Systemrelevant und herdenimmun Wie Corona unser Selbstbild herausfordert

Angela Merkel nennt die Corona-Krise eine "demokratische Zumutung". Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit. Die Kränkung reicht tiefer. Und es ist nicht mal das Heikelste, dass wir uns alle als "Herde" verstehen sollen.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 04.05.2020

11 Mai

Montag, 11. Mai 2020, 15:00 Uhr

Die Corona-Krise fordert unser aller Selbstverständnis heraus. Pole der Eigenwahrnehmung: von systemrelevant bis herdenimmun... Eine Reflexion von Beate Meierfrankenfeld auf der KulturBühne ab 15.00 Uhr.

COVID-19 ist nicht nur eine Krankheit, sondern eine Kränkung. Wegen des Virus haben wir unser altes Leben aufgegeben, bleiben zu Hause, lassen uns von Pfeilen aus Klebeband durch Geschäfte leiten, tänzeln auf der Straße aneinander vorbei. Und müssen vielleicht sogar erklären können, warum wir überhaupt auf der Straße sind.

Die Koordinaten unseres Selbstverständnisses haben sich verschoben. Es geht nicht mehr um die Ikone des Neo-Liberalismus: das autonome Ich. Worauf es nun ankommt, ist die Gesamtpopulation. Das große gemeinsame Ziel: "Herdenimmunität". Wir gehören zu einer Herde, das ist der naturalistische Teil der großen Kränkung Corona. Der andere, funktionalistische, trägt einen ebenso funktionalistischen Namen: "Systemrelevanz". All das schränkt unsere Freiheiten ein. Das Ich muss vor dem großen Wir zurücktreten, damit das Ich überlebt. Eine Herausforderung, nicht nur für FDP-Mitglieder.

Stichwort "Systemrelevanz"

"Systemrelevant", dieser Begriff hat es in der Finanzkrise von 2008 ins öffentliche Vokabular geschafft. Angewendet wurde er auf Banken, die als unverzichtbar für das Finanzsystem galten und deshalb mit öffentlichem Geld vor der Pleite gerettet wurden. Jetzt dagegen geht es ums wahre Leben – und "systemrelevant" sind nicht Geldinstitute, sondern Menschen.

"An dem Begriff fand ich zunächst einmal interessant, dass man sich auf einmal anders rubriziert fühlt", sagt Niels Werber, der an der Universität Siegen Literaturwissenschaftler lehrt uns sich mit der Kommunikation der Corona-Krise befasst hat. "Jetzt plötzlich gibt es eine neue Unterscheidung, in der sich ganz neue Gruppen zusammenfinden in der Gruppe der 'Systemrelevanten'. Und da finde ich es eben spannend, dass das Virologen und Ärzte und Biologen sein können, aber zum Beispiel auch Müllmänner, Krankenschwestern, Verkäufer an der Kasse und so weiter."

Systemrelevant und unterbezahlt

Hält den Laden am Laufen: Mann füllt Regale im Supermarkt auf

Die Unterscheidung zwischen den Systemrelevanten und allen anderen zieht also einen "Längsschnitt" durch die Gesellschaft. Und es zeigt sich: Von denen, auf die es wirklich ankommt, drängen sich viele am unteren Ende der Lohnskala. Pfleger und Kassiererinnen, Paketboten, Polizistinnen, LKW-Fahrer: Systemrelevant sind Geringverdiener.

Das war natürlich vor Corona nicht anders, aber der gesellschaftliche Diskurs übersah es geflissentlich. Die Pandemie legt es nun offen, und die Systemrelevanz der Unterbezahlten stellt ein System in Frage, das sie so nötig hat und so schlecht entlohnt. In der Frühphase der Krise wurde dieser schmerzhafte Riss mit viel Symbolik kaschiert: Balkonapplaus, Solidaritäts-Tweets, öffentlichen Dankes-Bekundungen. Die kernige Rede von den "Alltagshelden", die "den Laden am Laufen halten", feiert eine Art Heroismus der Funktionalität. Das soziale Gefälle wird damit allerdings nicht in reine Bewunderung verwandelt, sondern subtil bestätigt. Und die Dringlichkeit der Lage betont.

