Ibram X. Kendi "Es reicht nicht, zu sagen: Ich bin kein Rassist!"

Gibt es systematischen Rassismus? "Es gibt keine Rasse. Es gibt aber Rassismus", sagt Ibram X. Kendi. Menschen unterscheiden sich nicht entlang festgelegter genetischer Grenzen. Aber warum glauben das trotzdem so viele? Mit seinem Buch "How to be an Antiracist" plädiert der renommierte Historiker aus Boston für eine Überwindung gesellschaftlicher Ungleichheit. Wir alle, sagt er, sind gefragt, anders zu denken und zu handeln – antirassistisch.

Von: Niels Beinker

Stand: 02.07.2021

Ibram X. Kendi, director of Boston University's Center for Antiracist Research, stands for a portrait  | Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Steven Senne

Die USA wurden gegründet mit der Beteuerung, alle Menschen dort seien frei und gleich. Die Realität ist auch in unserer Gegenwart leider eine andere, wie sich an vielen Beispielen – nicht nur an der Polizeigewalt – zeigen lässt. Verantwortlich für die noch immer bestehende Unfreiheit im Land ist der Rassismus. Die Geschichte dieser unendlich fatalen Haltung hat der Historiker Ibram X. Kendi erforscht. Der Professor an der Boston University ruft dazu auf, antirassistisch zu denken und zu handeln. Ein Gespräch über die USA in dieser Zeit und die Frage, was es bedeutet, antirassistisch zu sein.

Niels Beintker: Wie erleben Sie die augenblickliche Situation in den USA, ein halbes Jahr nach dem Beginn der Amtszeit Joe Bidens und auch nach dem Sturm auf das Kapitol?

Ibram X. Kendi: Auf der einen Seite sind unter Joe Biden Menschen ins Amt gekommen, die sich für die Gleichheit aller Amerikaner – und für die Gerechtigkeit – einsetzen. Das ist offensichtlich ein fundamentaler Unterschied zum vergangenen Jahr, unter dem vorherigen Präsidenten. Auf der anderen Seite gibt es auch heute viele Amerikaner, die der Meinung sind, es gebe keinen Rassismus – keinen systematischen Rassismus. Sie bilden keine Mehrheit, aber eine lautstarke Minderheit. Sie ignorieren die bestehenden Ungleichheiten zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft in unserer Gesellschaft. Und sie greifen alle an, die sich gegen Rassismus aussprechen –auch mich. Es ist schwierig. Meine Gefühle sind gemischt.

Die Gründerväter der USA erklärten, alle Menschen seien gleich. Wir finden diesen Gedanken in Thomas Jeffersons Entwurf der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Die Gleichheit galt aber nur für weiße Männer. Derselbe Thomas Jefferson schrieb – Sie erinnern daran in Ihren Büchern "Gebrandmarkt" und "How to be an Antiracist" – die Weißen seien den Schwarzen überlegen, mit Blick auf ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Ein so schrecklicher, unmenschlicher Satz. Hat dieses Denken heute noch immer Einfluss? 

Der Verlag fand den englischen Titel wohl so gut, dass er ihn auch für die deutsche Ausgabe beibehalten hat. Hier das Buchcover.

Diese Gedanken existieren nach wie vor. Als die USA gegründet wurden, gab es diejenigen, die glaubten, die Menschen seien unabhängig von ihrer Herkunft gleich. Und ebenso die, die das Gegenteil behaupteten. Jefferson und andere Gründerväter sind Beispiele dafür. Bis heute gibt es Menschen, die der Meinung sind, mit den Schwarzen Amerikanern stimme etwas nicht, sie seien minderwertig – und deshalb seien sie ärmer als die Weißen und würden häufiger ins Gefängnis kommen oder auch von der Polizei getötet werden. Andere Menschen wiederum erklären das mit dem systematischen Rassismus. Wir führen die gleichen Diskussionen wie bei der Gründung des Landes.

In Ihrem Buch "How to be an Antiracist" ermuntern Sie uns, unseren Blick zu ändern. Wir alle können Antirassisten sein und so unsere Gesellschaften – nicht nur die der Vereinigten Staaten – in einem neuen Licht betrachten. Antirassistisch sein bedeutet, eine klare und bewusste Entscheidung zu treffen. Was kann man unter einem antirassistischen Denken verstehen? Was wäre eine Defintion?

