Raubkunst & Benin-Bronzen München hat den postkolonialen Diskurs verschlafen

Es tut sich was in deutschen Museen: Raubkunst wird zurückgegeben, die Dekolonialisierung nimmt Formen an. Überall? Nicht wirklich. Das Münchner Museum Fünf Kontinente hinkt dem aktuellen Diskurs um Jahrzehnte hinterher.

Von: Jochen Rack

Stand: 27.05.2021 | Archiv

Der "Blaue-Reiter Pfosten", eine Reliquiarfigur aus Holz, steht in der Ausstellung des Museum Fünf Kontinente in München. | Bild: picture alliance/dpa | Lino Mirgeler

Das Münchner Museum "Fünf Kontinente", das bis zum Jahr 2014 Museum für Völkerkunde hieß, zeigt in der Afrika-Abteilung eine Auswahl jener Benin-Bronzen, die in den letzten Jahren zum Symbol für kolonialistische Aneignung und die Forderungen nach der Restitution geraubter afrikanischer Kunstwerke wurden. In einer hell ausgeleuchteten Vitrine sieht man zum Beispiel den "Ahnenaltar-Gedenkkopf eines Königs" mit femininen Zügen, einer korbförmigen Mütze und einem bis zum Mund hochgeschlossenen Halsschmuck, der Sockel ist verziert mit den Abbildungen von Fröschen, Meerestieren, einem Widderkopf und anderen Symbolen, die sich nicht leicht erschließen. Die hohe künstlerische Qualität der ausgestellten Stücke erschließt sich auf Anhieb auch dem Laien. Es verwundert daher nicht, dass die Bronzen, die die Briten nach der Eroberung des Königreichs Benin im Jahr 1897 als Raubgut nach Großbritannien brachten, bald gewinnbringend an Museen überall in Europa verkauft wurden.

Die in München ausgestellten Beninbronzen kamen zwischen 1898 und 1911 in das Museum "Fünf Kontinente", erklärt Stefan Eisenhofer, Leiter der Afrika-Abteilung. Etwa 30 Bronzen und Elfenbeinarbeiten aus Benin befinden sich im Besitz des Hauses. Drei davon kamen 1898 und 1899 über den Kunsthändler Webster, der die Kriegsbeute vom britischen Militär erworben und an die Museen der Welt weiterverkauft hatte. Bei weiteren fünf Objekten sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich dabei ebenfalls um englische Kriegsbeute handle.

Benedicte Savoy vs. Humboldtforum

Auch das damalige Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin erwarb Teile des britischen Beuteguts. Die vorgesehene Präsentation im Berliner Humboldtforum führte zu einem öffentlichen Streit, der von der Kunsthistorikerin Benedicte Savoy maßgeblich mitbestimmt wird. "Die Objekte gehörten dem größten Königreich seit der Renaissance, dem Königreich Benin, das schon im 16. und 17. Jahrhundert beschrieben wurde in Reiseberichten, einen enormen Reichtum hatte, eine große Geschichte und Strahlkraft hatte", so Savoy. "Und im Rahmen einer kolonialen, militärischen, blutigen Expedition haben die Briten diese Stadt Benin City eingenommen, die Objekte weggeschafft. Die Berliner Museen haben sehr viel davon aus dem britischen Kunsthandel gekauft, weil sie sehr reich waren um 1900, und jetzt ist in Berlin die weltweit zweitgrößte Sammlung an Benin-Bronzen. Wollen wir das wirklich im Herzen von Berlin haben oder wollen wir nicht sagen: Wir geben einen Teil davon zurück?"

Drei Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt.  | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Raubkunst Die Rückgabe der Benin-Bronzen ist ein Gewinn

Deutschland will die berühmten Bronzen aus Benin zurückgeben. Warum das eine gute Entscheidung ist, erklärt unser Kommentar. [mehr]

Tatsächlich ist die politische Entscheidung über die Rückgabe inzwischen gefallen. Bis Mitte Juni soll eine Aufstellung aller Benin-Werke in deutschen Sammlungen online gehen, im nächsten Jahr sollen dann die ersten Restitutionen starten. Die Gralshüter der ethnologischen Schätze, die sich – wie Benedicte Savoy in ihrem Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst" nachweist – in den 1960er- bis 1980er-Jahren ersten Forderungen nach Restitutionen erfolgreich widersetzen, haben heute keine Lobby mehr. 