Unsere "kritische Infrastruktur"

Man muss nicht gleich den "Ausnahmezustand" konstatieren – seit dem NS-Vordenker Carl Schmitt ein politiktheoretisch heikler Begriff – doch es ist klar: "Systemrelevanz" ist eine Kategorie für dramatische Situationen. "Kritische Infrastruktur" heißt das bürokratisch, Bund und Länder haben sich – nachzulesen beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe – auf neun Sektoren und 30 Branchen geeinigt. Unter anderem kommen vor: Elektrizität, Gas, Telekommunikation. Luftfahrt, Schienenverkehr, Straßenverkehr. Medizinische Versorgung, öffentliche Wasserversorgung, Lebensmittelhandel. Banken, Börsen, Versicherungen, Finanzdienstleister. Regierung und Verwaltung, Parlament, Justizeinrichtungen, Rettungswesen. Rundfunk, gedruckte und elektronische Presse, Kulturgut, "symbolträchtige Bauwerke."

Eine Liste des gesellschaftlich Unverzichtbaren, geschrieben für Krisenzeiten. Die Verordnungen der gegenwärtigen Krise arbeiten diese Liste jedoch keineswegs eins 1:1 ab. "Kulturgut" etwa ist eben doch nicht mehr systemrelevant, wenn wie in Bayern Museen, Kinos und Bibliotheken lange geschlossen bleiben müssen, Baumärkte, Reinigungen und Baumschulen sind systemrelevant genug, um auch in der Pandemie zu öffnen. Untersagt bleibt dagegen, weil er nicht zu den "notwendigen Verrichtungen des täglichen Lebens" zählt, vorerst der Betrieb von Bordellen, Badeanstalten, Theatern und Tanzschulen.

In solchen Aufzählungen erscheint das Notwendige irritierend zufällig. Die Logik der Liste selbst ist auf Hinzufügen und Wegstreichen angelegt, also prinzipiell offen. Der Verweis auf "Systemrelevanz" soll andererseits alle Zweifel ausräumen – ein Basta-Begriff, der keinen Widerspruch duldet. Und der unter Pandemie-Bedingungen eine besondere Bedeutung hat, denn irgendwie sind wir derzeit schließlich alle systemrelevant, bei jedem Händewaschen sozusagen.

Stichwort "Herdenimmunität"

Womit wir wieder bei der Herde wären – und der "Herdenimmunität". Ein epidemiologischer Grundbegriff, dessen quasi-natürlicher Beiklang zunächst vor allem dort seine Anziehungskraft entfaltet hat, wo man politisch mit möglichst wenig Staat auskommen will.

Premierminister Boris Johnson

"Es ist ein Fehler, den zum Beispiel auch Boris Johnson gemacht hat, der glaubte, man könne Herdenimmunität erzeugen in dieser Corona-Krise in England, ohne dass es Impfungen gäbe", sagt Niels Werber. Man könne im medizinischen oder epidemiologischen Sinne von Herdenimmunität nur sinnvoll sprechen, wenn man die Immunität der Population auch durch Impfung erhöhen könne, was in der ganzen Diskussion zum Teil völlig vergessen worden sei. Und der Literaturwissenschaftler vermutet: "Vielleicht liegt das einfach an dieser Vorstellung, dass der Begriff der Herde so etwas Natürliches hat, so als gäbe es, obwohl wir ja in einer hochkomplexen Gesellschaft leben, trotzdem so etwas ganz Einfaches, dass der Mensch einfach dadurch, dass er ein Herdentier sei, dann irgendwann irgendwie quasi-natürlich dann immun werde."

