Interview mit der ukrainischen Galeristin Alona Karavai Wie schützt man jetzt Kunst und Kulturstätten?

Vor allem Menschen, aber auch Kunst und Kulturstätten sind durch den Krieg in der Ukraine in Gefahr, werden von der russischen Armee sogar mutwillig zerstört. Die Galeristin Alona Karavai setzt sich für die Evakuierung von Kulturgütern ein.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 10.03.2022 | Archiv

Alona Karavai | Bild: Ira Mutka

Wer die Bilder der Bombenruinen in der Ukraine sieht, denkt als erstes an die Menschen, die bei den Detonationen in Reichweite gewesen sein mögen. Aber natürlich stehen in den angegriffenen Städten und Gebieten auch Kulturdenkmäler und Museen mit Kunstschätzen. Allein sieben Weltkulturerbestätten befinden sich in der Ukraine, in Kiew zum Beispiel die Sophienkathedrale und das Höhlenkloster – ein Komplex aus Kirchen, Mönchszellen, Höhlen – und in Lwiw die historische Altstadt. Dazu gibt es viele große und kleine Museen und Galerien. Mit zunehmender Dauer des Kriegs stellt sich auch die Frage, wie dieses Kulturerbe zu schützen ist. Judith Heitkamp im Gespräch mit der Galeristin und Aktivistin Alona Karavai, die sich im Westen der Ukraine engagiert, in der Nähe von Lwiw.

Judith Heitkamp: Was können Sie tun, um Kunstwerke zu schützen?

Alona Karavai: Natürlich steht das Retten von Menschen im Vordergrund. Aber Kultur ist auch wichtig. Dieser Krieg ist ja auch ein Krieg der Kulturen, da Putin die Identität der Ukraine attackiert. Was das Kulturerbe und die großen Museen angeht, da ist das ukrainische Kulturministerium ziemlich aktiv. Ich habe vor zwei Tagen mit dem Kulturminister der Ukraine gesprochen, der mir versichert hat, dass – soweit das unter den gegenwärtigen Umständen möglich ist – an der Evakuierung von Kulturobjekten aus Kiew und anderen angegriffenen Städten gearbeitet wird. Das geht natürlich nicht in jedem Fall. Es gibt ja Kulturgüter, die man gar nicht fortschaffen kann. Und dann gibt es noch die vielen kleineren Galerien. Da reichen die Kräfte des Ministeriums nicht aus. Gerade hier können Menschen wie wir helfen. Und das machen wir auch.

Und was bedeutet das ganz praktisch? Was machen Sie da?

Wir sind schon in Kontakt mit anderen Galerien und Künstlern. Vor allem in Kiew. Schon vor einer Woche haben wir in unseren Netzwerken einen Aufruf gestartet mit der Botschaft, dass wir dabei helfen können, Werke zu evakuieren und bei uns unterzubringen oder sogar in Bunkern zu schützen. 20 solcher Fälle haben wir gerade in Arbeit. Sechs Rettungsaktionen waren schon erfolgreich. Einige weitere sind noch offen. Und da, wo wir nicht direkt etwas tun können, sind wir in Kontakt mit unseren Kolleginnen und Kollegen und überlegen zusammen, wie die Werke am besten geschützt werden können.

Sie brauchen konkret da, wo Sie sind, im Westen der Ukraine, viel Platz für Bilder und andere Kunstwerke?

Ja, vor allem Platz in Bunkern. Leider. Auch der Westen der Ukraine wird angegriffen, da brauchen wir sichere Lagerorte. Aber natürlich müssen wir die Bunker so platzsparend wie möglich nutzen, damit wir sie den Menschen nicht wegnehmen.

Sie haben gerade so nüchtern gesagt, dass Sie helfen, "Kunst aus Kiew zu evakuieren". Wenn man hier von Bayern aus die Bilder sieht, ist es schwer vorstellbar, wie man überhaupt aus Kiew herauskommt. Was bedeutet das: Kunst aus Kiew zu evakuieren?

