Gregor Sailers Fotoprojekt Ansichten der Polaren Seidenstraße

Der Klimawandel macht’s möglich: In 30 Jahren werden Schiffe wohl direkt die Nordpol-Route nehmen, was Zeit und Kosten spart. China positioniert sich schon in der Arktis. Fotograf Gregor Sailer dokumentiert den geopolitischen Wandel.

Von: Joana Ortmann

Stand: 27.08.2021

Krafla Radio Installation, Tacan, West Greenland, 2019 | Bild: Gregor Sailer

Was heute schwer vorstellbar ist, kann nach jüngsten Berechnungen schon in etwa 25 Jahren Realität sein: das Nordpolarmeer wird um 2045 herum komplett eisfrei sein. Also zugänglich, für Schiffe befahrbar. Neue Interessen für bisher ungenutzte Rohstoffe entstehen. Für Erdöl, Erdgas, Mineralien. Schon jetzt bringen sich Staaten inner- und außerhalb der Arktis in Position, geraten in Konkurrenz, verändern damit das globale Machtgefüge. Diese sich verschiebenden politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zusammenhänge hat der österreichische Fotograf Gregor Sailer für sein neues Projekt dokumentiert.

Joana Ortmann: Die Umstände, unter denen Sie da gearbeitet haben, klingen wirklich extrem: Kanadische Arktis, militärische Sperrzonen, Temperaturen bis minus 55 Grad Celsius. Wie kann man unter solchen Bedingungen überhaupt noch fotografieren?

Gregor Sailer: Ja, die Herausforderungen vor Ort waren physisch und auch technisch groß, es waren sehr schwierige Bedingungen. Man kann sich natürlich nur mit entsprechender Kleidung bewegen. Gerade bei diesen tiefen Temperaturen gibt es gewisse Zeitfenster, um vor Ort mit der Technik zu arbeiten. Hier ist es ein großer Vorteil, mit einer analogen, mechanischen Fachkamera zu arbeiten, denn da hat man nicht das Energieproblem mit den Akkus, die in kürzester Zeit ausgesaugt werden würden. Man ist also autarker unterwegs und hat die Möglichkeit, diese Atmosphäre, diese Kälte, teilweise die gefrorene Luft auf den Film zu bannen. Man muss sich aber auch vorstellen, dass die Vorbereitung im Vorfeld – die ganze Recherche und Organisation – sehr zeitaufwändig ist. Das heißt, im Vergleich ist der fotografische Prozess vor Ort ein relativ kurzer, und dem gehen oft monatelange Vorbereitungsphasen voraus. Sehr oft endet das in Sackgassen, denn Genehmigungen werden beispielsweise nicht erteilt oder wieder zurückgezogen. Die ganze Thematik ist ohnehin eine hochsensible. Oft scheitert es dann auch an der letzten Entscheidungsposition und dann sind viele Monate umsonst gewesen. Aber das ist Teil dieses Spiels und entscheidet dann letzten Endes auch über die finale Bildauswahl.

Umsonst waren Ihre Arbeit und Geduld auf keinen Fall, es ist etwas ganz Besonderes dabei entstanden. Diese Bilder umweht alle etwas Unwirkliches. Sie haben Sendetürme, Treibstofftanks und militärische Einrichtungen fotografiert, die wie Filmkulissen aussehen. Gebäude, die in diesen lebensabweisenden arktischen Landschaften stehen wie UFOs. Was muss man zum Beispiel tun, um das chinesisch-isländische Arktis-Observatorium so zu bannen?