Für die ethnologischen Museen in Deutschland und Europa heißt das, dass sie nicht nur die Inventare ihrer Sammlungen öffentlich machen, verstärkt Provenienzforschung betreiben und auf eventuelle Rückgabeforderungen positiv reagieren müssen. Die postkoloniale Debatte verlangt darüber hinaus, dass die Häuser ihre Entstehungsgeschichte und ihre institutionellen Strukturen grundlegend reflektieren und neue Ausstellungskonzepte entwickeln. Denn allzu lange präsentierten sie Objekte aus ihren Sammlungen bloß wie kostbare Trophäen und enthielten dem Besucher wesentliche Informationen über ihre Herkunft aus dem kolonialen Gewaltkontext vor.

Fragen über Fragen

Statt Aufklärung über den Sinn und die Bedeutung der ausgestellten Objekte zu geben und sie aus den kulturellen Praktiken ihrer Herkunftsländer verständlich zu machen, zelebrierte man ihre fetischisierende Ästhetisierung. Das Münchner Museum "Fünf Kontinente" habe eine starke Kunsttradition, meint Stefan Eisenhofer: "Die Ausstellung, wie sie von der Vorgängerin geschaffen wurde, war der Versuch eines respektvollen Umgangs mit den Objekten… war der Versuch, die Objekte als Kunstwerke, als ästhetisch herausragende, formal, von der intellektuellen Machart zu präsentieren, war der Versuch, Europäer*innen afrikanische Kreativität nahezubringen. Die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus stand nicht im Vordergrund."

Uta Werlich, Direktorin des Museums "Fünf Kontinente" in München

Das klingt so, als wäre das Münchner Museum nicht als ethnographische Sammlung oder Völkerkundemuseum gegründet worden, sondern als Kunstpalast. Offenbar hat man bislang Schwierigkeiten, sich von den konzeptuellen Fehlentscheidungen vergangener Museumskuratoren zu befreien. Die sieben im Münchner Museum "Fünf Kontinente" gezeigten Benin-Bronzen zum Beispiel verraten dem Besucher nichts über ihre koloniale Herkunft. Wie kamen sie ins Münchner Museum? Und wann? Keine Information über die Herkunft aus der sogenannten britischen "Strafexpedition". Wie und warum führten die Briten Krieg in Benin? Und wie wird im heutigen Nigeria an diesen erinnert? Wie lebten die Menschen im Königreich Benin vor der Kolonialzeit? Wo waren die Reliefplatten angebracht? Welche religiöse, rituelle Bedeutung hatte der "Ahnenaltar-Gedenkkopf eines Königs" in der Gesellschaft von Benin?

Statt solche historischen und ethnologischen Kontexte zu erläutern, beschränkt sich die Präsentation der Benin-Bronzen auf dürftige Angaben zu ihrer Materialität. Der koloniale Blick ist ungebrochen: Die Objekte einer fremden Kultur blenden mit einer exotischen Aura und bedienen die Schaulust des europäischen Publikums. Man staunt und bestaunt sie, aber begreift sie nicht. Eigentlich kann sich ein ethnologisches Museum, das Verständnis für fremde Kulturen wecken möchte, mit Objektfetischismus nicht zufriedengeben. Das sieht auch die Direktorin des Museums Uta Werlich so, die findet, dass die Ausstellung sich überlebt hat: "Wir sehen in der Ausstellung, dass den Besucherinnen sehr wenig Information an die Hand gegeben werden, dass im Prinzip Perspektiven aus den entsprechenden Ländern nicht zum Tragen kommen. Das, was wir heute als Raubkunst ansehen, wird in dem Haus, in dieser Abteilung hauptsächlich als höfische Kunst präsentiert. Das sind wir uns bewusst, dass wir daran arbeiten müssen und das auch machen wollen."

