Effekte der Corona-Krise Der Kunstmarkt gerät ins Stottern

Der Online-Handel mit Kunst und Online-Kunst-Auktionen boomen. Aber Künstler*innen fehlt der Austausch und viele Käufer*innen wollen die Werke real anschauen, bevor sie kaufen. Zur Situation des Kunstmarkts in der Corona-Krise.

Von: Tilman Urbach

Stand: 23.11.2020

Mitarbeiter im Auktionshaus Phillips präsentieren während einer Vorschau das Gemälde «Nichols Canyon» des Künstlers David Hockney, das bei dem «20th Century & Contemporary Art Evening Sale» am 7. Dezember versteigert werden soll. | Bild: dpa-Bildfunk

"Was da passiert, ist einfach nicht mehr nachvollziehbar. Wenn man sieht, wie voll die U-Bahnen sind, die Busse, und wenn man sieht, wieviel Platz in den Museen ist, so leer, wie die eh schon sind und was sie für Vorsichtsmaßnahmen ergriffen haben, dann ist das für mich einfach eine willkürliche Maßnahme!“, schimpft Olaf Metzel. An deutlichen Worten hat es dem Bildhauer nie gefehlt. Alle Museen, selbst das kleinste Off-Space, in dem Kunst gezeigt werden kann, die nicht zum Verkauf steht, sind zu. Das ärgert den erfolgreichen Künstler und ehemaligen Akademieprofessor.

Kunst gehört für Metzel einfach zum Leben und deren Betrachtung ist ihm essentielles Bedürfnis. Eine virtuelle Begegnung mit einem Kunstwerk, wie sie jetzt vielfach ersatzweise angeboten wird, ist für ihn unbefriedigend:  "Ich bin Bildhauer in erster Linie. Man muss um eine Arbeit rumgehen können. Und nicht mit der Kamera rumkreisen. Und ich weiß auch noch, dass Sammler, Kunden, Freunde – sie wollen die Arbeit berühren; sie wollen sie sehen, und natürlich spielt das Digitale immer mehr eine Rolle, aber es wird niemals diese Rolle spielen, wie man sich das vielleicht erhofft gegenüber der analogen Situation."

Der Kunstmarkt stottert

Momentan ist keine gute Zeit für die Bildende Kunst: Geschlossene Museen, weltweit abgesagte Kunstmessen, Vernissagen, die nur noch online stattfinden können, obwohl die Galerien jetzt geöffnet haben - der Kunstmarkt stottert. Allein hierzulande hat der Bundesverband deutscher Galerien und Kunsthändler im Coronajahr eine Umsatzeinbuße von 40 Prozent errechnet. Das Allheilmittel für den Kunstmarkt sehen viele Galerien in Online-Präsentationen. Und tatsächlich: Dieses Jahr haben sich die Online-Verkäufe weltweit verdreifacht und machen 37 Prozent der Gesamtumsätze aus. Trotzdem, 70 Prozent der befragten Sammler wollen Kunst laut einer Umfrage der Art Basel und der UBS-Bank real anschauen, bevor sie kaufen.  

"Wir brauchen den Kontakt zur Kunst. Aber es kommt darauf an, welche Ware ich habe", sagt Galeristin Renate Bender. "Denn wenn ich mit Grafikeditionen bekannter namhafter zeitgenössischer oder moderner Künstler handele – das kann ich mir gut vorstellen, dass ich das auch online kaufen kann. Aber wenn ich zeitgenössische Kunst, die vor allem viel in meinem Programm verbunden ist mit Material und Oberflächen; die muss ich spüren im wahrsten Sinne des Wortes. Das kann das Internet nicht – keine Abbildung ist so gut, dass ich das sehen könnte. Und die ganzen virtuellen Messen die man jetzt ja hat, bestätigen sich ja als Flops. Das funktioniert nicht.“

Nichts geht ohne treue Sammler

Renate Bender, seit über dreißig Jahren als Galeristin in München tätig, sitzt in ihrer aktuellen Ausstellung. An den Wänden Werke aus der Privatsammlung von Erhard Witzel in schöner Assoziation mit Arbeiten, die aus dem eigenen Galerieprogramm stammen. Etwa die leuchtend farbenfrohen Glasarbeiten von Camill Leberer oder die satten Malereien auf Aluminium von Matt McClune. Die momentane Marktsituation beurteilt Renate Bender differenziert: "Die finanziellen Erfolge oder Misserfolge werden auch ganz unterschiedlich bei vielen Galerien sein. Ich habe von einigen Kollegen nichts Negatives gehört, andere jammern sehr. Ich habe hier in München einen treuen Sammlerkreis, der mich und die Künstler unterstützt hat, sodass ich tatsächlich Verkäufe generieren konnte, sogar in den letzten Monaten als der Shutdown war. Als wir wieder öffnen durften, kam der harte Kern – so nenn ich es mal – der langjährigen Sammlerfreunde und ich konnte fast von jedem Künstler, der in der Ausstellung war, etwas verkaufen. Und das ist in diesen Zeiten schon schön gewesen."

