Drogenpolitik Warum wir Cannabis wie Alkohol handhaben sollten

Die Polizeigewerkschaft warnt vor den Gefahren des Cannabiskonsums. Komisch aber, dass sie nicht ein Verbot von Alkohol fordert. Was läuft da falsch? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 13.10.2021 | Archiv

Polizeikommissarin in einer illegalen Drogenplantage in Atzendorf (Salzlandkreis) | Bild: picture-alliance/dpa

Manchmal geht es dann doch überraschend schnell. Nachdem jahrzehntelang über die Freigabe von Cannabis debattiert wurde, scheint jetzt klar zu sein: Kommt es zu einer Ampel-Koalition, dann wird der Joint entkriminalisiert.  

Drohszenario "Einstiegsdroge"

Cannabis für den Eigenbedarf an Erwachsene auszugeben, das scheint Konsens bei den Sondierungsgesprächen zu sein. Das ist gut so. Endlich würde sich das Recht der Wirklichkeit anpassen. Millionen von Nutzern müssten keine Angst vor Strafverfolgung haben. Wie in einigen Bundesstaaten in den USA gäbe es lizensierte und überprüfte Produkte, Stiftung Warentest könnte Joints überprüfen und Polizeistreifen müssten sich nach anderen Aufgaben umschauen, als nächtens Jugend-Gruppen zu durchsuchen. Eigentlich müssten alle erleichtert aufatmen. Wären da nicht Teile der Polizeigewerkschaft, die die Freigabe ablehnen. So wie der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, der in der Neuen Osnabrücker Zeitung davor warnte, neben dem legalen, aber gefährlichen Alkohol "die Tür für eine weitere gefährliche und oft verharmloste Droge zu öffnen." Und er holte dafür noch einmal das alte Argument der "Einstiegsdroge“ hervor, obwohl es dafür keinerlei statistischen Beweis gibt. Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, widersprach denn auch vehement, denn durch staatlich geprüfte Läden verschwände etwa mit Heroin versetztes Haschisch von der Straße. 

Dann bitte auch Oktoberfest verbieten 

Das Problem solcher, von Teilen der Polizeigewerkschaft verbreiteten Schreckensszenarien: Sie sind komplett inkonsistent. Wer vor der Legalisierung von Cannabis warnt, muss das Verbot von Alkohol fordern. Wieso darf eine Droge legal an 16jährige verkauft werden, die andere nicht? Alkohol ist – das wissen wir seit Jahrzehnten – eine Volksdroge. Die Folgen sind bekannt: Verkehrsunfälle, häusliche Gewalt, Abhängigkeit, gravierende medizinische Auswirkungen, deren finanzielle und medizinische Konsequenzen wir als Gesellschaft tragen. Wieso ist bei uns Alkohol so billig und überall zu kaufen – auch noch nach Ladenschluss? Wie kann es sein, dass das Oktoberfest als größtes Volksfest der Welt promotet wird, während es doch in Wahrheit eine Einladung zum Koma-Saufen darstellt. Mit bekannten Folgen – nur schert das offenbar niemanden. Werbung für Zigaretten unterliegt strengen Auflagen, das Oktoberfest als Mega-Promo für übermäßigen Alkoholkonsum aber gilt als Unterhaltung für Massen. Mir geht das nicht in den Kopf. 

Gleiches Recht für alle 

Prohibition funktioniert nicht. Wissen wir aus den USA, die im letzten Jahrhundert die Menschen vor der Geißel Alkohol zu schützen versuchten, wissen wir aber auch von der Ahndung des Cannabiskonsums, die ihn nicht hat eindämmen können. Die Legalisierung in den USA hat gezeigt, die Joints werden besser, wenn sie legal erwerbbar sind, und der Staat bekommt erhebliche zusätzliche Steuereinnahmen - statt diese Einkünfte Drogenbaronen zu überlassen. Was aber nicht funktioniert, ist die Bigotterie und Verlogenheit, die eine Droge zu dulden, die andere zu verdammen. Und da wir Alkohol nicht verboten bekommen, müssen wir den Gleichheitsgrundsatz für die Cannabiskonsumenten anwenden. Solange mein Weinregal legal ist und die Tütchen der Schüler nicht, solange ist die Drogenpolitik unglaubwürdig. Und folglich unwirksam. Eine wirksame Anti-Drogenpolitik sollte sich auf harte Drogen konzentrieren. Und wie bei Zigaretten den Zugang zum Stoff so schwer wie möglich zu machen. Alles andere ist verbale Starker-Staat-Schaumschlägerei. Und ein netter Nebeneffekt der Cannabis-Legalisierung wäre, dass diese Angstmacherei endlich aufhört und wir uns den Fakten zuwenden können!