Alles wie gehabt in München

Uta Werlich scheint die kuratorischen Defizite ihres Hauses zu begreifen, und der zuständige Leiter der Afrikaabteilung Stefan Eisenhofer nennt die existierende Ausstellung gar "eurozentristisch". Bleibt die Frage, warum man die Ausstellung dann nicht ändert? Liegt es wirklich daran, dass finanzielle Mittel für die Umgestaltung fehlen und man auf eine Sanierungsmaßnahme gewartet hat, die dann nicht zustande kam? Man hat wohl eher auf die veränderte öffentliche Debattenlage zu spät reagiert. Denn es bedarf nicht unbedingt großer Geldsummen und eines jahrelangen Vorlaufes, um Schrifttafeln mit ergänzenden Informationen anzubringen oder andere Objekte, von denen sich tausende im Depot des Museums befinden, in die Vitrinen zu stellen.

Dennoch ist die Dauerausstellung in der Afrikaabteilung seit 1998 unverändert. Alltagsgegenstände hält man offenbar nicht für exponabel. Und nicht einmal die präsentierten hochwertigen Kunstobjekte erläutert man ausreichend. Ein ehemals existierender Katalog mit weiterführenden Beschreibungen der Ausstellungsobjekte ist thematisch veraltet, außerdem vergriffen, einen neuen gibt es nicht und die angedachte Online-Datenbank befindet sich erst in Vorbereitung. Die postkoloniale Debatte ist zwar bei den Museumsmachern, nicht aber in den Ausstellungsräumen angekommen.

"Der Grundstock der jetzigen Ausstellung ist sehr stark auf einen europäischen Sammlergeschmack hin ausgewählt", so erklärt Stefan Eisenhofer. "Im Grunde wurde sehr stark auf die Form und gutbürgerliche Ästhetik geachtet, weil der Blick auf afrikanische Objekte ist ja sehr stark geprägt davon, was letztlich so in Frankreich und Belgien in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als Kunst definiert wurde."

Dem Diskurs um 20 Jahre hinterher

Ein ethnologisches Museum als Kunstmuseum? Diese Konzeption ist längst nicht mehr up to date. Im Museum ist man den veränderten Debatten um 20 Jahre hinterher, das weiß auch Museumsdirektorin Uta Werlich: "Ende der 90er-Jahre wollte man afrikanische Kunst sehen. Heute haben wir ganz klar einen gesellschaftlichen Auftrag: Schaut euch die Geschichte eurer Sammlung an, erzählt Kolonialgeschichte, erzählt, was in der Zeit passiert ist und erzählt das mit Hilfe eurer Sammlung."

Es reicht aber nicht, mangelnde Provenienzforschung als Ausdruck einer eurozentrischen Aneignungspraxis bloß zu beklagen. Das zeigt im Museum Fünf Kontinente auch das Beispiel von Man Rays Fotografie eines Frauengesichts mit afrikanischer Maske, zu der durchaus treffend angemerkt wird, sie reduziere die Maske auf ein hölzernes Gesicht und sei ohne zugehöriges Maskenkostüm eigentlich nicht verständlich. Warum dokumentiert man dann solche Praktiken nicht?

Angeblich befinden sich 135.000 Fotografien im Besitz des Museums. Womöglich gibt es auch dokumentarische Filmaufnahmen, die helfen könnten, die Bedeutung zum Beispiel der ausgestellten Hörner- und Vorlegemasken aus der Makonde-Region im heutigen Tansania in ihren praktisch-kulturellen Kontexten verständlich zu machen. Aber das Museum verrät dem Besucher nicht einmal, dass damals "um 1900", wie die vage Angabe zu ihrer Entstehungszeit lautet, Kriege in Deutsch-Ostafrika geführt wurden, die hunderttausende Opfer unter der einheimischen Bevölkerung forderten. Ein nicht weiter bezeichneter "Ritualstab" aus Tansania stammt aus diesem kolonialen Gewaltkontext. Wer hat ihn wem weggenommen und nach München gebracht? Welche Rituale wurden mit ihm begleitet? Provenienzforschung bislang Fehlanzeige, ethnologische Erklärung gleich null. Für das Museum bleibt noch viel zu tun. Vorläufig erklärt die Direktorin Uta Werlich nur den Willen, die Dauerausstellung zu verändern. Welches kuratorische Konzept man verfolgen und wann man die Ausstellung anders aufstellen will, darüber gibt es bis jetzt keine Auskunft.

Vorbild Berlin?

Wie es eventuell anders gehen könnte, zeigt ein Blick nach Berlin. Dort haben Mitarbeiter des ethnologischen Museums in Dahlem in Vorbereitung des Umzuges der Afrika-Sammlung ins Humboldtforum begonnnen, die Provenienz und Bedeutung von Objekten zu eruieren, die nie der Öffentlichkeit gezeigt wurden: Allein circa 10.200 Objekte aus dem heutigen Tansania befinden sich in den Depots.

