Rechtsanwältin über Femizide "Gewalt gegen Frauen ist immer noch absolut privatisiert"

Alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. "Femizid" lautet der Begriff, der dann immer wieder auftaucht. Die Rechtsanwältin und Autorin Christina Clemm erzählt uns, was hinter ihm steckt.

Von: Katja Engelhardt & Vanessa Schneider

Stand: 04.06.2021 | Archiv

Um den Weltfrauentag am Montag einzuleiten, gehen zahlreiche Menschen auf die Straßen Nürnbergs. unter der Einhaltung der Corona-Maßnahmen wie Abstand halten und Maske tragen, führt der Marsch vom Plärrer durch die City. Nürnberg. | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Dwi Anoraganingrum/Geisler-Fotop

Immer wieder mal, etwa zum Internationalen Frauentag, geistert diese Information durch die Medienlandschaft: Alle drei Tage wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Eine erschreckende Nachricht. Doch ein wacher Blick auf unseren Alltag zeigt: Strukturelle Gewalt an Frauen begegnet uns überall, in Krimis, Berichterstattung oder in True Crime Geschichten. Und immer öfter hört man in diesem Zusammenhang dann den Begriff "Femizid". Christina Clemm ist Fachanwältin für Familienrecht und Strafrecht und vertritt als Rechtsanwältin unter anderem Betroffene von sexualisierter, geschlechtsspezifischer Gewalt und Stalking. Sie war Mitglied der Expertenkommission zur Reform des Sexualstrafrechts und hat das Buch "AktenEinsicht – Geschichten über Frauen und Gewalt" (Kunstmann) geschrieben. Mit ihr haben wir über den Begriff Femizid und seine gesellschaftliche Bedeutung gesprochen.

Katja Engelhardt/Vanessa Schneider: Was ist ein Femizid?

Christina Clemm: Nach der allgemein üblichen Definition ist ein Femizid die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. Ich finde es hilfreich, noch dazu zu sagen, dass meistens auch Frauenhass eine Rolle dabei spielt. Um das zu verdeutlichen: Nicht jede Tötung einer Frau ist ein Femizid, zum Beispiel die Tötung bei einem vorsätzlichen Verkehrsdelikt. Es geht schon darum, dass es Tötungen sind, die aufgrund des Geschlechterverhältnisses geschehen.

Wie grenzen Sie den Begriff Femizid von häuslicher Gewalt ab?

Rechtsanwältin Christina Clemm

Ich verwende sehr viel lieber den Begriff der "Gewalt im sozialen Nahraum" als den der "häuslichen Gewalt". Die Gewalt im sozialen Nahraum ist sehr viel weiter gefasst. Es gibt sehr viele Delikte, die weit von Tötungsdelikten entfernt sind. Das ist der eine Unterschied.

Das andere ist, dass nicht alle Femizide im sozialen Nahraum geschehen. Es gibt also auch Femizide, da töten Unbekannte Frauen in politischen Auseinandersetzungen. Der Mörder von Halle hat in seinem Manifest erklärt, dass er Frauen hasst und dieser sogenannten Incel-Bewegung anhängt. Es gibt Tötungen von Frauen in bestimmten marginalisierten Gruppen oder besonders diskriminierten Gruppen wie Sexarbeiterinnen. Es gibt Tötungen von Frauen im Zusammenhang von LGBTQ, es gibt rassistische Tötungen von Frauen. Die geschehen nicht im sozialen Nahraum.

Wenn wir sagen jeden zweieinhalbten Tag wird eine Frau in Deutschland von ihrem Ex-Partner getötet, dann betrifft das nur die Frauen, die im sozialen Nahraum ermordet oder getötet werden. Nicht die anderen Frauen.

Woher kommt der Begriff Femizid, warum taucht er aktuell vermehrt auf?

Deutschland ist da sehr rückschrittlich. Bewegungen von Frauen gegen Femizide gibt es vor allem in Lateinamerika, im globalen Süden, aber auch in anderen europäischen Ländern – häufig unter den Begriffen "Ni Una Menos" oder "Ni Una Mas" (Anm.: Aus dem Spanischen übersetzt etwa "Nicht eine mehr").

In Deutschland ist der Begriff noch nicht einmal offiziell anerkannt. Das heißt, es gibt keine extra Statistiken dafür. Es gibt noch nicht mal eine offizielle Auflistung der Femizide. Dagegen wehrt sich auch die deutsche Regierung immer noch, das Phänomen überhaupt systematisch zu analysieren. Das wäre natürlich eine Voraussetzung, um das Problem auch tatsächlich angehen zu können.

Ist "Femizid" ein juristischer Begriff?

Also im Moment überhaupt nicht. Es gibt eine relativ neue Diskussion in Deutschland, ob man extra den Strafparagraphen des Femizides einführen sollte. Ich persönlich bin nicht dafür. Ich glaube, dass es reicht, wenn wir die Gesetze richtig ausschöpfen, die wir haben.

Ich halte es aber für unbedingt notwendig, dass wir diesen Begriff haben, um eine richtig gut ausgestattete Forschungsstelle zu haben, die Femizide analysiert, auch, um überhaupt Präventionsmaßnahmen einzuleiten und die Statistiken gut führen zu können.

Wenn es keine Zahlen zu Femiziden gibt, woher weiß man dann überhaupt, dass es ein strukturelles Problem ist?