Ein Anti-Rassist sein bedeutet, die Welt in ihrer ganzen Vielfalt zu betrachten – als eine Welt, in der Menschen mit verschiedenen Hautfarben und Kulturen leben – und ebenso die verschiedenen Gruppen, die zu Rassen erklärt worden sind. Und dann: alle diese Menschen als gleich anzuerkennen. Das heißt nicht, jeder einzelne Mensch sei wie der andere. Ein Beispiel: Ich kenne Menschen mit einer anderen Herkunft, die vermutlich mehr arbeiten als ich. Trotzdem ist es ein großer Unterschied zu sagen: Es gibt keine zu einer Rasse erklärte Gruppe von Menschen, deren Angehörige mehr arbeiten oder weniger arbeiten als die einer anderen. Diese rassistische Idee konnte bis heute nicht bewiesen werden, obwohl sie seit hunderten von Jahren im Umlauf ist.

Also: antirassistisch sein heißt zuerst, anzuerkennen, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleich sind. In einem zweiten Schritt geht es darum, alle existierenden Ungerechtigkeiten in unseren Ländern und Gesellschaften in den Blick zu nehmen. Wenn die man alle Menschen als gleich erachtet, dann gibt es nur eine Erklärung für die Ungleichheit von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft: den Rassismus. Es geht folglich darum, die Politik und auch die Praktiken zu erkennen, die hinter dieser rassistischen Ungleichheit stehen – und sie zu korrigieren, für mehr Gleichheit und Gerechtigkeit.

Für mich die wichtigste Konsequenz ist die: Es gibt keine Rasse. Es gibt nur den einzelnen Menschen. Das allein zählt, um über unser Handeln nachzudenken. Wäre das ein zentraler Punkt?

Ja und Nein. Es gibt keine Rasse. Es gibt aber Rassismus. Genetiker haben die DNS des Menschen eingehend erforscht. Sie haben dabei herausgefunden, dass wir keine klaren Linien ziehen können, zum Beispiel zwischen Weißen Europäern und Schwarzen aus Afrika. Es gibt mit Blick auf die DNS keine klaren Unterschiede. Die genetische Diversität ist innerhalb Afrikas viel größer. Menschen aus Westafrika sind – so betrachtet – Menschen aus Westeuropa sehr viel näher als Menschen aus dem Osten oder auch dem Süden des afrikanischen Kontinents.

Die Vorstellung, es gebe verschiedene Rassen, ist ein Irrglaube. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Rassismus gib. Dass es keine Leute gibt, die behaupten, es existierten Unterschiede zwischen zu Rassen erklärten Menschengruppen – und die einen seien besser, die anderen schlechter. Es bedeutet ebenso wenig, dass Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe bestimmte Erfahrungen machen müssen – dass sie ärmer sind und häufiger von der Polizei erschossen werden. Das alles gibt es. Dagegen müssen wir kämpfen.

Es klingt so einfach und ist doch so schwer. Mit dem Buch "How to be an Antiracist“ erzählen Sie uns Ihre eigene Geschichte, sehr persönlich und sehr offen. Jeder von uns ist in der Lage rassistisch zu denken und zu handeln, eine rassistische Politik zu unterstützen, auch dann, wenn wir sagen: Wir sind gegen Rassismus. Warum ist das immer wieder möglich, warum handeln wir so, wie wir eigentlich gar nicht wollen? Hat das auch damit zu tun, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus – unserer Wirtschaftsordnung – und dem Rassismus gibt? 

Uns wurde beigebracht, so zu handeln. Wir werden manipuliert. Zum Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Rassismus ein Beispiel aus der Vergangenheit: Sie sind Fabrikbesitzer und beschäftigen Weiße und Schwarze Arbeiter. Der Rassismus erlaubt es Ihnen, den Schwarzen Arbeitern zehn Dollar pro Stunde zu zahlen – fünf Dollar weniger als den Weißen, die 15 bekommen. Und das, obwohl die einen wie die anderen 20 Dollar pro Stunde verdienen sollten. Sie unterstützen den Rassismus, der es Ihnen wiederum erlaubt, den Schwarzen Beschäftigten nur zehn Dollar zu zahlen – und den Weißen fünf Dollar mehr. Und diese realisieren: "Hey, wir sind besser dran als die Schwarzen." Auf diese Weise treiben Sie einen Keil zwischen die Arbeiter – und diese betrachten sich untereinander als Feinde. Eigentlich sollten sie sich verbünden und gemeinsam für einen Stundenlohn von 20 Dollar kämpfen. Rassismus, rassistische Politik und rassistische Ideen haben Menschen mit Macht zweifellos genutzt – egal, ob es um wirtschaftliche, politische oder kulturelle Macht geht.