Paola Ivanov, Kuratorin der Afrika-Sammlung des Berliner Ethnologischen Museums, setzte auf die Kooperation mit Wissenschaftlern aus Tansania, um einige der Gegenstände exemplarisch zu erschließen: "Uns ging es darum, zu thematisieren, dass es gewaltsam entnommene Objekte aus Tansania in Deutschland gibt, einschließlich einiger Objekte, die noch aus der Kriegsbeute des Maji-Maji-Krieges stammen, bei dem mindestens 200.000 Tansanier gestorben sind. Das war eine Zusammenarbeit auch mit der Universität Daressalam, da fanden kleine Feldforschungen statt seitens der Universität Daressalam und eine längere künstlerische Forschung, und daraus ist dann eine Ausstellung entstanden, die im National Museum und dann im Maji-Maji-Memorial-Museum in Songea gezeigt wurde in Zusammenhang mit dem Gedenktag für den Maji-Maji-Krieg im Süden Tansanias."

In enger Zusammenarbeit mit tansanischen Experten konnte man so zum Beispiel die Bedeutung eines sogenannten Medizinbeutels erschließen, der Dutzende von Kräutern und anderen Ritualgegenständen enthält, erklärt Kristin Weber-Sinn, Kuratorin an der Berliner Ethnologischen Sammlung: "Wir machen nur Provenienzforschung zu den Objekten anhand der kolonialen Archive, also von Reisebeschreibungen, die sich bei uns in den Archiven in den Erwerbungsakten befinden. Die sind zum Teil sehr spärlich, vor allem, was Funktion und Bedeutung der Objekte angeht. Also ist es notwendig und unerlässlich, um überhaupt etwas über die Objekte erfahren zu können, in welchem Kontext sie verwendet wurden, welche Bedeutung sie hatten, natürlich die Menschen, die Expertinnen vor Ort zu fragen."

Mit Kolonialismus auseinandersetzen

Indem man Heilkundige im heutigen Tansania zu Rate zog, konnte man den Inhalt des Medizinbeutels verstehen – ein gelungenes Beispiel dafür, wie man ethnologische Objekte, die durch koloniale Aneignung stumm gemacht wurden, wieder zum Sprechen bringen kann. Die ethnologischen Museen können im Prozess postkolonialer Verständigung eine wichtige Rolle spielen, wenn sie ihre kuratorischen Konzepte verändern, sagt die Berliner Kuratorin Paola Ivanov: "Ich sehe ein Problem darin, dass man sich nur auf Objekte konzentriert in den Sammlungen und dabei vernachlässigt, was der Kolonialismus wirklich war. Das war nicht ein Kunstraub, sondern Kolonialismus war politisch-ökonomische Unterdrückung und Ausbeutung. Man kann sagen, der Kolonialismus ist die andere Seite der Moderne, das heißt der Kolonialismus hat unsere gesamte Gesellschaft geprägt und prägt sie bis heute. Damit sollten wir uns auseinandersetzen. Und manchmal denke ich, diese Konzentration auf die Objekte ist eine Weise dieser größeren Auseinandersetzung, die uns auch in Frage stellt, aus dem Weg zu gehen."

Wenn die ethnologischen Museen mehr sein wollen als Depots von Raubkunst-Trophäen und Schaubühnen einer fetischisierenden Ästhetisierung von exotischen Objekten fremder Kulturen, müssen sie Geschichten erzählen: Geschichten über das Leben von Völkern und Gesellschaften in vorkolonialer Zeit und Geschichten über die Unterwerfung und Zerstörung dieser Kulturen im Zeitalter des Kolonialismus. Es wäre ein Schritt hin zu einer Herstellung jener neuen Beziehungen zwischen ehemaligen Kolonien und europäischen Ländern, die sich gründen auf eine relationale Ethik, in anderen Worten: eine gerechtere Vorstellung des Zusammenlebens in einer globalisierten Welt. Das Münchner Museum "Fünf Kontinente", das bis 2014 Völkerkundemuseum hieß, könnte in diesem Sinn zur Völkerverständigung beitragen.