Meinung Warum es gut ist, dass Wissenschaftler*innen sich streiten

"Die Wissenschaft hat festgestellt", so beginnt ein Kinderlied. Aber die Welt der Wissenschaft besteht nicht nur aus Unumstößlichem. Wissenschaftler*innen sind sich nicht immer einig. Ein Problem? Oder eine notwendige Debatte?

Von: Martin Zeyn

Stand: 09.09.2020 | Archiv

Auf eniem schwarz-weißen Bild sind zwei Wissenschaftler neben Skeletten und Reagenzgläsern zu sehen und scheinen uneins zu sein | Bild: picture alliance / Everett Collection/Old Visuals

Ja, auch ich fand, es gab einen Hickhack am Anfang von Corona: Maske ja, Maske nein; Kinder ansteckend, Kinder immun. Mit Erstaunen nahm ich wahr, dass es unterschiedliche Herangehensweisen bei der Bekämpfung einer Pandemie gab. Eine Beruhigung setzte erst ein, als ich Immunolog*innen zuhörte, die sagten, Wissenschaft sei eben auch Versuch und Irrtum, sei ein Widerstreit von Thesen, bei denen sich am Ende die beste durchsetzt.

Hätte ich eigentlich wissen müssen. Wie lange wurde der Mediziner Harald zur Hausen hart angegriffen für die These, dass eine Krebserkrankung durch ein Virus ausgelöst werden könne - was komplett der damaligen Lehrmeinung widersprach. Hatte ich nicht gelernt, dass Newtons Gravitationstheorie nicht falsch war, sondern Einsteins nur genauer. (Ich hoffe, das ist korrekt wiedergegeben, denn meine Liebe zur Physik wird von ihr leider nicht erwidert.) Mal ganz davon zu schweigen, dass auch Wissenschaftler*innen Menschen sind und ihre Überzeugungen gerne für Wahrheiten nehmen – was den Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn zu der bösen Bemerkung verleitet hat, viele Theorien stürben erst mit ihren Vertreter*innen.

Der populistische Skeptizismus der Trolle

Offenbar ist aber dieses Pro und Contra, die Debatte, ja, manchmal auch der Zank, zu viel für einige, die sich dank zentimeterdickem Brillengläsern aus Skeptizismus für Durchblicker halten. Wenn es keine einheitliche Lehrmeinung gibt, dann dürfe halt jeder sagen, was er sich in seinem Gehirnstübchen aus Halbwissen und Ignoranz zurechtgezimmert hat, so die Logik.

Das folgt der Taktik der russischen Trollfabriken, die Kritik am Kreml damit entkräften, dass sie Fakten und Wahrheiten generell als tendenziös und als willkürliche Auswahl hinstellen. Eine fatale Variante des anything goes, die diejenigen schützen soll, die die Wahrheit mit Füßen treten. Ein Argument wird untergraben, indem Wahrheit an sich in Frage gestellt wird.

Die Wissenschaft gleicht einer alten Ehe

Tatsächlich: Auch in der Wissenschaft gibt es nur selten eine Wahrheit. Aber das ist kein Problem, sondern eine Folge von wissenschaftlicher Methodik. Eine Debatte führt zu besseren Ergebnissen, indem Lösungen durch bessere Lösungen ersetzt werden. Ohne lange Versuchsreihen, ohne die Empirie, die aus Erfahrung entsteht, müssen auch Wissenschaftler*innen versuchen, aus dem wenigen, was sie wissen, vernünftige Schlüsse zu ziehen.

Sich zu streiten, ist also kein Problem, sondern ein Teil der Lösung. Aber es ist ein Streit, der auf der unterschiedlichen Interpretation von Fakten beruht, nicht einer, der ganz ohne sie auskommt. Die Wissenschaft gleicht damit alten Ehen - niemand mag da den Streit, aber beide wissen, ohne ihn geht es nicht (zumindest, wenn sich der Rauch gelegt hat).

Zugegeben, wir erleben gerade, dass viele Menschen die populistische Entschiedenheit des Ja und Amen für glaubwürdiger halten, als die Mühen des Sowohl als Auch. Die Rechnung dafür aber kommt ganz bestimmt. Weiß jeder Mensch, der sich mal mit der Geschichte der Wissenschaft beschäftigt hat. Und alle, deren Ehe ohne den Rückenwind der ersten Verliebtheit auskommen muss.