"An das Wilde glauben" von Nastassja Martin Tougher Bericht über eine blutige Bärenattacke

Die französische Anthropologin Nastassja Martin wurde 2015 auf einer Forschungsreise in Sibirien von einem Bären angegriffen und in den Kopf gebissen. Ihr Buch "An das Wilde glauben" erzählt von krachenden Kieferknochen, einem blutigen Kampf und der verschwimmenden Grenze zwischen Mensch und Tier.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 06.05.2021

Ein Kodiakbär zeigt die Zähne | Bild: picture alliance / blickwinkel/K. Wothe | K. Wothe

Es könnte diese Geschichte sein: Eine junge französische Anthropologin, die eine Volksgruppe in Sibirien erforscht, wird in der Wildnis von einem Bären angegriffen. Sie überlebt schwer verletzt, wird von der modernen Chirurgie wieder zusammengeflickt und muss das Trauma verarbeiten. Der Bär interessiert in dieser Variante nicht weiter. Das wäre die westliche, als aufgeklärt geltende Perspektive. Es könnte aber auch diese Geschichte sein: Die Frau und der Bär haben sich schon lange vorher gerufen, in ihren Träumen umkreist und schließlich an dieser Stelle unterhalb des Gletschers gefunden. Zwei Welten prallen aufeinander. Beide Beteiligte überleben, beide sind für immer gezeichnet. So würden es die Menschen vom Volk der Ewenen erklären, die die Anthropologin seit langem begleitet. In deren Vorstellung kommunizieren Mensch und Tier über Träume. In Nastassja Martins Leben sind jetzt beide Geschichten wahr.

Träume wie ein Raubtier

Während der Feldforschungsarbeit habe sie damals selbst angefangen, intensiv zu träumen, so erzählt die Wissenschaftlerin in Interviews. Von Bären zu träumen; Raubtierträume voller Angst, die ihr noch beim Aufwachen den Magen umdrehten. "Warum ich?", habe sie sich gefragt, "sie sollten doch träumen, die Ewenen, ich sollte sie dabei erforschen – ich bin die Anthropologin." Die Grenzen verschwammen, mehr und mehr bekam sie das Gefühl, sich in der animistischen Welt der Ewenen zu verlieren. Also brach sie zu einer Wanderung auf, um den Kopf frei zu bekommen von solchen Träumen, um den Bären hinter sich zu lassen. Doch es kam anders.

"Ich gehe über dieses trockene Hochplateau, auf dem ich eigentlich nichts zu suchen habe, ich halte mich aus all den bekannten persönlichen, historischen und sozialen Gründen für allein, aber ich bin es nicht. Ein Bär, genauso desorientiert wie ich, ist auch auf diesen Höhen unterwegs, wo er ebenfalls nichts zu suchen hat. Als ich ihn sehe, steht er schon vor mir, er ist genauso überrascht wie ich. Wir sind zwei Meter voneinander entfernt, es gibt keine Ausweichmöglichkeit. Weder für ihn noch für mich." 

Träume als Kreuzung zwischen den Welten

Er beißt Martin ein Stück ihres Unterkiefers weg. Sie kämpft mit einem Eispickel, es gelingt ihr, das Raubtier zu vertreiben. Mehr als, das, sie wird gefunden. Dass sie die schweren Wunden überlebt, ist unwahrscheinlich genug. Man liest die Stelle mit Grausen und ohne Luft zu holen, und so ist sie auch geschrieben, ohne Punkt und Komma. Trotzdem ist "An das Wilde Glauben" nichts weniger als eine toughe Abenteuergeschichte, eher ein Essay zwischen Katastrophen- und Heilungsbericht. Der Text stellt Fragen und versucht gleichzeitig, offen zu lassen, welche Wirklichkeiten in diesem Moment ineinander gestürzt sind. Bis zum Kampf mit dem Bären hatte Nastassja Martin 15 Jahre damit verbracht, eine andere Vorstellung unserer Welt zu erforschen: den Animismus, in dem alle Lebewesen mit dem Menschen gleichwertig sind und mit ihm in Beziehung treten können. Wenn auch nicht unbedingt eine friedliche – die Ewenen wissen aus ihren Träumen, wo sie ihre Jagdbeute finden werden.

Die Narben akzeptieren

Nastassja Martin: "An das Wilde glauben". Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer, Verlag Matthes & Seitz

Martin mag das nicht mehr als primitiven Glauben abtun. Auch die Kosmologien der indigenen Völker trieben, so die Anthropologin, die Beziehungen der Lebewesen untereinander an, genauso wirklich und legitim wie die unseren. Die beiden Perspektiven auf die Welt, die sich doch auszuschließen scheinen – in Nastassja Martins Geschichte laufen sie zusammen. "Mein Körper ist zu einem Knotenpunkt geworden. (…) ich muss die Feindseligkeit der Bruchstücke aus verschiedenen Welten untereinander und in mir entschärfen, um nur noch ihre künftige Alchemie zu betrachten. Die Narben müssen verheilen. Abschließen bedeutet akzeptieren, dass alles, was in mir hinterlassen worden ist, nunmehr dazugehört."

Nastassja Martins "An das Wilde glauben" ist die aufwühlende und verwirrende Einladung, sich auf die Fragen einzulassen, die sich aus all dem ergeben. Antworten kommen später. Das alte Ideal der Distanz zum Forschungsobjekt – zerschmettert. Miedka sei sie nun, haben die Ewenen ihr gesagt, halb und halb, irgendwo zwischen Mensch und Bär: "Weißt du, was das bedeutet? Es bedeutet, dass deine Träume gleichzeitig auch seine sind."