Fotoprojekt zu Corona Diese Fotos zeigen Wirte im Lockdown

Auf einmal waren sie zu: Bars und Restaurants. Die Fotografin Helena Heilig hat diese Zeit festgehalten und Münchner Wirte im Lockdown fotografiert. Im Interview erzählt sie, warum die Bilder wie aus den 20er Jahren wirken.

Von: Joana Ortmann

Stand: 10.12.2020 | Archiv

Helena Heilig hat Wirte von Münchner Bars und Restaurants während des Lockdown fotografiert. | Bild: Helena Heilig

Einer sitzt einsam auf dem Barhocker: Wartet er vielleicht auf den letzten Drink der Nacht? Ein anderer scheint direkt aus einem surrealen 50er-Jahre-Film zu kommen, elegant in Anzug und Fliege in einer sonst menschenleeren Brasserie. Und die Frau im Korbstuhl, noch allein am Tisch könnte der erste, etwas zu frühe Gast des Abends sein. Aber sie sind alle Münchner Wirte im Lockdown, porträtiert von der Fotografin Helena Heilig, die von einem befreundeten Concierge auf die Idee gebracht wurde, Restaurants, Kneipen, Bars und die zum Stillhalten gezwungenen Gastgeber zu zeigen.

Joana Ortmann: Frau Heilig, Sie haben dieses Projekt während der ersten Corona-Welle begonnen. Was hat Sie daran gereizt?

Helena Heilig: Es war wirklich dieser Gegensatz: Eine Bar, wo keiner drin ist. Da geht man ja normalerweise nicht rein. Es ist einfach so ein krasser Kontrast: Etwas, wo man sonst immer hingegangen ist, wenn man Gesellschaft wollte. Und plötzlich waren diese Orte, die sonst so voller Leben waren, leergefegt. Und auch der Gastronom oder der Wirt, der sonst eigentlich keine Zeit hat, auch nur einen Satz mit einem zu sprechen, weil er ständig von A nach B rennen muss - die saßen jetzt in ihren leeren Gasträumen. Es war teilweise hat es uns wirklich runtergezogen, einfach diese Atmosphäre und dieses Bewusstsein, dass da, wo jetzt niemand ist, eigentlich viele Menschen sein müssten. Das passt nicht zusammen.

Wie haben Sie aus diesem Kontrast dann als Fotografin Potenzial gezogen? Was haben Sie da gemacht?

Dieser Raum hat ja schon einfach allein eine Wirkung. Da muss man noch nicht einmal ein Foto machen, wenn man da drin steht. Es ist niemand da, die Stühle sind hochgestellt. Wir wissen zwar, das ist geschlossen, deswegen ist niemand da. Und wir wissen auch den Hintergrund, warum niemand da sein darf. Aber das ist einfach ein bedrückendes Gefühl. Es fühlt sich nicht richtig an. Und dass die Bilder schwarz-weiß werden sollten, war eigentlich auch gleich klar, weil wir ein Kunstprojekt machen wollten. Wir wollten die Wirte nicht einfach nur darstellen, in ihren leeren Gasträumen, sondern wir wollten eine Ausstellung machen.

Das Schwarz-Weiß und diese strenge Form des Porträts, die sie dann gewählt haben, das ist ja wirklich ein Klassiker in der dokumentarischen Fotografie. Das erzeugt schon fast etwas Historisches, als wäre das schon lange vorbei...

Ja, das ist uns allerdings erst im Verlauf der Arbeit bewusst geworden. Als wir angefangen haben, die Fotos zu machen, sind wir in die Lokale gefahren, haben uns mit den Wirten unterhalten. Und es war auch von vornherein klar, dass der Gesichtsausdruck der Wirte kein fröhlicher sein wird, weil das das Thema einfach nicht hergibt. Wir haben über diese Zeit gesprochen. Jeder war verunsichert, niemand wusste, wie es weitergeht. Keiner von uns hatte so etwas ja vorher erlebt. Erst, als ich die Bilder nach der Retusche wiederbekommen habe - die wurden einfach noch perfektioniert, mit dem Kontrast und Licht und so weiter - da ist mir das eigentlich erst gekommen, dass das Bild auch 1920 hätte entstanden sein können. Und dann bin ich darauf gekommen, dass das wohl daran liegt, dass die Menschen ernst gucken.

