"Das Ende der Bücher" Der Mann, der 1894 das Hörbuch voraussagte

Bereits 1894 kündigt der bibliophile Dandy, Octave Uzanne, in seinem klugen Gedankenspiel den paradigmatischen Wechsel vom Lesen zum Hören, zum "Phonographismus" an. Ein Gespräch mit dem Verleger Bodo von Hodenberg über den wiederentdeckten Essay "Das Ende der Bücher".

Von: Antonio Pellegrino / Kirsten Böttcher

Stand: 31.05.2021 | Archiv

"Die glücklichen Hörer werden das unbeschreibliche Vergnügen haben, Ertüchtigung und Bildung vereinen zu können, gleichzeitig Muskeln und Geist zu nähren, denn natürlich gäbe es Phonooperagraphen im Taschenformat, die bei Wanderungen in den Alpen oder durch die Canyons des Colorado River von Nutzen sind." (Octave Uzanne, Das Ende der Bücher, 1894)

Wie sieht die Zukunft des Buches aus? Welche Geschichten erzählen wir uns – und vor allem: mit welchen Mitteln? Schon lange vor Erfindung von Audio- und E-Book haben sich kluge Köpfe darüber Gedanken gemacht. Zum Beispiel Autor und Verleger Octave Uzanne in seiner verblüffend zutreffenden Zukunftsvision "Das Ende der Bücher", bereits 1894 publiziert, in der er seinen Protagonisten, den "Bücherfreund", "Hörschläuche", tragbare Abspielgeräte oder den Kinematograph als "Illustrator" des täglichen, ungeschminkten Lebens prognostizieren lässt. Die Entdeckung dieses Essays ist Verleger Bodo von Hodenberg zu verdanken, der seinen im Frühjahr neu gegründeten Verlag Favoritenpresse mit ausgerechnet diesem Spitzentitel eröffnet: "Das Ende der Bücher".

Antonio Pellegrino: Wer war dieser Octave Uzanne?

Bodo von Hodenberg: Ich persönlich hatte von Octave Uzanne nur gehört im Zusammenhang einer Biografie über den Maler Canaletto, die ich jahrelang als Buchhändler gehandelt habe, die sehr, sehr schön ist. Uzanne hat in Paris gelebt, war ausgewiesener Bibliophiler, war eher jemand, der das Buch auf eine ganz besondere Art und Weise gepflegt hat, dafür gesorgt hat, dass es wunderschön gestaltet, illustriert und ausgestattet ist. Also ein echter Liebhaber der Bücher am Ende des 19. Jahrhunderts.

Hat Uzanne Canalettos Biographie geschrieben?

Ja! Tatsächlich hat Uzanne, die, glaube ich, bisher einzig relevante bebilderte Canaletto-Biographie herausgegeben, die immer noch mit seinem Text verfügbar ist.

Verleger Bodo von Hodenberg

Octave Uzanne war befreundet mit einer anderen Berühmtheit dieser Tage, Albert Robida.  

Genau, Robida hat die ursprünglichen Illustrationen zum "Ende der Bücher" beigetragen, die ich allerdings, auch wenn sie sehr schön waren, nicht mehr für zeitgemäß hielt. Deswegen habe ich Steph von Reiswitz gefragt, die in London lebt, aber ursprünglich aus Deutschland kommt und deren Illustrationen ich wunderbar finde.

Wie sind Sie diesem Essay auf die Spur gekommen?

Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, dass ich im Internet herumsurfe, also tatsächlich mich dort auch verfange – alte Texte, alte Bilder, eher mit so einem Gefühl auf eine Ästhetik zu treffen, die mich interessiert. Und tatsächlich bin ich auf "Das Ende der Bücher" als englische Übersetzung erstmals auf einer Website mit dem Titel "The Public Domain Directory" gestoßen . Eine deutsche Übersetzung gab es vorher nicht.

Wir befinden uns in der Epoche der großen Erfindungen und in der zweiten Phase der industriellen Revolution. Schlag auf Schlag werden neue Techniken erfunden und ausprobiert, vor allem in der Elektrotechnik, in der Funktelegrafie. Grammophon, Kinematograph und Telefon spielen eine große Rolle. All die technischen Errungenschaften, die in dem Essay aufgezählt werden, kann man als Prototypen der später in Serie hergestellten Wiedergabemedien verstehen, die unser Leben entscheidend revolutioniert haben. Da ist die Rede von Wachszylindern oder portablen Phonographen. Wie stehen Sie eigentlich zu diesen spöttisch vorgetragenen Errungenschaften?

