Tier-Doku "Gunda" Das Leben auf dem Bauernhof in Schwarz-Weiß

Der Alltag eines Hausschweins, einer Hühnerschar und einer Rinderherde: Das zeigt Victor Kossakovsky in der Dokumentation "Gunda" – komplett ohne einordnende Wort. Umso mehr Fragen ploppen während des Films im eigenen Kopf auf.

Von: Marie Schoess

Stand: 17.08.2021 | Archiv

Zwei Ferkel schnuppern frische Landluft.  | Bild: © Filmwelt Verleihagentur / Sant & Usant/V. Kossakovsky/Egil H. Larsen

Dass der Mensch ein voyeuristisch veranlagtes Wesen ist, ist keine neue Erkenntnis. Aber dass es sich schon nach Voyeurismus anfühlt, einer Sau in ihrem Alltag zu folgen, das spürt immerhin ein Stadtmensch zum ersten Mal, nachdem er einige Minuten mit "Gunda" verbracht hat: Gunda heißt die titelgebende Protagonistin dieses Films, eine Sau, die durch eine Art Tür vom Stall ins Freie gelangt. Wobei Tür schon zu viel gesagt ist, es ist eher eine Lücke in der Holzwand. Und durch genau diese Lücke schlüpft auch die Zuschauerin in ihr Leben hinein und fragt sich irgendwann: mit welchem Recht eigentlich?

Kein Wort, keine Musik – nur Natur und Tier

Vielleicht wäre Gunda ja viel lieber allein mit ihren Ferkeln, vielleicht hat auch dieses Tier so etwas wie ein Bedürfnis nach Privatheit, vielleicht auch nicht – aber wer bin ich schon, das zu entscheiden? Das ist nur eine der vielen Fragen, die einem in den langen Sequenzen auf dem Bauernhof in den Kopf kommen.

Und Zeit für solche Gedanken bleibt – es lenkt einen nichts ab, kein Wort ist zu hören, keine Musik provoziert Emotionen. Im Ton: nur Natur und Tier, Gunda und ihre Ferkel, eine Rinderherde, ein paar Hühner.

Zurück zu den Anfängen des Kinos

"Ich wollte einen Film ohne Worte machen", sagt der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky im Interview mit dem Filmverleih Filmwelt. Zuletzt machte er Wasser zur Protagonistin einer Dokumentation und ließ uns dessen Bedeutung in jeder Einstellung spüren. Er hoffe, dass trotzdem alles im Film ist, was er zu sagen habe, aber er weigere sich, mit einer Off-Stimme zu arbeiten. "Das Kino ist geboren worden ohne diese Stimme. Sogar ohne eine Geschichte. Die Geschichte lag in der ersten Einstellung: Wer sehen kann, kann sehen. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, zurück zum Beginn des Kinos zu gehen und nur hinzusehen – ich habe mich sogar gegen Musik entschieden, um niemanden zu drängen, um keine Lektion zu erteilen."

Mit Unaufdringlichkeit und Ästhetik antwortet Kossakosvky auf die üblichen didaktischen oder betont-emotionalen Tierdokus: Das Leben auf dem Bauernhof entdecken wir in Schwarz-Weiß, was den Tieren eine ungewohnte Eleganz verleiht, sie aber gleichzeitig davor bewahrt, an Postkartenmotive vom Bauernhofurlaub zu erinnern. Rosa Ferkel sind eben etwas ganz Anderes als graue.

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GUNDA | Offizieller Trailer | Bild: Filmwelt Verleih (via YouTube)

GUNDA | Offizieller Trailer

"Wir haben lauter falsche Annahmen"

Und die Ruhe, mit der Kossakosvky hier vorgeht, provoziert all die Gedanken, die einem in gewöhnlichen Dokumentationen ein Off-Text einflüstern würde. Das beginnt gleich am Anfang: Gunda ist umringt von ihren Ferkeln, die – gerade aus dem Körper der Mutter herausgekrochen – sofort wissen, wie sie an Milch kommen. Ein kleines Wunder würde hier ein Off-Text sagen, und man würde sich abwenden, gelangweilt von der erzwungenen Emotionalität. Wer aber minutenlang diesem Treiben zusieht, ohne ein Wort zu hören, fragt sich irgendwann durchaus: Ob er oder sie selbst in den vergangenen zehn Jahren eigentlich einen vergleichbar rasanten Lernerfolg vorzuweisen hat wie diese Ferkel, die kaum auf der Welt schon alles wissen, was es zum Leben so braucht.  

"Wir haben lauter falsche Annahmen", sagt der Regisseur, "und wahrscheinlich ist es an der Zeit, unseren Platz in der Welt neu zu definieren. Wir nehmen immer an, dass wir am wichtigsten sind, dass alles für uns geschaffen wurde. Nur: Warum eigentlich? Warum nicht für andere?"

Man merkt es schnell in diesem Interview: Sobald Worte hinzukommen, wird es didaktisch, sobald ein Kommentar die Gedanken ausspricht, die man hier im Stillen, ganz für sich allein haben darf, geht der Charme dieses Films verloren. Insofern bleibt nichts, als hinzusehen und nicht weiter darüber zu sprechen.

"Gunda", ein Filmessay in Schwarz-Weiß. Ab dem 19. August im Kino.

Ein Beitrag aus der kulturWelt vom 17. August auf Bayern 2 – den Podcast können Sie hier abonnieren.