Ein Beispiel: Heute sind zwei Kleinbusse aus Kiew losgefahren. Voller Kunstwerke. Und natürlich auch mit Menschen, die evakuiert wurden. Seit zwei Tagen ist es in Kiew etwas ruhiger. Es sind weniger Menschen auf der Straße. Aber der Zugverkehr funktioniert. Man kann auch Auto fahren. Natürlich muss man aufpassen, weil manche Bahnstrecken attackiert werden. Aber es gibt immer noch viele Menschen, die in die Stadt kommen oder sie verlassen.

Die UNESCO hat bekannt gegeben, sie habe angefangen, Stätten und Monumente zu markieren, um an deren Sonderstatus als Schutzzonen kraft internationalen Rechts zu erinnern. Was heißt: Seit dem Wochenende werden blaue Schilder angebracht an solchen Stellen – das ist das internationale Zeichen des Kulturgüterschutzes in bewaffneten Konflikten. Das scheint mir aber ein sehr, sehr kleiner Schutz zu sein … oder wie sehen Sie das?

Naja, wenn sogar Autos des Roten Kreuz beschossen werden – wieviel werden dann diese blauen Schilder helfen? Wenn wir einen Gegner hätten, der etwas mehr Respekt vor dem Gesetz hätte, dann würde es vielleicht funktionieren. In diesem Fall bin ich skeptisch. Aus Odessa und aus Lwiw weiß ich, dass dort die Denkmäler jetzt auch physisch eingepackt werden, mit Sandsäcken und viel Plastik. Das sieht schon etwas ungewöhnlich aus … aber dort versucht man wenigstens, etwas zu tun.

Wie ist das denn zum Beispiel bei der Kiewer Sophienkathedrale, die mit zum Weltkulturerbe gehört? Ich habe gelesen, dass sich dort in den Wochen vor dem Krieg oft Menschen versammelt haben, die für ukrainische Unabhängigkeit protestiert. Ist die Kathedrale jetzt ein politisches Symbol?

Ja, schon. Jeder Ort, an dem Menschen momentan Rettung finden, wird ein politisches Symbol.

Und wie schützt man eine Kathedrale?

Das weiß ich leider nicht. Das letzte Mal war ich in Kiew vor 16 Tagen, noch vor der Invasion. Wie es jetzt aussieht, weiß ich nicht.

Sie haben gerade gesagt, dieser Krieg sei auch ein Krieg der Kultur – befürchten Sie, dass Kulturdenkmäler gezielt zerstört werden könnten, weil sie für die ukrainische Identität stehen?

Ein Bild der Zerstörung: Die Innenstadt der ukrainischen Stadt Charkiw

Leider ja. Das passiert auch schon. Zum Beispiel in Charkiw. Dort wurde vor allem das Zentrum der Stadt bombardiert, ein wichtiges Architektur-Erbe. Militärisch machte das eigentlich keinen Sinn. Dort sind keine Soldaten, dort wohnen kaum Menschen. Allerdings ist der Zentralplatz von Charkiw ein wichtiges Kulturerbe, ein Ort, mit dem die Menschen viel verbinden. Ein Symbol eigentlich. Hier geht es also nur darum zu vernichten, was da ist, um die Menschen zu erschrecken. Das ist letztlich ein Terrorakt.

Darf ich Sie zum Schluss noch persönlich fragen? Was ist mit ihrer eigenen Sicherheit? Überlegen Sie, irgendwann wegzugehen?

Nein, noch nicht. Ich wurde schon mehrmals gefragt, ob ich ins Ausland will. Momentan ist das sehr einfach, dank der großen Unterstützung von unseren Nachbarn, dank der großen Unterstützung der EU, wo jetzt die Grenzen offen sind. Und darüber bin ich sehr froh. Ich selber möchte aber hierbleiben. Ich bin schon 2014 aus Donezk geflohen und ich habe nicht vor, das wieder zu machen.

Diese Interview lief in der Bayern2-kulturWelt. Hier geht's zum Podcast.