Kaum ein Markt ist international so vernetzt wie der Kunstmarkt. Kaum ein Monat, in dem nicht irgendwo auf der Welt – ob in den USA, in Europa oder in Asien – eine bedeutende Ausstellung, ein Event, ein internationales Großereignis oder eine Messe stattgefunden hätte. Kein Zweifel: Die Pandemie hat den Kunstzirkus völlig zum Erliegen gebracht. Manche meinen, eine Abkühlung des aufgeblähten Kunst-Business täte im Grunde gut und erwarten jetzt eine Selbstbereinigung des Marktes. Wird sich der Kunstmarkt dauerhaft verändern? "Ich glaube ja, vor allem im Hinblick auf die Kunstmessen, die für uns ja im Allgemeinen sehr wichtig sind, um neue Kunden zu finden, um uns international zu präsentieren mit unseren Programmen, " sagt Bender. Da werde sich sicher einiges verändern. Man versuche jetzt wieder, die Messen ins Frühjahr zu schieben, die jetzt alle nicht stattgefunden haben. Aber sie habe mit der Art Paris korrespondiert und sei sehr skeptisch, dass am 7. April in Paris eine Messe mit 55.000 Besuchern stattfinde.

Auktionshäuser entwickeln erfolgreiche Formate

Ganz andere Signale kommen von den Auktionshäusern. So hat sich im Juli bei Christies mit "A Global Sale" ein Format etabliert, das in einer Live-Auktion im Netz gleich vier Auktionatoren an vier verschiedenen Standorten weltweit agieren ließ. 420 Millionen Dollar wurden so erzielt, immerhin fast genau die Hälfte, die das Auktionshaus im vergangenen Jahr mit zwei Abendauktionen erwirtschaften konnte. Tatsächlich sind Online-Auktionen nicht mehr wegzudenken. Gleiches vermeldet Ketterer Kunst aus München. Zwar müssen auch hier Saalauktionen von Mal zu Mal der Pandemiesituation angepasst werden. Aber von jeher werden die großen Geschäfte eher durch Telefongebote getätigt, und vor allem Online-Bietgefechte – vor kurzem von Kunst-Connaisseuren noch naserümpfend beäugt – haben sich bei Ketterer etabliert. Robert Ketterer vermeldet einen regelrechten digitalen Boom: 500.000 Euro Gesamterlös bei Online Auktionen allein im Mai. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Umsatz in diesem Segment verachtfacht. Seit 2005 hat das Auktionshaus das Online-Geschäft systematisch ausgebaut. Robert "Wir haben sehr früh verstanden, dass man auch im Internet die Objekte reingeben muss, die spannend sind, die heute gesucht werden. Und dann werden die dort auch richtig gut verkauft."

Bei seinen Online Auktionen setzt Ketterer selbst bei Werken etablierter Künstler auf einen geringen Einstiegspreis von 100 Euro. Und erzielt damit Erlöse, die nicht selten über der 10.000er Marke liegen. Ketterer ist sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, dass bei ihm online die 100.000er Marke übersprungen wird. Corona – so Ketterer – sei nur ein Katalysator für alles, was in den nächsten Jahren kommen wird. Tatsächlich sind Online-Versteigerungen vor allem für junge, potente Sammler der Millennium-Generation angesagt.

Bedeutend vorsichtiger beurteilt man in der Galerie Jahn & Jahn den Onlinehandel – und ist dort trotzdem seit kurzem damit beschäftigt, sich im Internet besser zu präsentieren. Matthias Jahn und Tim Geissler stehen nebeneinander im Bilderlager ihrer Galerie, die neben Papierarbeiten von Baselitz prominente Werke von Imi Knoebel, Ernst Wilhelm Nay oder Per Kirkeby beherbergt, allesamt hochklassige Positionen. Seit Jahrzehnten ist Fred Jahn eine der ersten Adressen in München, wenn es um Weltkunst geht. Aber sowohl Matthias Jahn als auch Tim Geissler sehen die Notwenigkeit, sich – nicht nur angesichts der Coronakrise – neu zu positionieren. Tim Geissler: "Seit einiger Zeit machen wir uns darüber Gedanken, wie wir Kunst digital oder virtuell abbilden können und grundsätzlich haben wir für uns eine Entscheidung getroffen, dass das nicht geht. Aber was geht, ist, dass man Information verdichtet und auch den Kunden und Besucherinnen und Besuchern. Und das probieren wir über verschiedene Formate – das geht über die sozialen Medien; das geht über einen Online- Viewing-Room. Das geht auch darüber, dass wir ein neues Format gerade auf die Beine stellen, wo wir mit Kollegen, anderen Galerien internationaler Couleur, nur eine Arbeit einer Künstler*in, zeigen und das Netzwerk von allen anzapfen und darüber hinaus nicht nur das Kunstwerk zeigen, sondern die Künstlerin und den Künstler mit Publikationen, internationalen Ausstellungen, Studioeinsichten."

Auf Instagram sind unter der Adresse "Jahn & Jahn" Posts von Arbeiten der aktuellen Ausstellung sehen, Werke des belgischen Malers und Dichters Henri Michaux und Statements von Kirsten Ortwed. Die dänische Bildhauerin, die bereits auf der Biennale von Venedig vertreten war, wird nicht zum ersten Mal von der Galerie gezeigt. Um für solche aufwendigen Präsentationen zu werben, sei die fortschreitende Digitalisierung notwendig, sagt Matthias Jahn.