Lesung: Elena Ferrante Kluge Kolumnen der großen Unbekannten

Sie kann auch kurz: Die große Unbekannte der italienischen Literatur hat für den britischen "Guardian" von 2018 - 2019 Kolumnen geschrieben, die nun auf Deutsch als Buch erschienen sind. "Zufällige Erfindungen"" sind 52 konzise Gedanken über Alltägliches, Intimes – über Ängste, Mutterschaft, Nachrichten und Nationalitäten, Schlaf und Sex, Feminismus und das Lachen.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 02.06.2021 | Archiv

Illustration aus Elena Ferrantes "Zufällige Erfindungen" von Andrea Ucini | Bild: Andrea Ucini/agoodson.com

Kolumnen, das sei Neuland gewesen für die weltbekannte Autorin der nun auch verfilmten "Neapolitanischen Saga", so verrät Elena Ferrante im Vorwort von "Zufällige Erfindungen". Ein Jahr lang, Woche für Woche, hatte sie sich von den RedakteurInnen des "Guardian" Themenvorschläge gewünscht, eins ausgewählt und für ihre Verhältnisse spontan losgeschrieben. Das Ergebnis: "zufällige Kollision des redaktionell vorgegebenen Themas mit der Eile des Schreibens", so die italienische Autorin, die bis heute ihr Pseudonoym wahrt und seit ihrer berühmten Tetralogie zu den 100 einflussreichsten Personen weltweit zählt (Time Magazin, 2016). Sie hänge an der Vorstellung, dass, auch wenn ihr Buch in den Warenkreislauf eintrete, sie nichts zwingen könne, dasselbe zu tun. "Ich habe es geschrieben, um mich davon zu befreien, nicht um sein Gefangener zu sein", kommentierte Ferrante ihre Medienscheu in dem 2021 erschienenen Buch "Frantumaglia".

Schreibende Frauen, männliche Fakten

Illustration aus Elena Ferrantes "Zufällige Erfindungen" von Andrea Ucini - hier zum Thema "Erste Liebe"

Frauen und das Schreiben, schreibende Frauen, Feminismus: Das sind Themen, denen sie in gleich mehreren Kolumnen Platz einräumt: "Lernen Männer von Frauen? Oft. Geben Sie es öffentlich zu? Auch heute nur selten." Na gut, im Bereich Literatur sei da immerhin mal Giuseppe Tomasi di Lampedusa ("Der Leopard") gewesen, der Virginia Woolf gern gelesen haben soll, ansonsten falle ihr kein Schriftsteller ein. Und was für die Literatur gilt, gelte auch global: Bis heute herrsche noch immer das männliche Wort, "männliche Fakten" formten die Welt.

"Noch heute, nach einem Jahrhundert Feminismus, schaffen wir es nicht, ganz wir selbst zu sein, wir gehören uns nicht."

Elena Ferrante, Zufällige Erfindungen

Was bei einer derartigen Welt-Formung herauskommen könnte, beschreibt die Italienerin in einer anderen Kolumne über Religion und Anthropozentrismus: "Wahrscheinlich ist unsere Mittelpunktstellung dazu bestimmt, ausgerechnet durch den Furor zerschlagen zu werden, mit dem wir uns technisch ausgerüstet haben, um uns (…) unsterblich zu fühlen."

Elena Ferrante: eine gute Freundin

Wir lernen aber nicht nur die nachdenkliche Elena Ferrante kennen. Die eingängigen, unterhaltsamen Kolumnen verraten auch Einiges von den Kämpfen der Bestsellerautorin mit sich selbst, mit Selbstzweifeln oder ganz konkret mit Schlaflosigkeit. Therapieversuche mündeten in abendliches Lese- und Schreibverbot, was sie erstens natürlich unglücklich machte und zweitens nicht langfristig half. Hochdosierte Tabletten auch nicht wirklich. Es war diese "unerträglichen Wachsamkeit" ihr selbst und geliebten Menschen gegenüber, die ihre Gedanken nachts durch die Dunkelheit rasen ließen. Nach jahrzehntelangem Ringen half nur, sich mit dieser ihr eigenen Wachsamkeit zu arrangieren: "Heute schlafe ich nachts wenig und schlecht, aber am frühen Nachmittag ausreichend".

Die meisten ihrer Reflexionen werden vielen Leserinnen vertraut sein; man fühlt sich ihr schnell nahe. Vor allem, wenn sie über sich selbst schreibt, lässt ihr Stil auf eine mitfühlende und bescheidene Frau mit sympathischen Spleens schließen, die viel und unpassend lacht, der aber zugleich "der eiserne Griff, der unser Leben umschließt" sehr bewusst ist. Bei der Lektüre dieser Kolumnen entsteht das Bild einer Elena Ferrante, die jeder gern als Freundin hätte.

Elena Ferrante: "Zufällige Erfindungen", aus dem Italienischen von Karin Krieger, illustriert von Andrea Ucini, Suhrkamp Verlag

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