurde. Erst 2003, fast 70 Jahre nach ihrer Flucht wird ihr Werk in einer großen Retrospektive wiederentdeckt.

Die Neue Sachlichkeit der Elfriede Lohse-Wächtler

Drei Porträts von Elfriede Lohse-Wächtler

Die ungestüme, die verruchte Rückseite der vermeintlich Goldenen 20er-Jahre sind das Thema der Elfriede Lohse-Wächtler. Sie begibt sich mitten ins Rotlichtmilieu und zeigt es in aller Härte und Buntheit. Das lässt die Malerin nicht kalt, Elfriede Lohse-Wächtler wird krank, zeitweilig ist sie obdachlos. Seelisch gebrochen wird sie in eine Heilanstalt eingewiesen und während der NS-Zeit zwangssterilisiert. Selbst in der Heilanstalt machte sie noch sehr beachtliche Porträts von Mitpatientinnen, aber das bewahrte sie nicht davor, nur als Opfer der NS-Zeit reflektiert und betrachtet zu werden – so kann man weibliche Kunst auch zum Schweigen bringen.

Erst in jüngster Zeit betonen immer wieder engagierte Sammlerinnen und Sammler die künstlerische Qualität der Arbeiten von Elfriede Lohse-Wächtler.

Verschollene Frauen und ihre Geschichten

Selbstporträt von Charlotte Salomon aus dem Jahr 1940

Der Malerin und Grafikerin Charlotte Salomon widerfährt ein ähnliches Schicksal: Weil sie nur als Opfer der Nazis in Erscheinnung tritt – Charlotte Salomon wird 1943 in Auschwitz ermordet –, werden ihre künstlerische Innovationskraft und die Qualitäten etwa  ihres Zyklus "Leben oder Theater" nicht angemessen gewürdigt.

Eine andere Methode der männlichen Kunstgeschichtsschreiber, Frauen nicht als große Künstlerinnen zu würdigen, war, sie als Muse an der Seite männlicher Künstler zu feiern. So gerieten viele Künstlerinnen aus dem Kreis der Surrealisten in Vergessenheit, etwa Leonora Carrington, die zeitweilig eine Affäre mit Max Ernst hatte, aber eine ganz eigene surreale Traumwelt erschuf.

Regisseurin Susanne Radelhof erzählt in der zweiteiligen Doku die Lebensgeschichten noch von vielen anderen verschollenen Künstlerinnen mehr. Die ARTE-Dokumentation "Lost Women Art. Ein vergessenes Stück Kunstgeschichte" 1 und 2 ist bis 16. Juni auch in der ARD Mediathek zu sehen.
Bei ARTE ist sie bis 7. Dezember abrufbar.