Der Reiz der Zoologie

Und selbst wenn er es würde, aber nur um den Preis vieler Toter, dann müsste das Herdentier Mensch sich dazu ausdrücklich verhalten. Natürlich ist gar nichts in der Politik, dennoch haben Anleihen bei der Zoologie zur Beschreibung von Gesellschaften einen speziellen Reiz. Niels Werber hat das an Interpretationen des Ameisenstaats untersucht. Das gut organisierte Gemeinwesen der Insekten kann sehr unterschiedlich gelesen werden: als Vorbild perfekter Selbstorganisation, als Totalitarismus-Traum oder als Bild einer vernetzten Schwarmintelligenz. Auch die Herde ist eine bekannte Gesellschafts-Metapher.

"Es gibt Soziologen, die sehr gerne mit solchen Begriffen gearbeitet haben, das hat ja auch eine gewisse Tradition. Seit Aristoteles wissen wir: Der Mensch ist auch ein 'zoon politikon', ein politisches Tier, also nicht nur Ameisen und Bienen sind politische Tiere, sondern auch der Mensch", erklärt Niels Werber. Und es gebe diese wunderbare Tradition des "Pastorats, also die Vorstellung, dass die menschliche Gesellschaft wie eine Herde zu verstehen sei, die von einem Hirten geführt wird."

Das Pastorat – analysiert von Michel Foucault

Michel Foucault hat das Pastorat in seinen Vorlesungen zu Sicherheit, Territorium und Bevölkerung am Collège de France Ende der 70er-Jahre als Machttechnik untersucht, nicht als Metapher. "Die pastorale Macht ist eine Macht der Sorge. Sie versorgt die Herde, sie versorgt die Individuen der Herde, sie wacht, damit die Mutterschafe nicht leiden, sie sucht natürlich diejenigen, die sich verirren, sie pflegt diejenigen, die verletzt sind", schreibt Foucault.

Fürsorge, Erziehung, Güte und Opferbereitschaft des Hirten: Das Pastorat arbeitet nicht mit purer Disziplinierung der Körper, sondern zielt auch auf Bewusstsein und Gewissen ab, es regiert kein Territorium, sondern Menschen. Und das mit ganz eigenen Mitteln. Der Pastor habe, so Foucault, eine Unterrichtsaufgabe gegenüber der Gemeinschaft, und dieser Unterricht sei als "Lenkung des täglichen Verhaltens" und "Gewissensleitung" zu verstehen.

Dem Pastorat geht es also nicht einfach um ein folgsames Kollektiv, es geht auch um einen bestimmten Typus von Individuum. Es ist eine Macht, die mit dem Einzelnen rechnet, ihn aber auch im Auge hat. Denn natürlich gibt es auch eine Beschreibung des Pastorats, die weniger sanft ist als diejenige über die "Sorge". Bei Foucault klingt das so: Das Pastorat hat "im Christentum die Veranlassung gegeben […] zu einer regelrechten Kunst des Führens, Lenkens, Leitens, Anleitens, des In-die-Hand-Nehmens, des Menschen-Manipulierens, zu einer Kunst des Ihnen-Schritt-für-Schritt-Folgens und des Sie-Schritt-für-Schritt-Antreibens."

Steuert der pastorale Mix unser Corona-Verhalten?

In der Corona-Krise scheint diese Mischung aus strikten Regeln, sozialem Druck und moralischer Mahnung zum Gesellschaftsmodell geworden zu sein. Dazu passt die neue öffentliche Präsenz von Appellen. Vodafone schickt die Aufforderung "#StayHome" auf die Handy-Displays seiner Kunden, RTL und Pro7 blenden dauerhaft "#WirBleibenZuhause" auf dem Fernsehschirm ein, die Kanzlerin bittet inständig um Unterstützung. Und in behördlichen Verordnungstexten heißt es neben all den strikten Regelungen, jeder sei "angehalten", Kontakte auf ein "absolut nötiges Minimum" zu reduzieren.

