"Digitaler Faschismus" Warum Rechte Hetze im Netz so erfolgreich ist

Telegram-Gruppen, Trolle, Fake-Profile: Rechte haben aus dem Netz eine Propagandamaschine gemacht. Im Buch "Digitaler Faschismus" schildern Maik Fielitz und Holger Marcks, wie es dazu kommen konnte – und was dagegen helfen könnte.

Von: Flora Roenneberg

Stand: 09.12.2020 17:28 Uhr

Die Wut der Bürger nimmt zu, der Rechtsextremismus wächst erschreckend an, und auch im Internet sind Hass und Hetze inzwischen alltäglich. Gerade in solchen Zeiten stellt sich die Frage nach der Ursache, der Entwicklung und den Grenzen der freien Meinungsäußerung immer dringender. Die Terrorismusforscher Maik Fielitz und Holger Marcks setzen sich in ihrem Buch "Digitaler Faschismus" mit diesen Fragen auseinander und geben Einblicke in die Strukturen der Manipulationsmaschinerie von Rechten im Internet. Fielitz ist Konfliktforscher mit Schwerpunkt Rechtsextremismus und wissenschaftlicher Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, Marcks ist Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Radikalisierung und arbeitet für das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. 

In ihrem Buch "Digitaler Faschismus" zeigen beide, wie sich die sozialen Medien zu einem Raum des Hasses und der Unwahrheit entwickelt haben. Sie beschreiben, mit welchen manipulativen Techniken rechtsextreme Akteure im Internet versuchen, Angst zu erzeugen, Verwirrung zu stiften und Mehrheitsverhältnisse zu verzerren. "Während sich klassische Faschisten durch ihre Schwarz- oder Braunhemden zu erkennen gaben, tarnt sich der digitale Faschismus im bunten Hemd von Online-Kulturen," schreiben Maik Fielitz und Holger Marcks in "Digitaler Faschismus", und weiter: "Wie mit dem Phänomen umgegangen werden soll, lässt sich kaum entscheiden, wenn man nicht mal genau sagen kann, wer oder was eigentlich zu bekämpfen ist."

Das neue Massenmedium begünstige nahezu unkontrolliert die Entstehung und Verbreitung von Propaganda. Im Mittelpunkt stehe dabei der Mythos vom Untergang der Nation. Dass diese Propaganda eine solche Dynamik entfalten kann, habe mit der Struktur und Funktionsweise der Plattformen selbst zu tun: Algorithmen bestimmen unsere Wahrnehmung und unseren Blick auf die Realität.

Aber wo liegen die Ursachen für diese Entwicklung? Und wie ließe sich der "digitale Faschismus" bändigen, ohne die Werte unserer Demokratie zu gefährden? Mit diesen fundamentalen Fragen beschäftigt sich das Buch, auch wenn es darauf keine eindeutigen Antworten gibt.

Schon am Beispiel der Pegida-Bewegung habe sich deutlich gezeigt, wie sehr das Bild einer nationalen Bedrohung, das von rechtsextremen Kräften ständig heraufbeschworen wird, als Treibstoff faschistischer Mobilisierung dient. Die Behauptung, dass unsere Kultur, unsere Heimat in Gefahr sei, habe Ängste geweckt. Das wiederum habe den Hass auf diejenigen geschürt, die angeblich eine solche Bedrohung zulassen, und auch die Wut auf die eigene Regierung.

Das Buch beschreibt eindrücklich, wissenschaftlich und ohne Alarmismus die Techniken von Rechtsextremen im Netz, die identitätsstiftenden Hasskulturen und auch, wie die AfD sich diese zunutze macht. Hass, Antisemitismus und Hetze finden sich an digitalen Stammtischen, in Whatsapp- und Telegram-Gruppen, auf Youtube – oder in Facebook-Gruppen wie "Klartext – vernetztes Vaterland", "Die Runde" oder die "Corona-Rebellen". All dies unter dem Mantel der Meinungsfreiheit. Ob man es mit ernsthaft besorgtem Mensch, Troll oder Bot zu tun hat, ist dabei kaum zu erkennen. Fielitz und Marcks machen klar: Es ist ein Feldzug gegen die Demokratie, der gerade in Zeiten der Krise an Boden gewinnt.

Und damit auch in Zeiten von Corona: "Seit Beginn der Coronakrise beobachten wir einen Wandel in der extremen Rechten", erzählt Holger Marcks im Interview. "Flüchtlingsströme haben in der Coronakrise deutlich abgenommen. Und anstelle dessen ist jetzt eher dieses Narrativ von der aufkommenden Coronadiktatur getreten. Auch hier wird natürlich ganz emotional und in orchestrierter Weise eine nationale Bedrohung konstruiert – die sogar noch viel weitreichender ist. Es ist jetzt nicht nur der Feind von außen, der kommt, es ist schon das Establishment an sich, das mittlerweile als Bedrohung und als Feind gilt."

Rechte Erzählungen von einer "Volksbedrohung" lassen sich im Internet sehr einfach in Umlauf bringen – und sie funktionieren. Dahinter stecke eine regelrechte Propagandamaschinerie: "Wenn wir uns fragen, warum Rechtsextreme im Netz so erfolgreich sind", so Maik Fielitz, "liegt es eben daran, dass sie über die Jahre hinweg ein ausgefeiltes System etabliert haben, wie sie Mehrheiten im Internet verzerren: Über Fakeprofile, über Mehrfachpostings, aber eben auch über Bots und technische Mittel – um den Menschen im Endeffekt ein anderes Bild der Realität schmackhaft zu machen. Das heißt, man versucht eine Masse zu simulieren über manipulative Mittel im Internet, um dann eine reale Masse anzuziehen und in Bewegung zu bringen."

Die digitale Realität ist längst zur Wirklichkeit in unserem Alltag geworden: Halle, Hanau, Christchurch sind nur einige Beispiele dafür. Taten, die aus Worten folgten. Hass und Hetze führen zu Gewalt.

Maik Fielitz und Holger Marcks kommen zu dem Schluss, dass eine Neuausrichtung sozialer Medien notwendig sei, um dem Hass Einhalt zu gebieten und demokratiefeindliche Einflüsse zu begrenzen. Die Autoren appellieren an die Verantwortung des Einzelnen, der Politik, der Plattformbetreiber und der Gesellschaft. Viel zu lange wurde weggesehen.