Vivienne Westwood Die "Mutter des Punk" wird 80

Ob als generationenprägende Designerin oder als Verteidigerin von Wikileaks-Gründer Julian Assange – Vivienne Westwood ist auch mit 80 für manchen Aufreger gut.

Von: Sabina Matthay

Stand: 07.04.2021 | Archiv

Vievienne Westwood zum 80. Geburtstag | Bild:  Ian West dpa-Bildfunk

Gleich am ersten Schultag fing sie sich eine Backpfeife, weil sie aus purer Entdeckerfreude aufs Jungenklo ging, statt sich brav vor der Mädchentoilette anzustellen, erzählt die Frau, die als Vivienne Westwood berühmt geworden ist. Unerschrocken, unangepasst, unberechenbar – so inszeniert die Designerin sich, seit sie Ende der Siebzigerjahre zusammen mit Malcom McLaren den Punk erfand. Für ihn war die Grundschullehrerin aus ihrer Ehe mit einem Dreher ausgebrochen, fortan entwarf sie anarchische Klamotten, McLaren verkaufte Platten und managte die legendären Sex Pistols.

Ein heroischer Versuch, das Establishment herauszufordern, das sei der Punk gewesen, meint Westwood. Die mit Sicherheitsnadeln zusammengehaltenen Fetzen, die sie damals in ihrem Shop in Chelsea verkaufte, gelten heute als britisches Kulturerbe. Doch die modische Autodidaktin löste sich von der Punkszene, bevor die im Mainstream verschwand, und wandte sich den “New Romantics“ zu. Bleich geschminkt mit hochgestecktem, hennaroten Haar ließ sie sich für ihre Kollektionen von Piraten, viktorianischen Straßenkindern und Hexen inspirieren, historische Kostüme mischte sie mit neuen Trends.

Miss Marple auf Speed

Naomi Campbell erinnert sich noch heute an ihren spektakulären Unfall bei einer Westwood-Schau: Mit zentimeterhohen Plateauschuhen stolperte sie 1993 anmutig auf dem Catwalk – unbezahlbare Publicity für Supermodel und Designerin. Vivienne Westwood wusste aber auch die Ordensverleihung durch die Queen imagefördernd einzusetzen: Für die Fotografen ließ die Modeschöpferin hinterher den Rock hochwehen, darunter nichts als Seidenstrümpfe.

“Miss Marple auf Speed“ nennen manche sie aber auch wegen ihres politischen Aktivismus. Mal posiert die Hochbetagte als Kanarienvogel in einem überdimensionierten Käfig, um die Auslieferung von Wikileaks-Gründer Julian Assange an die USA zu verhindern. Dann fährt sie mit einem Panzer vor dem Amtssitz des Premierministers vor, aus Protest gegen Fracking. Genauso schrill engagiert sie sich für die umstrittene Israel-Boykott-Bewegung BDS, für den Tierschutz und gegen den Klimawandel. Den Kapitalismus bezeichnet sie als Kriegsökonomie.

Im Kapitalismus hat Vivienne Westwood sich allerdings gut eingerichtet. Um Steuern zu vermeiden, betrieb sie lange ein Tochterunternehmen in Luxemburg – legal, aber nicht im Einklang mit ihren lautstark bekundeten Überzeugungen. Die kreative Leitung ihrer Luxuslabels hat die Jubilarin längst ihrem wesentlich jüngeren zweiten Ehemann übergeben. Denn in ihrem nächsten Lebensjahrzehnt will Vivienne Westwood nur noch eins: aufsehenerregend aus dem Rahmen fallen.