Serie "Lisey's Story" "Lisey's Story" zeigt, dass viel nicht immer viel hilft

Kein lebender Autor wird öfter verfilmt als Stephen King. Neuste Adaption ist die Serie "Lisey's Story" von Apple TV+ mit Julianne Moore. Erstmals schrieb King das Drehbuch selbst. Ob das eine gute Idee war?

Von: Vanessa Schneider

Stand: 03.06.2021 | Archiv

Lisey gespielt von Juilianne Moore schwimmt in einem Pool in einer Szene aus der AppleTV+ Serie "Lisey's Story" | Bild: Apple

Am 19. Juni 1999 wäre Stephen King beinahe gestorben. Ein Auto hatte den Spaziergänger in der Nähe seines Hauses auf der Route 5 in Maine erfasst. Seine Hüfte zertrümmert, Rippen und Oberschenkel gebrochen, die Lunge gequetscht und durchlöchert: Stephen King, als Autor Herr über unsterbliche Figuren, Zeitreisende, das Gute wie das Böse sah sich plötzlich mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Aber nicht der Autounfall sollte seinen Lieblingsroman "Lisey's Story" prägen, sondern der Anblick seines ausgeräumten, leeren Schreibzimmers bei seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus: Seine Frau Tabitha hatte die Abwesenheit ihres Mannes genutzt, das Zimmer gründlich zu renovieren. So könnte es also sein, wenn er tot wäre.

Genau dieser Moment ist der Ausgangspunkt für die neue AppleTV+ Serie "Lisey's Story" – die sich gar nicht so sehr um die titelgebende Lisey (Julianne Moore) dreht, wie um ihren kürzlich verstorben Eheman Scott Landon (Clive Owen). Einen kultisch verehrten Autor von – natürlich – Fantasyromanen.

Ähnlichkeiten zur Realität beabsichtigt

Um endlich von Scott Abschied nehmen zu können, räumt Lisey dessen Arbeitszimmer aus. Dabei erinnert sie sich immer wieder in stimmungsvollen Flashbacks an scheinbar zufällige Momente in ihrem gemeinsamen Leben. Dass sich darin Hinweise auf ein großes Rätsel verbergen, merkt Lisey erst, als ihre ältere Schwester plötzlich in eine Art Wachkoma fällt. Ähnlich wie Scott, der so zu Lebzeiten in eine finstere Parallelwelt namens "Booya Mond" verschwinden konnte, die von einer bösen Macht beherrscht wird. Lisey ist sich sicher, dass sich ihre Schwester genau an diesem Ort befindet. Um sie zu retten, folgt Lisey den Hinweisen, die ihr Mann für sie versteckt hat und erfährt nach und nach von dessen tragischer Familiengeschichte.

Dane DeHaan als Jim Dooley, ein obsessiver Fan und Stalker des Autoren Scott Landon.

Die Schnitzeljagd, genannt "Bool Jagd", ist an sich schon gefährlich. King-typisch wird Lisey aber auch in der Realität heimgesucht: Der obsessive Superfan Jim Dooley (Dane DeHaan) verlangt die unfertigen Manuskripte ihres Mannes und scheut nicht vor Gewalt zurück.

Wie Scott Landons bedrohliche Fantasiewelt seine Fans und ihn selbst beeinflusst hat, wird in der Serie nur angedeutet. Das Drehbuch von Stephen King frustriert mit vagen Vorahnungen, andererseits ist das Böse (z.B. in Person des Stalkers Jim Dooley) von Anfang an überdeutlich erkennbar. Die Zwischentöne, die King-Adaptionen wie "Mr. Mercedes" und "Castle Rock" auszeichnen, sind in "Lisey's Story" rar. Der Stoff ist King spürbar wichtig, er kennt ihn in- und auswendig. Dem Serienpublikum gibt der Autor dieses Wissen in den acht zähen Folgen jedoch nicht mit.

Viel hilft nicht immer viel

Dabei ist "Lisey's Story" auf den ersten Blick ein garantierter Publikumshit: eine gelobte Romanvorlage (in der deutschen Übersetzung "LOVE" betitelt), Hollywoodstars wie Julianne Moore und Clive Owen in den Hauptrollen, umgesetzt mit einer fantasievollen und prächtigen Bildsprache von Regisseur Pablo Larraín ("Jackie"), finanziert mit einem Riesenbudget von Apple.

Doch viel hilft nicht immer viel. Vor allem nicht, wenn ausgerechnet das Drehbuch die Schwachstelle der Produktion ist. Das geht besonders zu Lasten von Lisey, die wie alle anderen Figuren außer Scott Landon, schablonenhaft bleibt. Die Serienheldin wird so zur reinen Erfüllungsgehilfin ihres toten Mannes – und das sollte nicht passieren in einer Geschichte von bedingungsloser Liebe über den Tod hinaus.

Die Serie "Lisey's Story" läuft ab dem 04.06.2021 wöchentlich mit neuen Folgen bei AppleTV+.