Serien und Essstörungen "Physical" zeigt Bulimie realistisch

Die Hauptfigur von "Physical" kämpft mit ihrer inneren Stimme, die alles und jeden um sie herum kritisiert. Es ist die Stimme ihrer Essstörung. Ob die düstere Comedy-Serie das gut darstellt, erklärt die Psychologin Amelie Zollner.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 04.07.2021 | Archiv

Rose Byrne als Sheila in der Aerobic-Comedy-Serie "Physical" von AppleTV+ | Bild: Apple

Die AppleTV+ Serie "Physical" spielt im Jahr 1981. Die Sonne scheint über San Diego, aber die Protagonistin Sheila hockt in einem dunklen Motelzimmer, das sie regelmäßig nur zu diesem Zweck anmietet: Um die drei Tüten Fastfood und den Milchshake ganz allein zu verschlingen. Fünf Jahre später ist sie ein Megastar der boomenden Heimvideo-Fitness-Szene. Aber noch sitzt sie einsam und voller Selbsthass auf einem Motelbett und stopft Essen in sich rein, während sie sich mit harten Worten selbst dafür bestraft.

Sheila hat Bulimie und erbricht sich nach diesen heftigen Essattacken. In Momenten, in denen der Druck zu groß wird, die perfekte Hausfrau, Mutter und Ehefrau zu sein, übernimmt die Bulimie die Kontrolle. Zum Beispiel als Sheilas Mann Danny seinen Lehrauftrag an der Uni verliert und die Familie plötzlich ohne Einkommen aber mit einem Haufen Schulden dasteht. Sheilas Ausweg aus dem kostspieligen Kreislauf wird Aerobic - der größte Fitnesstrend der 80er.

Wie realistisch die Darstellung der Bulimie in der satirischen Serie ist, haben wir die Psychologin Amelie Zollner gefragt. Sie arbeitet für die Beratungsstelle Cinderella e.V. und hat sich drei Folgen der Serie angesehen.

Vanessa Schneider: Die Hauptfigur Sheila ist einsam, auch weil sie ihr Verhalten vor anderen Leuten verbirgt. Sie hat sich Strategien zurechtgelegt, um ihre Bulimie irgendwie in ihren Alltag zu integrieren. Diese Geheimniskrämerei isoliert sie von Freunden und von ihrer Familie. Sheila bewertet aber auch ständig und sehr harsch alle Leute um sich herum und sich selber. Tauchen diese Verhaltensweisen tatsächlich öfter auf oder ist das übertrieben dargestellt?

Amelie Zollner: Was ich an der Serie echt eindrücklich fand - und klar es ist immer ein persönlicher Eindruck von mir - war die Gedankenebene, also dieser innere Kritiker, dieses ständige innere Abwerten von sich selbst und dann immer wieder dieses Vergleichen mit dem Außen. Das beschreiben uns Betroffene sehr häufig. Ich finde, man sieht in der Serie auch deutlich den Zusammenhang zwischen der stark abwertenden inneren Stimme, die ja ganz viel mit dem Selbstwertgefühl macht, und der Angst vor der Zunahme. Auf die man reagiert, zum Beispiel mit dem Zwang, Sport zu machen oder mit dem Zwang, sich mit dem Essen einzuschränken, um sich vor dieser Angst zu schützen. Diese Dynamik kommt ganz gut raus.
Ich finde es auch ganz wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Serie mit jedem Betrachter etwas macht. Jeder hat ja so sein inneres Team an Anteilen. Und diese kritische Stimme, dieser innere Kritiker, das ist ja etwas, was wir in unserer Leistungsgesellschaft sehr, sehr häufig, vertreten sehen, den sehr viele Menschen auch haben. Gerade wenn jemand von einer Essstörung betroffen ist oder war, ist es wichtig nach der Serie ins Gespräch darüber zu kommen. Oder sie nicht allein anzugucken und dann einfach mal drüber zu sprechen, was löst das in mir aus? Weil das finde ich echt heftig, diese Selbstabwertungen so auch in der Länge mitzukriegen.

Sheila findet eine Art Ventil in Aerobic. Das ist interessant, weil man auch von Jane Fonda weiß, dass sie unter Bulimie gelitten hat. Sie hat damals den Aerobic-Hype in der ganzen Welt populär gemacht und, so erklärt Fonda es zumindest, durch den Sport aus der Essstörung gefunden. Ist das wirklich so?

Da ist es wirklich wichtig, sich das ganz individuell anzugucken, das kann sich bei den Betroffenen auf jeden Fall unterscheiden. Prinzipiell gibt es bei vielen Essstörungen die Tendenz, auch über Sportverhalten zu kompensieren. Da ist es auch ganz wichtig bei den Betroffenen ein bisschen genauer hinzugucken. Ist es jetzt wirklich etwas, das mir gut tut? Oder ist es so ein Stück weit auch diese Essstörungs-Stimme, die mich immer wieder dazu bringt? Das ist manchmal gar nicht einfach zu differenzieren. Da geht es in der Therapie auch drum, für sich zu gucken, welches Ausmaß an Sport angemessen ist. Die Hauptfigur Sheila ist vom Gewicht her relativ weit unten – da muss man dann schauen. Ab einem bestimmten Untergewicht empfiehlt man, gar keinen Sport mehr zu machen. Aber es ist immer abhängig von der individuellen Situation. Es gibt auch Betroffene im Normalgewichtsbereich, denen tut der Sport in Maßen wahnsinnig gut, um Spannungen abzubauen.