Niels Werber sieht neben Verbot und Appell noch ein weiteres Verfahren der Verhaltenssteuerung: "Die dritte Dimension, die vielleicht jetzt auch so etwas in Richtung Herde geht, ist eine, die vielleicht noch unbemerkter ist. Diese ganzen Hinweise und Abstandshalter, die aufgestellt werden, so bestimmte kleine Barrieren, etwas, was den Alltag jetzt neu strukturiert und was jetzt gar nicht so expliziert wird im Sinne von: 'Das ist jetzt ein Verbot' oder 'das ist jetzt ein Appell', sondern das sind einfach Dinge, die den Alltag ganz unauffällig regulieren. So ähnlich wie man die Schafe ja nicht nur von einem Schäferhund bewachen lassen kann, der sie umkreist, sondern einfach in einen Elektrozaun packt."

Die rationale Logik der Pandemiebekämpfung

Hat uns Corona also in ein vormodernes, paternalistisches Foucaultsches Pastorat zurückgeworfen? In den halb-paradoxen Seelenzustand alarmierten Nachtrottens? Nein. Denn die erstaunliche "Folgebereitschaft", wie der Soziologe Heinz Bude es nennt, ist nicht notwendig "schafs"-mäßig, sondern sehr rational, weil sie alle schützt und damit der Logik einer Pandemiebekämpfung folgt. In jedem Fall ist sie rationaler, als das Land schon auf direktem Weg in den autoritären Polizeistaat oder die Gesundheitsdiktatur zu sehen.

Denn diese Befürchtung verharmlost das Diktatorische. Sie ist die düstere Kehrseite eines Gemeinschaftsgefühls, das zu Beginn des Lockdowns eine Läuterung durch Corona beschwor. Es würde alles anders werden, so die Hoffnung: Solidarität statt Konkurrenz, Gemeinsinn statt Egoismus. Wo diese Läuterung als eine der Gesinnung gedacht wurde, hatte sie tatsächlich etwas von einer Pastorale, einem sehnsuchtsvollen Friedensgemälde. Doch das ist unpolitisch gedacht. Und wenn sich etwas ändern soll, weil die Krise die angreifbaren und die peinlichen Stellen des Systems offengelegt hat, dann wird es politisch werden müssen.

Das heißt auch: Es muss Auseinandersetzungen geben. Der Kapitalismus wird die Krankenschwestern nicht von alleine besser bezahlen, die Globalisierung sich nicht von alleine humaner organisieren. Substanziell über die Lehren der Krise zu streiten, wäre keine schlechte Lehre aus der Krise. Und wäre ganz ohne Zweifel – Bogen zurück – systemrelevant.

Eine Sache der Entscheidung

Dass der Begriff "Systemrelevanz" nun nicht mehr nur für einen bestimmten Sektor wie die Finanzwirtschaft gelten soll, ist ein Fortschritt. Auf die gesamte Gesellschaft aber lässt er sich auch nicht plausibel beziehen. Denn die Rede von der "gesamten Gesellschaft" behauptet eine Totalität, die sich so umfassend gar nicht betrachten lässt – und in der mehr Gleichschaltung lauern könnte als im herdenhaften Befolgen staatlicher Abstandsregeln.

"Die Gesellschaft", das sind viele verflochtene Subsysteme, die miteinander in Konkurrenz stehen können. Religions- und Demonstrationsfreiheit zum Beispiel dienen kaum dem Gesundheitsschutz und gehen auch nicht als "notwendige Verrichtungen des täglichen Lebens" durch, erweisen sich für den auf Grundrechte angelegten Verfassungsstaat aber als systemrelevant. Rumänische Erntehelfer wiederum sind für die deutsche Spargelernte derart systemrelevant, dass die eigentlich systemrelevanten Hygieneregeln für ihre Sonderflüge nicht ganz so streng ausgelegt wurden wie für bayerische Parks.

"Systemrelevanz", der nüchtern-technische und in der Krise die Kassiererin adelnde Begriff, hat es in sich – sehr viel mehr als die suggestive Entmündigungs-Metapher von der "Herde". "Systemrelevanz" ist nichts, was sich in der Realität finden ließe, sie ist Ergebnis von Entscheidungen. Entscheidungen aber können diskutiert, überprüft, revidiert werden. Schluss also mit Basta, her mit Debatte.

Dieser Beitrag lief im Kulturjournal auf Bayern 2 am 3. Mai 2020.