Ernst, aber nicht kraftlos. Also die schauen schon sehr intensiv in die Kamera, diese Wirte. Wie haben die denn selbst da mit gestaltet? Mancher sitzt da einfach so auf einem Barhocker, manche an einem Tisch, manche stehen so verloren ein bisschen?

Ich habe die nicht stark beeinflusst. Wir haben bei manchen zwei Positionen fotografiert und uns dann einfach für eine davon entschieden. Aber ich habe nicht vorgegeben, wie sie sitzen sollen oder wie sie stehen müssen. Man stellt sich ja in ein Bild, so wie man sich fühlt. Mir war wichtig, dass derjenige, der in seinem Lokal steht, sich nicht verstellt fühlt, dass er er selbst ist. Und das transportiert ja auch das Bild. Wenn ich jetzt jemanden auf die Bar gesetzt hätte mit verschränkten Armen und Beinen, und der sich da nicht wohlgefühlt hätte, dann wäre das Bild nicht gut.

Es sind sehr viele verschiedene Orte dabei, überraschend viele. Deshalb wirken diese Bilder auch sehr vielseitig, da ist das Tantris dabei, die Bar Sehnsucht, auch ganz kleine Lokale wie das Nana. Sie haben mit einer Digitalkamera und einem Stativ gearbeitet und sonst eigentlich mit wenig, kein Licht. Die Orte wirken sehr natürlich so, wie sie dokumentiert sind.

Ja, das habe ich auch bewusst gewählt. Ich wollte gerne mit dem Licht, was vor Ort da ist, fotografieren und kein zusätzliches Foto-Licht mitbringen, weil das in meinen Augen die Atmosphäre verfälscht. Deswegen sind die Bilder auch teilweise recht dunkel. Man bekommt einfach ein Gespür, wie es in dieser Bar tatsächlich ist. Natürlich sind Bars technisch schwieriger zu fotografieren, weil sie grundsätzlich weniger Tageslicht haben. In Restaurants hat man ja oft große Fensterfronten, Licht von überall. Da war es leicht. Aber ich mag nach wie vor diesen Look, der einfach entsteht mit natürlichem Licht. Unser Ansatz war eben mit so wenig wie möglich einfach die Situation festzuhalten. Es sollte ja ein zeitgeschichtliches Dokument entstehen und das entsteht nicht, indem man einen Raum ausleuchtet, der sonst ganz dunkel ist.

Zu diesen sehr klaren, klassischen, intensiven Bildern kommen dann die Geschichten der Wirte, dokumentiert von der Journalistin Susanne Fiedler. Was hat Sie da überrascht?

Vielleicht: Die meisten Wirte haben einfach gemerkt, wie sehr sie eigentlich Wirt sind oder Wirt sein müssen oder wollen. Dass diese Tatsache, dass sie nicht Wirt sein können,ihnen wahnsinnig gefehlt hat. Ich meine, die Menschen, die nicht ausgehen konnten und nicht essen gehen konnten, haben es auch vermisst. Aber die Wirte haben genauso die Gäste vermisst. Man hat sich gegenseitig wieder wertgeschätzt. Manchmal merkt man ja erst, was man vermisst, wenn man es nicht mehr hat.

Sie haben zweimal versucht, die Bilder, die dabei entstanden sind, zu zeigen. Einmal sollte es im November sein - wurde verschoben. Dann sollte es im Dezember sein - wurde natürlich wieder verschoben. Wo sind die Bilder denn jetzt?

Wir haben unseren Schatz jetzt im Keller. Die Bilder sind eingelagert und wir warten auf den Moment, wo wir sie zeigen dürfen.

Sie wollten sie natürlich auch, ortsgemäß richtig zeigen in einem ehemaligen Wirtshaus.

Unser größter Wunsch wäre, dass die Location die gleiche bleibt: Die Burgstraße 5, das ist zentral in München, ein Wirtshaus. Dort können wir unser Konzept mit den Bildern auf den Wirthshaus-Tischen durchführen. Das wäre unser größter Wunsch, dass wir das noch vor Sommer nächsten Jahres machen können.

Bis es soweit ist: Einfach mal auf die Seite Wirte im Lockdown schauen. Dort sind ein paar Eindrücke und die neuesten Infos zum Projekt der Fotografin Helena Heilig und der Journalistin Susanne Fiedler versammelt.