Dagmar Nick wird 95 "Mein jüdisches Familienbuch"

Neben Ingeborg Bachmann, Rose Ausländer oder Hilde Domin zählt sie zu den wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen ihrer Generation. Dagmar Nick, 1926 in Breslau geboren und in München zuhause, hat Reisebücher und Erzählungen verfasst - und ein beeindruckend recherchiertes "jüdisches Familienbuch", in dem sie ihren sephardischen Ahnen bis ins 16. Jahrhundert folgt. Am 30. Mai feiert die große Schriftstellerin ihren 95. Geburtstag.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 17.05.2021 | Archiv

Die Grande Dame der deutschen Lyrik Dagmar Nick hat eine faszinierende Saga über den jüdischen Zweig ihrer Familie geschrieben: Ein fesselnder Blick zurück auf vier Jahrhunderte wechselvoller Geschichte, auf ihre Ahnen mütterlicherseits, die aus Spanien flohen nach Hamburg, Berlin, Breslau, die sich von sephardischen Hausierern zu Hoflieferanten hochdienten und später ihre Herrscher finanzierten.

"Frage die vorigen Geschlechter / und merke auf das, was ihre Väter erforscht haben; / denn wir sind von gestern her /und wissen nichts; / unser Leben ist ein Schatten auf Erden." Worte aus dem Buch Hiob, die die zarte Dame von 95 Jahren lange mit sich herumtrug. Dagmar Nick hat in über dreijähriger Recherche die "vorigen Geschlechter" befragt und ihr Familienbuch anknüpfend an Hiob "Eingefangene Schatten" genannt. Sie, die mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin, Tochter des Komponisten Edmund Nick und Kusine des Historikers Fritz Stern, entfaltet in ihrem schon 2015 erschienenen Buch ein beeindruckendes, ein schillerndes Familienpanorama, das die Zeitspanne von 1550 bis zur Shoah umfasst. "Am Ende war die Bude voll mit Ahnen", so Dagmar Nick über ihr Mammutprojekt.

Dagmar Nicks Familiensaga "Eingefangene Schatten"

"Ich wollte erfahren, wann sich in dieser Familie die Sepharden, die in einer elitären geistigen und künstlerischen Hochkultur aufwachsen durften, mit den Aschkenasen, den hochdeutschen Juden, vermischten. Ich wollte mögliche Unterschiede erkennen, abzulesen an den Grabsteinen auf den jüdischen Friedhöfen von Altona und Hannover."

Dagmar Nick: Mein jüdisches Familienbuch

Auf einmal, so beschreibt es die Autorin im Prolog, öffneten sich die Archive; einen "Kanon von Stimmen" galt es zu entdecken, ihnen "nachzuhorchen". Dagmar Nick folgte in ihrer akribischen Recherche dem Familienzweig ihrer Mutter, der Konzertsängerin Käte Jaenicke, deren jüdische Mutter bereits in Jugendjahren zum christlichen Glauben übergetreten war. Doch "die Taufe war, wie sich zeigte, kein Schutz", schreibt Dagmar Nick, die 1926 geboren, eine glückliche Kindheit in Breslau erlebte, bis das "Schicksalsjahr" 1933 kam. Ihr Vater, damaliger Leiter des schlesischen Rundfunks, wurde entlassen. Das Kind spürte die "verhaltene Spannung" im Haus, hörte fremde Worte: "Affidavit", "Hausdurchsuchung", "abgeholt worden". Ihre Mutter Käte galt während der NS-Zeit als "Halbjüdin", die Familie versuchte, sich in Berlin "scheinbar unscheinbar" durchzuschlagen.

Nach ihrem Abitur 1943 erkrankte Dagmar Nick schwer an Tuberkulose, musste von einem Versteck ins nächste wechseln, im Frühjahr 1945 floh sie Richtung Bayern. "Wer oder was ist verantwortlich für die stete Wiederkehr von Verfolgung, Pogromen und Kriegen?", so schreibt Dagmar Nick in ihrem "jüdischen Familienbuch". "Fritz Stern, der als Zwölfjähriger Deutschland verlassen musste, um in den Vereinigten Staaten ein bedeutender Historiker werden zu können, mag die Antwort wissen. Ich weiß sie nicht."

Eine junge Lyrikerin in München

In der ersten Nummer der Münchner Neuen Zeitung (damals unter dem Feuilletonchef Erich Kästner) wurde 1945 Dagmar Nicks erstes Gedicht mit dem Titel "Flucht" publiziert, das der 19jährigen deutschlandweit Aufmerksamkeit eintrug.

"Weiter. Weiter. Drüben schreit ein Kind.
Laß es liegen, es ist halb zerrissen.
Häuser schwanken müde wie Kulissen
durch den Wind.
Irgendjemand legt mir seine Hand
in die meine, zieht mich fort und zittert.
Sein Gesicht ist wie Papier zerknittert,
unbekannt.
Ob Du auch so um dein Leben bangst?
Alles andre ist schon fortgegeben.
Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben,
nur noch Angst."

Dagmar Nick: Flucht

Ihr erster Lyrikband "Märtyrer" wurde drei Jahre später mit dem Liliencron-Preis der Stadt Hamburg ausgezeichnet. Seitdem hat die Münchnerin kontinuierlich lyrische Werke veröffentlicht, ab den 50er Jahren auch Hörspiele und Erzählungen. Ihr zuletzt erschienener Gedichtzyklus "Abtrünniges Herz" erschien 2018 im Babel Verlag. In den 1960er Jahren verbrachte sie vier Jahre in Israel – diesen Aufenthalt verarbeitete sie in ihrem Werk "Einladung nach Israel". 1968 entstand eine Dokumentation "Israel – gestern und heute".

Dagmar Nick im Studio des BR mit radioTexte-Redakteur Antonio Pellegrino (2015)

Nach Erkundungen einiger Mittelmeerinseln hielt Dagmar Nick ihre Eindrücke in poetischen Reisebüchern fest, beispielsweise in "Einladung nach Rhodos" (1967), "Sizilien" (1976), "Götterinsel der Ägäis (1981) oder in "Rhodos, erinnert" (2007). Mit ihrer Heimatstadt Breslau beschäftigte sich Dagmar Nick 1998 in dem Band "Jüdisches Wirken in Breslau. Eingeholte Erinnerung".
Nick ist Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Zu den Auszeichnungen, die sie erhielt, gehören u. a. der Eichendorff-Preis, der Tukan-Preis, der Andreas-Gryphius-Preis, der Bayerische Verdienstorden, der Horst-Bienek-Preis für Lyrik sowie Pro meritis scientiae et litterarum (2020).
Im Auftrag der Monacensia ist vor Kurzem ein filmisches Porträt über die bis heute inspirierende Schriftstellerin Dagmar Nick entstanden, auf youtube verfügbar, ein Vergnügen: "Dagmar Nick: Gedichte kommen oder kommen nicht...".

Dagmar Nick
"Eingefangene Schatten.
Mein jüdisches Familienbuch"
erschienen im Verlag C.H.Beck


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