Es war für mich von Anfang an klar, dass ich mich mehr mit einzelnen architektonischen Objekten auseinandersetzen will. Diese Objekte müssen einerseits natürlich meinen visuellen und ästhetischen Kriterien entsprechen, andererseits stehen sie symbolisch für die einzelnen Themenfelder dieses Projekts, sind aber auch stellvertretend für viele ähnliche andere Einrichtungen, beispielsweise die militärischen Abhörstationen. Da die sich aber von der Bauweise her alle ähneln, würde es keinen Sinn machen, Dutzende dieser Einrichtungen zu fotografieren, es würde sich wiederholen. Also sind die einzelnen Orte Stellvertreter, auch thematisch. Bei dem angesprochenen isländisch-chinesischen Forschungszentrum, das relativ neu ist, braucht man natürlich eine Genehmigung, um es zu fotografieren. Die Leute vor Ort waren in dem Fall kooperativ, sie wollen natürlich auch, dass diese Kooperation in die Öffentlichkeit dringt. Gerade seitens China ist es sehr wichtig, sich zu positionieren, denn auch wenn China kein direkter arktischer Anrainerstaat ist, will es mitmischen. Und das passiert teilweise über diese Forschungseinrichtungen, hauptsächlich aber auch über Investitionen in Infrastrukturprojekte, in Industrieprojekte – beispielsweise in Russland–, aber auch über den Erwerb von diversen Förderlizenzen, etwa auf Grönland. So erkauft sich China quasi seinen Platz in der Reihe dieser arktischen Anrainerstaaten und – Sie haben es zu Beginn schon erwähnt – China rechnet bis 2050 damit, dass die transpolare Route, also die direkte Nordpolrute, ganzjährig befahrbar ist. Und das wird dann die Schiffswege im Vergleich zur Suezkanal-Route massiv verkürzen und natürlich Kosten sparen. Bis jetzt ist es im Vergleich zur Suezkanal-Route relativ uninteressant. Doch seit 2014 ist die Nothern Sea Route ohne Eisbrecher befahrbar, und noch interessanter wird es, wenn man es weiter abkürzt und direkt über den Nordpol fährt. Und da sind wir auch schon beim Titel dieses Projekts: Die Polare Seidenstraße oder eben „Polar Silk Road“. Dieser Begriff ist 2018 zum ersten Mal im chinesischen Arctic White Paper erwähnt worden und beschreibt quasi die chinesische Arktis-Politik der kommenden Jahre.

Sie fassen diese geopolitischen Veränderungen, die da anstehen – auch in naher Zukunft – in Bilder. Was wollen Sie sichtbar machen? Die Infrastruktur dieser Umwälzungen?

Mich haben vor allem die architektonischen Ausformungen in der Arktis interessiert, und diese architektonischen Objekte transportieren für mich diese Veränderungen. Und man muss natürlich dazusagen, es gibt einen Hauptmotor für diese Entwicklungen und das ist der Klimawandel. Ich wollte kein weiteres Projekt über den Klimawandel als solchen veröffentlichen. Dennoch muss man ganz klar dazu sagen, ohne den Rückzug des Eises wird es auch keine neuen Handelswege geben. Es wird keine neuen Rohstoffquellen geben, die förderbar werden, und es wird dadurch auch nicht zu einer militärischen Aufrüstung kommen. Insofern sind für mich diese militärischen Strukturen sehr wesentlich innerhalb des Projekts. Weil diese Architekturen auf eine spannende und doch ruhige Art und Weise Zeugnisse der aktuellen menschlichen Tätigkeiten in dieser Region sind.

Sie zeigen diese Fotos von einem besonderen Ort an einem besonderen Ort, nämlich im Lumen Museum in Bruneck, Südtirol, gelegen auf fast 2.300 Metern. Hat sich da auch nochmal ein interessantes Spannungsverhältnis ergeben?

Auf jeden Fall. In dieser Höhe eine Ausstellung zu präsentieren, ist auch für mich neu. Das Museum ist wirklich sehr speziell, weil man hier diese Einblicke und Ausblicke in eine weit entfernte Welt hat, fast schon in eine surreale Welt, in der Dimensionen verschwimmen, wo man in die Leere blickt. Und das in einen Kontext zu stellen mit konkreten Ausblicken vor Ort in den Dolomiten auf dieser Höhe, ist natürlich ein spannendes Verhältnis. Das Lumen Museum legt den Fokus stark auf die Berg-Fotografie, von der historischen Fotografie bis heute. Und bei diesem Polar- Projekt gibt's natürlich Verlinkungen zur Berg-Fotografie. Und ich habe ja nicht nur in den weiten Ebenen Zentral-Grönlands gearbeitet, sondern da sind ja durchaus auch Berge wie beispielsweise in Norwegen zu sehen. Und es gibt auch den „Rohstoff“, der als Link funktioniert, nämlich den Schnee und das Eis. Insofern passt dieses Projekt ganz wunderbar in dieses Haus.

Die Ausstellung Gregor Sailer. The Polar Silk Road ist bis 24.04.2022 im Museum für Bergfotographie LUMEN zu sehen.

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