Indigen-feministische Comics Bittersüße Geschichten zwischen Grausamkeit und Mut

Die Comic-Sammlung "Movements and Moments. Indigene Feminismen" erzählt von Gewalt und Unterdrückung, aber auch von einem Mut, der für feministische Bewegungen weltweit Vorbildfunktion haben kann. Sonja Eismann vom Missy Magazine hat sie zusammengestellt.

Von: Tobias Ruhland

Stand: 20.05.2022 | Archiv

"Movements and Moments" Ausstellung in Berlin. Aus: "Let the Rive flow free" | Bild: © Jaja Verlag, Nina Martinez

Das Festival "Frequenzen. Feminismen global" vom Goethe Institut läuft derzeit in Berlin und war auch treibende Kraft für eine 300-seitige Comic-Sammlung namens "Movements and Moments. Indigene Feminismen", die auf dem Festival vorgestellt wird. Sonja Eismann ist Herausgeberin des Missy Magazine und auch dieser Comic-Sammlung.

Tobias Ruhland: Feministische Kämpfe und Beiträge in Ländern des globalen Südens finden nach wie vor viel zu selten Eingang in Geschichtsbücher und den popkulturellen Kanon, sagen Sie. Ich habe zu dieser Beobachtung auch gleich die passende Sprechblase in einer Geschichte aus Vietnam gefunden: "Wenn du nicht weißt, wie du deine eigene Geschichte erzählst oder deinen eigenen Tanz tanzt, dann werden Fremde es für dich tun und sie werden es als rückständig verdrehen."

Sonja Eismann: Diese Geschichte begleitet eine Protagonistin aus der vietnamesischen EDE-Gemeinschaft, eine große indigene Gemeinschaft, und zeigt eben auch ganz genau, was passiert, wenn andere sich diese Rituale aneignen. Dann wird es eine Form von Travestie oder auch eine Form von Farce. Es wird einfach irgendein Kostüm, das beliebig übergestreift und abgestreift werden kann und nichts mehr mit den Bedeutungen, mit den Traditionen der eigentlichen Gemeinschaft zu tun hat. Es wird völlig sinnentleert, entleert von Traditionen und Bedeutungen. Und genau das möchten viele dieser Geschichten eben auch unterbinden und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass all diese Gesten, diese Rituale, diese gemeinschaftlichen Verbindungen auch mit Sinn aufgeladen sind.

"Für das Recht auf Existenz" von Taís Koshino aus Brasilien ist die Geschichte, die Comic-Story, die sich am stärksten auf meine innere Festplatte eingebrannt hat. Die Fallhöhe in diesem Comic ist extrem hoch, weil einerseits die Zeichnungen in Wasserfarben sehr grobpinselig gemalt sind; es könnten auch die Zeichnungen eines kleineren Kindes sein. Gleichzeitig aber diese harten Sprechblasen: "Verurteilst du mich wegen Sodomie oder weil ich indigen bin?"

Sonja Eismann

Ich war auch sofort Feuer und Flamme, weil ich die Mischung aus ihrer politischen Haltung und ihrer künstlerischen Herangehensweise so bestechend fand: der vermeintlich kindliche Stil, der sogar naiv wirken könnte, für mich aber durch diese bunten, knalligen und flächigen Farben sehr stark ist, und dann aber sehr viel theoretisches Wissen, was auf einen einprasselt, wenn man das liest. Das ist natürlich nicht die übliche Comic-Kost, das ist eher fast schon Kunst. Deswegen bin ich auch sehr froh, dass wir diese Geschichte in den Band integrieren konnten.

Man erfährt dann auch ganz konkret, was es bedeutet, indigen und queer oder LGBTIQA+ zu sein. Zum Beispiel bedeutet es dann für die Protagonistin, dass ihr verboten wird, an dem Tanzritual Toré teilzunehmen. Das macht es so richtig plastisch, auch als Leser.