Sheila (Rose Byrne) im Jahr 1986 als Fitness-Ikone in der AppleTV+-Serie "Physical".

In einer Szene sind Freunde zum Essen da, sie hat Kuchen serviert, isst ihn selbst nicht, beharrt aber darauf, dass ihre Freundin ein Stück nimmt. Das Essen wird zu so einer Art Machtspielchen zwischen diesen zwei Frauen. Und das passiert immer wieder. Als ob Sheila andere Frauen nicht als Verbündete sehen kann, sondern immer nur als Feind.

Ich finde, daran sieht man ganz gut zu den Link zum Selbstwertgefühl. Die Essstörungen haben ja oft die Funktion, den Selbstwert zu schützen - auf dysfunktionale Weise. Und gerade diese sozialen Vergleiche machen ja ganz viel mit unserem Selbstwert. Wie macht's die andere Person – wie mache ich es? Manchmal hat es auch eine Selbstwert-regulatorische Funktion, sich überlegen zu fühlen. Der soziale Rückzug, aufgrund der Scham beim Essen vor anderen Menschen, aber auch wegen dieser extremen Vergleiche ist auch ganz typisch. Und das, finde ich, sieht man auch an der Serie gut, durch diese dominante Essstörungs-Stimme. Wenn man sich da ein bisschen reinfühlt, kann man sich, glaube ich, gut vorstellen, warum sich die Betroffenen mit so einer vorherrschenden Essstörungs-Stimme so stark zurückziehen.

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„Physical“ – Offizieller Trailer | Apple TV+ | Bild: Apple Deutschland (via YouTube)

„Physical“ – Offizieller Trailer | Apple TV+

Diese Binges, bevor Sheila sich erbricht, sind sehr ritualisiert. Sie hebt Geld ab, fährt zu einem ganz bestimmten Fast-Food-Imbiss, kauft sich genau drei Burger und einen Milchshake, mietet sich ein Motelzimmer. Und im Anschluss nimmt sie offenbar ein längeres Bad. Es wirkt, als hätte das auch etwa mit Self Care für sie zu tun. Danach kann sie wieder in ihr Leben zurückkehren. Zeigt sich diese Ritualisierung auch öfter?

Essstörungen haben sehr häufig etwas mit Ritualen zu tun. Ich finde, in der Serie ist es schon durchaus überzeichnet, dass sie sich extra dafür ein Zimmer nimmt. Dafür braucht man ja allein schon die finanziellen Mittel. Wobei man die finanzielle Belastung durch die Bulimie sieht, die häufig auch Betroffene erleben. Sich dafür das Zimmer zu nehmen ist etwas, wo sich viele Betroffene vielleicht auch missverstanden fühlen würden.

Was prinzipiell gut rauskommt, ist dieser "kontrollierte Kontrollverlust", also dass Betroffene versuchen, ein Ritual zu schaffen. Und das unterscheidet sich zwischen den verschiedenen Menschen, die eine Essstörung haben. Manche Menschen machen das sehr ritualisiert, was sie uns auch berichten. Und bei anderen passieren die Essanfälle eher aus dem Heißhunger heraus. Im Prinzip können wir davon ausgehen, dass je länger sich die Essstörung eingespielt hat, desto eher gibt es auch eine Gewohnheitskomponente, oder auch eine gelernte Komponente, wenn man es sich verhaltenstherapeutisch anguckt. Da ist sicherlich dann auch ein gewisser Ritualcharakter da.

Bei dieser Person geht es auch um eine dysfunktionale Form der Selbstfürsorge. Das kann man immer wieder sehen, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, für sich selbst zu sorgen und dass die Essstörung diese Bedürfnisregulation übernimmt. Und dass auch da eine Therapie helfen könnte, im Sinne von: Wie kann ich anders für mich sorgen, dass ich das nicht mehr brauche?

Der Aspekt der Therapie kam jetzt hier gar nicht raus. Dass Sheila eine Therapie annimmt oder in Therapie geht, das fände ich sehr wichtig. Das kann ja im Verlauf der Serie noch kommen. Ich fände es wichtig, dass dann auch die Vielschichtigkeit der Therapieformen dargestellt werden. Dass das ein ganz toller Ort ist, um sich selber kennenzulernen, neue Facetten von sich zu sehen und auch diese zugrunde liegenden Konflikte für sich zu lösen. Das würde ich mir wünschen. Das wäre mein Happy End für die Serie gewesen, dass sie in Therapie geht und da was für sich mitnimmt.

Wenn Sie merken, dass Sie unter einer Essstörung leiden, finden Sie zum Beispiel Hilfe beim Beratungsangebot von Cinderella e.V. Hier arbeitet auch die Psychologin Amelie Zollner.

Eine ausführliche Besprechung der Serie "Physical" gibt es im BR-Serien-Podcast "Skip Intro". Den Podcast können Sie hier abonnieren.

Die Serie "Physical" ist beim Streamingdienst AppleTV+ abrufbar.