Es gibt die polizeiliche Kriminalstatistik und auch eine Partnerschaftsgewalt-Statistik. Darunter sind Zahlen darüber, wie viele Frauen von Ex-Partnern oder Partnern getötet werden. Das ist eine statistische Zahl, die auch immer wieder in der Öffentlichkeit ist. Daher kommen eben diese Zahlen "jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Ex-Partner getötet" und "fast jeden Tag versucht es einer". Das sind diese offiziellen Zahlen. Und dann, wenn man es genauer ansieht, weiß man auch, dass es unendlich viele Taten und sonstige Gewalttaten im sozialen Nahraum gibt.

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Diese polizeiliche Statistik ist natürlich unzureichend, weil wir auch wissen, dass es zum Beispiel viele Tötungen gibt, die gar nicht in der Statistik auftauchen, weil die Täter sich selbst nach der Tat getötet haben. Das liest man ja auch immer wieder. Diese Fälle, in denen es dann heißt "Familienvater bringt Familie und sich selbst um". Die kommen meistens gar nicht in die polizeiliche Statistik, weil es gar keine Ermittlungsverfahren wegen Tötungsdelikten gibt.

Und es fehlen eben in diesen Zahlen all die Tötungen, die nicht im sozialen Nahraum sind. Die tauchen nicht in diesen Partnerschaftsgewalt-Statistiken auf. Es gibt ein paar private Initiativen, die Femizide mappen. Die werten die Presse aus. Daher wissen wir relativ viel. Und es gibt natürlich schon vereinzelte Forschungen, die versuchen etwas mehr herauszufinden, insgesamt eben zu Gewalt gegen Frauen und zu Partnerschaftsgewalt. Da gibt es verschiedene Institute. Aber was wir eben noch nicht haben, ist eine eigens geschaffene Institution, die überhaupt geschlechtsspezifische Gewalt analysiert und bekämpft.

Wenn nach einem Mord von einem "Eifersuchtsdrama" gesprochen wird, klingt das oft nach einem traurigen Einzelfall zwischen zwei Menschen. Wieso ist das Töten einer Frau durch einen Mann in einer Beziehung keine private Angelegenheit?

Es ist auch ein Problem in der juristischen Auseinandersetzung. Was in einem Strafprozess richtig ist, ist die individuelle Schuld anzusehen. Aber bisher werden diese Taten niemals strukturell betrachtet. Die Gewalt gegen Frauen ist immer noch absolut privatisiert und es wird einfach nicht verstanden, welche strukturellen Probleme dahinterstehen. Dass es eine breit angelegte, frauenverachtende Gesellschaft ist. Dass patriarchale Strukturen Besitzansprüche auf Frauen rechtfertigen oder hervorbringen. Dass es immer noch als quasi verständlich angesehen wird, wenn eine Frau einen Mann verlässt und er diese Frau tötet. Dann heißt es "aus großer Verzweiflung, weil er seinen Lebensplan nicht verwirklichen kann".

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Es wird immer noch als weniger relevant angesehen, wenn eine Vergewaltigung oder andere erhebliche Verletzungen innerhalb einer Beziehung geschehen. All das gründet ja auf der Annahme, dass es einen Besitzanspruch über die Frauen gibt. Das macht es am Ende dann auch weniger verwerflich, wenn es zu Tötungen kommt, wenn eine Frau aus dieser Situation ausbricht oder sich eben nicht so verhält, wie es der Mann möchte.

Natürlich gibt es auch Tötungen von Männern im sozialen Nahraum. Aber wenn man sie genau analysiert, ist es so, dass Frauen sehr viel seltener Männer töten. Wenn es diese Tötungen gibt, dann sind es oft Tötungen von sogenannten "Haustyrannen". Da gibt es vorher massive Gewalt durch den Täter und um zu gehen töten die Frauen ihre Männer.

Männer töten oft, weil sie verlassen werden oder weil sie nicht mehr die Vormachtstellung haben. Wir wissen, dass es ganz bestimmte, sehr gefährliche Situationen gibt. Die gefährlichste Situation für Frauen ist, wenn sie sich trennen. Aber auch wenn Sie zum Beispiel einen Karrieresprung machen, im Gegensatz zum Partner. Wenn sie mehr nach außen gehen, sich eine lockerere Beziehung wünschen, auch wenn Kinder kommen. Auch das ist eine sehr gefährliche Situation für Frauen.

Christina Clemms Buch "AktenEinsicht: Geschichten von Gewalt an Frauen" ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen.

Es gibt zahlreiche Literatur die zu Femiziden informiert und die Darstellung von Femiziden in der Popkultur hinterfragt. Diese Veröffentlichungen möchten die Autorinnen bei Interesse an dem Themenfeld vorschlagen:

Laura Backes und Margherita Bettoni: "Alle Drei Tage", DVA, 2021.
Antje Joel: "Prügel – Eine ganz gewöhnliche Geschichte häuslicher Gewalt", RoRoRo, 2020.
Laura L. Finley: "Domestic Abuse & Sexual Assault in Popular Culture", Praeger, 2016.
Rachel Louise Snyder: "No Visible Bruises", Bloomsbury, 2019.
Kate Manne: "Down Girl – Die Logik der Misogynie", Suhrkamp, 2019.
Alice Bolin: "Dead Girls – Essays on Surviving an American Obsession", William Morrow, 2018