Das kommt auch im Comic vor, wie sich diese jungen Queers mit ihren Eltern auseinandersetzen, wie sie teilweise liebevoll akzeptiert werden, wie die Eltern Probleme haben. Das sind ganz moderne Geschichten. Bloß kommt hier noch dazu, dass sie dieses riesige andere Paket an Ausbeutung, Kolonialgeschichte, Marginalisierung im heutigen Brasilien, auch unter dem derzeitigen Präsidenten Bolsonaro, mit herumzutragen haben.

Es gibt auch Parallelen in den Comics aus ganz unterschiedlichen Ländern. In der Geschichte aus Peru, "Warmimasiy" von Trilce Garcia Cosavalente und Helen Quiñones Loaiza, werden Klischees verbalisiert: Die Feministinnen verlassen angeblich gerne ihre Partner und zeigen ständig ihre Brüste. In der Geschichte der Philippinen, "Lasst den Fluss frei fließen" von Nina Martinez, spielen buchstäblich auch Brüste wieder eine Rolle. Ältere Frauen entkleiden sich, um den Gegnern ihre tätowierten Körper zu zeigen. Das soll Männern Unglück bringen – und tatsächlich hat das unter anderem auch dazu geführt, dass ein Staudamm verhindert wurde, heilige Orte und Denkmäler bewahrt wurden.

Das sind sehr interessante Parallelen, die es zwischen den Geschichten gibt. Staudämme kommen immer wieder vor. Vor allem aber auch der Mut dieser Frauen, die sich aus einer diskriminierten Position heraus selber ermächtigen und sich trauen, solche undenkbaren Dinge zu tun. Also diesen brutalen Soldaten, den entblößten, alternden Körper zu zeigen, um ihnen auch zu zeigen: Da kommt ihr her. Wagt es nicht, uns anzugreifen! Ihr kommt alle aus einer Frau. Das sind so kraftvolle Bilder, von denen ich auch denke, dass sie weltweit für feministische Bewegung Vorbildfunktion haben können.

Großartige Bilder und ein großer Leidensweg steckt auch in der Geschichte aus Nepal von Shanti, die dann auch spöttischer Weise Aschanti genannt wird, was übersetzt unfriedlich bedeutet. Und sie wird dann buchstäblich als Störenfrieda da benannt.

Das hat mich auch sehr bewegt, weil es keine abstrakte, fiktive Geschichte ist. Mich haben diese sehr dramatischen, teilweise entsetzlichen Lebensumstände von Armut und Unterdrückung sehr mitgenommen. Wie ihr der eigene Sohn weggenommen wird, war einer der so niederschmetternden Momente, dass ich nach einer Art von Happy End gelechzt habe, was es da nur partiell gibt. Shanti hat sich sozusagen aus dem eigenen Schopf mit unglaublicher Kraft aus diesem Unglück gezogen und hat dann mehr Bücher veröffentlicht, als sie mittlerweile alt ist. Sie ist über 60 und hat sich in unglaublicher Weise um ihre eigene indigene Community gekümmert, hat Bildungsarbeit gemacht und in Büchern Wissen vermittelt. Das ist eine bittersüße Mischung aus entsetzlicher Grausamkeit, die da passiert ist, und gleichzeitig einer Kraft, die dann eben doch Mut macht.

Die Comic-Graphic-Novel-Sammlung "Movements and Moments. Indigene Feminismen" wird herausgegeben von Sonja Eismann, Mitbegründerin und Mitherausgeberin des Missy Magazine

Das Festival "Frequenzen. Feminismen global", veranstaltet vom Goethe Institut, läuft noch bis zum 21. Mai 2022 in Berlin. Viele der Veranstaltungen sind über Livestream zu sehen.

Das Gespräch wurde für die kulturWelt auf Bayern 2 am 20. Mai 2022 aufgezeichnet. Den Podcast können Sie hier abonnieren.