Das Nachdenken über den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Rassismus ist sehr wichtig – das spielt für Sie eine große Rolle. Die Frage ist die, wie können wir unser Verhalten ändern, um den Rassismus in seinen verschiedenen Facetten zu überwinden – politisch, kulturell. Wir brauchen viel Selbstreflexion. Wie können wir das tun?

Erst einmal gibt es viele Menschen auf der Welt, die erklären, sie seien keine Rassisten, sie müssten nichts tun. Ich möchte dafür sorgen, dass uns allen klar wird: Es reicht nicht zu sagen, ich bin kein Rassist. Wir müssen zuerst klar und deutlich sagen, was es bedeutet, rassistisch zu sein – und was antirassistisch. Ein Anti-Rassist zu sein, heißt: Wir müssen aufhören danach zu streben, etwas nicht zu sein. Wir sollten vielmehr etwas sein – Menschen, die begreifen, dass wir alle gleich sind, Menschen, die jede Politik verändern, die rassistische Ungleichheit und Ungerechtigkeit verstärkt.

Was meinen Sie mit: Wir sollten die Politik verändern?

Wir sollten uns als menschliche Gemeinschaft begreifen. Und wir sollten uns nicht länger in unterschiedliche Gruppen aufteilen lassen – von Politikern, die die Angst vor Menschen schüren, die nicht aussehen "wie wir", vor Einwanderern, vor Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe. Wir wurden zu lange manipuliert und kontrolliert von gewählten Mandatsträgern, die mit rassistischen Ideen argumentieren – um uns dazu zu bringen, Angst vor bestimmten Gruppen zu haben. Diese Politiker stilisieren sich zu denen, die uns vor den anderen beschützen wollen. In Wirklichkeit wollen sie uns kontrollieren, um die eigene Macht auszubauen – und auch die Macht ihrer Förderer.

Zum Ende noch einmal in Blick auf Ihr Land, die USA, im Juli 2021. Wir erleben auf der einen Seite einen Wandel in der Politik. Präsident Biden will einen Weg der Versöhnung gehen. Zum Beispiel hat er verfügt, dass der 19. Juni – der Tag der Abschaffung der Sklaverei – ein landesweiter Feiertag geworden ist. Auf der anderen Seite gab es den Prozess gegen Derek Chauvin. Er wurde wegen des Mordes an George Floyd schuldig gesprochen. Und dann gibt es den Hass des vormaligen Präsidenten. Erst vor ein paar Tagen trat er wieder öffentlich auf. Sind Sie optimistisch, dass der Antirassismus in den kommenden Jahren an Einfluss gewinnt?

Ich hoffe auf jeden Fall, dass mehr und mehr Menschen die Einsicht gewinnen, dass uns Engstirnigkeit schadet, wie bei anderen Problemen – dem Klimawandel, Pandemien, der Gefahr eines Atom-Kriegs. Rassismus ist eine ernsthafte Gefahr für die Menschheit. Wo er existiert, können mit unserer unterschiedlichen Herkunft nicht zusammenkommen und uns als Einheit begreifen. Und wir können keine Gesellschaften gestalten, in der die große Mehrheit der Menschen ein zufriedenes Leben führt. Was uns dann bleibt? Wir werden uns gegenseitig zerfleischen.

Ibram X. Kendis Buch "How to be an Antiracist“ ist – übersetzt von Alina Schmidt – bei btb erschienen, der große Band "Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika“ bei C.H. Beck, übersetzt von Susanne Röckel und Heike Schlatterer.

Wer dieses Gespräch hören will: Am 4.7. um 18:05 Uhr auf Bayern 2 und dann hier im Kulturjournal-Podcast.