"All You Need" in der Mediathek Na endlich – die erste queere Serie der ARD

Noch vor Ausstrahlung wurde viel über "All You Need" geredet: In der queeren Serie wird keine der Hauptrollen von einer queeren Person gespielt. Nun ist die erste Staffel in der ARD Mediathek, eine zweite wohl schon bestellt. Zurecht?

Von: Katja Engelhardt

Stand: 07.05.2021 | Archiv

Serie "All You Need" | Bild: ARD Degeto / Andrea Hansen

Vince sitzt in einem Pool, unter Wasser, und nicht in Badehose, sondern in Shirt und langer Hose. Er ist der Protagonist von "All You Need". Was er in diesem Pool macht, erfahren wir noch. Hauptsache wir bemerken sofort, was diese ARD Serie macht: direkte Ansprache, Blick in die Kamera, eine Geschichte, die von hinten aufgerollt wird. Ja, das hier ist eine modern erzählte Serie, wie sie auch auf privaten Streamingdiensten laufen könnte. Fängt gut an.

In den kommenden zehn Minuten folgt Oralsex auf einer Clubtoilette und eine kleine Textanalyse des Songs "Baby One More Time" von Britney Spears. Von Dating, Sex und Nachtleben, also all dem, was Vince' (Benito Bause) Leben ausmacht, dreht sich die Handlung schnell zu Beziehung, Familie und Akzeptanz. Vince' bester Freund Levo (Arash Marandi) ist in einer Langzeitbeziehung. Und hätte ganz gerne, dass seine Eltern sich genauso sehr für seinen Beziehungsstatus interessieren wie für den seiner Schwester.

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All You Need | Dramedy-Serie | Trailer | Bild: ARD (via YouTube)

All You Need | Dramedy-Serie | Trailer

Natürlich gab es sie schon: Serien, in denen Akzeptanz von Homosexualität innerhalb der Familie thematisiert wird. Aber aus dem deutschen Fernsehen kennen wir keine Serie, in der homosexuelle Figuren die Hauptfiguren sind. In der sie nicht vor allem als Marker für den Toleranzgrad der Gesellschaft herhalten, sondern Glück erleben, genauso wie Rückschläge, eine Charakterentwicklung durchmachen – in der sie rund gestaltete Hauptfiguren sind.

Politische Zusammenhänge mit Pop-Feeling

Die Existenz der Serie "All You Need" ist politisch, die einzelnen Konflikte in der Serie sind es auch. Als Vince und Robbie (Frédéric Brossier), ein frisches Paar, gemeinsam Fußball schauen und Vince die echte Motivation dahinter infrage stellt: Mag Robie Fußball, weil er eben Fußball mag? Oder weil er es gewohnt ist Fußball zu mögen, weil er damit aufgewachsen ist, dass "normale Jungs" eben Fans des Sports sind? Eine Lösung gibt es natürlich nicht, während Vince über Internalisierung philosophiert, winkt Robbie ab – und schaut weiter Fußball.

Politisierende Aspekte im Alltag der Figuren gibt es genug. Vince ist schwarz und schwul. Es fällt aber kein einziges Mal das Wort "PoC" oder "Intersektionalismus". Weil wir mit-erfahren, was das Vokabular ausdrückt. Dabei scheut sich "All You Need" nicht, uns für die Realität eine Hilfe an die Hand zu geben, eine der Figuren liest Tupoka Ogettes Sachbuch "Exit Racism".

Ein Hauch von Musikvideo

Präsentiert wird das Leben der vier Haupfiguren als poppige Mischung aus Comedy und Drama, im Club läuft Nicki Minaj und tanzen Drag Queens, die es tatsächlich auch in der echten Welt gibt. Einen Hauch von Musikvideo verleiht die immer wieder die Handlung untermalende Farbe Rosa, in der nachts Metallstäbe von einem Spielplatz leuchten. Mit rosa Farbpatronen wird auch beim Paintball-Spiel geschossen und Rosa leuchtet warm im Schlafzimmer. Gerade weil so vieles an "All You Need" lässig ist, fallen umso mehr die Momente auf, in denen das Entspannte nicht gelingt. Wenn auf einmal zur Untermalung Musik verwendet wird, die wirklich nach "peppigem ARD-Vorabend-Programm" klingt. Oder Figuren Sätze sagen, die dann doch etwas Gekünsteltes an sich haben.

"All You Need" ist – eigentlich lächerlich, das so zu betonen – eine ganz normale Dramedy mit universellen Herausforderungen: Versuchungen in einer Langzeitbeziehung, der Suche nach Liebe auf der man sich auch mal verläuft, finanzieller Ungleichheit in einer Partnerschaft. Nur, dass es hier auch mal in eine sehr Sex-positive Sauna geht. Schade, dass "All You Need" beweisen musste, dass all das auch durch schwule Charaktere erzählt werden kann. Der Beweis, der ist jetzt erbracht. Und befördert hoffentlich noch mehr Erzählungen dieser Art in die ARD Mediathek.