Corona-Impfung Warum die Impfpflicht die Gesellschaft nicht spaltet

Überall wird vor einer Spaltung der Gesellschaft wegen der Impfpflicht gewarnt. Doch damit übernimmt man Denkmuster der Querdenker. Tatsächlich spaltet die Impfpflicht die Gesellschaft nicht. Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 06.12.2021 | Archiv

Schlangestehen vor Impfzentrum in Österreich | Bild: Bayerischer Rundfunk 2021

Ein Fackelzug von Impfgegnern zog vor das Haus der sächsischen Gesundheitsministerin, um sie einzuschüchtern. Der Staatsschutz warnt vor einer Radikalisierung der Querdenkerszene. Kritiker der Impfpflicht befürchten, durch eine solche Verordnung eine Trotzreaktion hervorzurufen. Die BILD stellt drei Wissenschaftler als "Lockdown-Macher" an den Pranger. Corona spaltet die Menschen nicht nur in Kranke und Gesunde, sondern auch in Geimpfte und Ungeimpfte? Bricht unsere Gesellschaft auseinander unter der Last der Pandemie? 

Maßnahmen gegen Ungeimpfte wirken 

Die harten Zahlen sprechen nicht dafür. In Österreich wie in Sachsen haben die harten Einschränkungen für die Ungeimpften dazu geführt, dass Menschen sich nicht mehr gegen den Piks wehren. In Sachsen waren es Anfang November 2021 nur 10.000 Menschen pro Tag, die eine Erstimpfung bekamen, Anfang Dezember immerhin 27.000. Einsicht ins Unabänderliche mag dazu beigetragen haben, aber vielleicht schlicht auch Angst: Wer will schon krank werden, wer will schon todkrank hin- und hergeflogen werden, weil alle Intensivstationen im Landkreis voll sind? Angst ist manchmal ein guter Ratgeber. Wenn sie Menschen dazu bringt, sich zu schützen. 

Angst als Diktator 

Angst ist aber auch ein grandios schlechter Ratgeber. Wenn sie dazu führt, harte Fakten zu leugnen. Etwa mit der Behauptung, lieber abzuwarten, weil etwaige Spätfolgen der Impfung nicht erforscht seien. Nur, wo sind die? Es gibt Risiken, das ist richtig. Die sind bekannt und haben zu Veränderungen der Impfempfehlung für bestimmte Gruppen geführt, etwa ein anderes Präparat zu benutzen. Was es nicht gibt: Irgendwelche Anhaltspunkte für Spätfolgen. Es gibt nur die Angst, die auf nichts als Vermutungen beruht. Vermutlich setzen sich aber alle Impfverweigerer in ein Auto, obwohl jährlich über 3000 Menschen im Straßenverkehr sterben. Obwohl die Gefahr ganz eindeutig besteht, nicht nur behauptet wird. Das heißt, beim Impfen findet keine Abwägung statt, sondern die eigene Angst wird zum Diktator. Keine Meinungsbildung mehr, kein Faktencheck, nur noch ein Block kalter Angst. Die Uneinsichtigkeit mit Konsequenz verwechselt. Und behauptet, eine Impfpflicht schlösse sie aus der Gesellschaft aus. Tatsächlich aber haben schon im Sommer 2020 Impfgegner ohne Abstand und ohne Maske vor der Impfdiktatur gewarnt. Ihr Verhalten hat dazu beigetragen, dass Welle auf Welle folgt. Wer spaltet hier?  

Wuhan als Vorbild? 

Welche Mittel bieten die Impfverweigerer an, um die akute Welle zu brechen? Keine. Sie kritisieren nur alles, was getan wird. Die AfD, die einzige Partei, die die Angst schürt, ist dafür ein gutes Beispiel. Ihr Bundessprecher Chrupalla warnte noch im November angesichts krass steigender Zahlen vor Panikmache, Björn Höcke verbreitet Verschwörungsmythen wie dass der Impfstoff dazu diene, die Zeugungsfähigkeit der Deutschen Nation zu zerstören. Belege: keine. Aber jede Menge Spaltpotential.  

Natürlich gibt es ein Mittel, dass ohne Impfung die Pandemie brechen würde: einen Lockdown wie in Wuhan. Eine monatelange Totalabsperrung eines Infektionsgebiets. Geschlossene Fabriken, gesperrte Straßen, eine diktatorische Komplettausspähung der Gesellschaft, um alle Kontakte zu unterbrechen. Dann braucht es keinen Piks. Aber das fordert überraschenderweise niemand aus der AfD, die gefällt sich in Symbolpolitik wie die Abgeordneten, die nicht mehr an Sitzungen im Bundestag teilnehmen, weil sie sich gegen die Hygienemaßnahme wehren. Jeder Impfgegner, der in einen freiwilligen Total-Lockdown geht, der sämtliche Kontakte vermeidet, hat meinen Respekt. Was aber die Querdenker tun – und die AfD unterstützt – ist das bloße Verleugnen der Wirkung sämtlicher Maßnahmen. Auch wenn wir nach drei Wellen ganz genau wissen, was wirkt.  

Wir gegen die 

Wir gegen die. Wir gegen die Flüchtlinge. Wir gegen die Aha-Regeln, wir gegen die Impfung. Interessanterweise aber ist die Zustimmung für dieses Polarisieren, für die Spaltung der Gesellschaft bei der letzten Bundestagswahl gefallen. Die AfD verlor jeden sechsten Wähler. Nach 14 Monaten mit harten Einschnitten für die Bevölkerung. Dass die Flüchtlinge an allem schuld sind, glauben sehr viele, weil sie ihren Ängsten vertrauen. Aber beim Wir gegen die Pandemie versagt diese Angstmacherei. Weil klar ist, es geht um gar kein Wir, es geht nur darum, sich vor den Maßnahmen drücken zu können. Die Pandemie zeigte uns allen, das funktioniert nicht. Lockerungen der Maßnahmen führten immer zu einem Wiederaufflammen. Und dass die Impfungen nicht die vierte Welle zu brechen imstande war, liegt nicht an deren Wirkungslosigkeit, sondern an den vielen Verweigerern, die ständig ein Potential schaffen für den Virus, sich zu vermehren. Portugal und Israel kommen besser durch die Pandemie. Dank hoher Impfquote und Booster-Auffrischungen.  
Die Fakten sind klar. Hören wir deswegen auf, von Spaltung zu reden. Alles andere ist Angstmache von Querdenkern und Leuten, die ihnen zuarbeiten.