Porträt des französischen Schriftstellers und Verlegers Octave Uzanne (1852 - 1931) von Félix Vallotton, entstanden 1892

Ich bin ein total haptischer Mensch, mag schönes Papier und habe noch nie in meinem Leben ein E-Book gelesen. Ich kann mich aber inzwischen auch mit Podcasts anfreunden. Was ich tatsächlich total faszinierend gefunden habe und mich sofort eingenommen hat, ist, dass aus der Sicht von uns Büchermachern eher düsteren Utopie dort etwas Freundliches, Fröhliches gemacht wurde. Dass Uzanne sich in keiner Weise gegen etwas gewendet hat. Auch wenn er spöttisch ist, trägt er es in einer Art und Weise vor, die so schön und so leicht ist und keine Klage beinhaltet. Das Ende der Bücher wird ja nicht das erste Mal beklagt und ist etwas, das uns alle bewegt: Huh, wird zukünftig noch gelesen? Aber da schwingt immer eine Klage mit. Und in diesem Text von Uzanne habe ich keine Klage gehört, sondern nur diesen wunderbaren Entwurf so wunderbar leicht vorgetragen!

Der große Vorteil des Buches ist die Haptik

Man hat immer schon vor technischen Neuheiten gewarnt: Das Fernsehen würde das Kino und das Theater ersetzen, das Radio killen. Heute wissen wir, dass diese Weissagungen, dass diese Unkenrufe sich nicht bewahrheitet haben.

Na ja, ein Stück weit. Es wurde nichts gekillt, aber ein Stück weit haben Bildschirme auch die Bücher abgelöst. Es ist, glaube ich, nicht zu leugnen, dass weniger gelesen wird. Dennoch ist das Schöne am Buch, dass es eine Überlebensfähigkeit hat, weiterbesteht und weiterhin auch als Medium eine große Relevanz hat. Auch wenn es inzwischen natürlich sehr weitreichend gefördert wird.

Wie sieht nun für den Bücherfreund und Verleger Bodo von Hodenberg die Zukunft des Buches aus?

Ich glaube, es macht nur Sinn, wichtige Inhalte in Bücher zu packen, wenn die Bücher als solches auch eine eigene Existenz begründen. Ich mache ja viele historische Reprints und glaube schon, dass das, was ursprünglich in Büchern war, also Kräuterbücher, Kupferstiche etc., dass das auch wieder in Bücher gehört. Aber eben mit schönen Materialien und dem Spiel mit der Haptik. Der große Vorteil des Buches ist die Haptik und ich glaube eher nicht, dass man Bücher auf billigen Papier in China machen sollte. Das Buch kann nur weiter existieren, wenn es seinen Objekt-Charakter auch ausspielt gegenüber den digitalen Medien. Informationen bekomme ich besser im Internet, das ist ja überhaupt keine Frage. Aber dieses Erlebnis, ein Buch in die Hand zu nehmen, muss auch damit einhergehen, dass das Buch schön ist, dass es ein Objekt ist, was ich gerne habe. Ansonsten würde ich Bücher ja eher nicht zuhause haben wollen. Wenn ich es mir nur um den Inhalt geht, dann reicht mir ja das Digitale.

Wenn wir uns zurückerinnern, wurden die Nullerjahre von einem Buch erobert: von Harry Potter.

Ganz klar! Das glaube ich auch, dass die Inhalte, die ein Buch transportiert, eine andere Art haben, in die Welt hinaus zu kommen, als wenn es nur in Anführungsstrichen ein Podcast oder ein digitales Angebot ist. Natürlich gibt es Harry Potter inzwischen auch digital und als Podcast und als Hörbuch und so weiter. Aber den Anstoß hat eben ein Buch gegeben und da sieht man auch den Wert des Buches. Das Schöne ist, dass meine Töchter, die in der Grundschule sind, immer noch Harry Potter lesen – über 20 Jahre später!

Das Medium Buch: alt, aber immer noch sexy.

Auf jeden Fall! Wir müssen nur darauf achten, dass es auch wirklich sexy ist und bleibt.

Octave Uzanne, "Das Ende der Bücher, Auszug aus "Geschichten für Bibliophile", 1894, Illustriert und gestaltet von Steph von Reiswitz, erschienen in der Favoritenpresse. Das Hörbuch gibt's als vollständige Lesung mit Friedhelm Ptok auf zwei CDs bei Argon.

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