"Wie ich meine Zeitung verlor" von Birk Meinhardt Was falsch läuft im Journalismus

Ein Buch, das Streit provoziert. Der preisgekrönte Reporter und Romancier Birk Meinhardt schildert in "Wie ich meine Zeitung verlor", warum er der Süddeutschen Zeitung den Rücken kehrte.

Von: Knut Cordsen

Stand: 28.06.2020

birk meinhardt porträt | Bild: Frank May/dpa

144 Seiten, mehr braucht Birk Meinhardt nicht für diese Geschichte, die seine ist und zugleich unser aller Geschichte. Es geht darin um das, was derzeit falsch läuft im Journalismus und warum gerade Medien, die doch beanspruchen, Mittler der Wirklichkeit zu sein, zu oft "Weglasser" und Ausblender derselben sind und deshalb fatalerweise "selber einen gehörigen Beitrag leisten zur Radikalisierung, die sich vor unseren Augen vollzieht. Wieso begreifen sie nicht, daß sie ohne Unterlaß mit erzeugen, was sie so dröhnend verdammen?"

So fragt nicht irgendwer, sondern ein zweifacher Egon-Erwin-Kisch-Preisträger, ein einstiges Aushängeschild der Süddeutschen Zeitung, der Seite-3-Reporter Birk Meinhardt. Er schreibt nicht mehr für dieses Blatt, er schreibt nun über dieses Blatt und über das, was ihm widerfahren ist in dieser Redaktion. "Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrebuch" (Das Neue Berlin, 15 Euro) nennt es Birk Meinhardt, der 1959 in der DDR zur Welt kam und kurz nach der Wende 1992 bei der SZ anfing.

Am Telefon sagt Meinhardt: Hätte Peter Handke diesen "genialen Titel" nicht schon besetzt, könnte es auch "Ein kurzer Brief zum langen Abschied" heißen: "Es ist ein trauriges Buch, aber es ist auch etwas Unabdingbares. Ich dachte, in diesem 'Laden' – das sage ich jetzt nicht despektierlich, sondern freundlich und rückwirkend glücklich – in diesem Laden mit dem so vielfältigen Angebot wird dir das überhaupt nicht passieren. Du wirst nicht in die Lage kommen, das ist hier das journalistische Paradies. Und das war’s auch einige Zeit. Wenn sich das aber ändert, dann muss man schon bei sich bleiben, zumal wenn man solche Erfahrungen wie ich gemacht hat. Alles andere wäre schofelig sich selber gegenüber."

Drei nie veröffentlichte Reportagen

Es war ein langer Prozess der Trennung. Tatsächlich fand sie endgültig erst 2017 statt – im Streit um einen Text, den die SZ so nicht drucken wollte. Es war nicht der erste, der nicht veröffentlicht wurde. 2004 bereits, Jahre vor der Finanzkrise, war eine lange und im Rückblick nachgerade seherische Geschichte über die katastrophalen Folgen des Investment-Bankings bei der Deutschen Bank nicht erschienen, weil das Wirtschaftsressort der SZ interveniert hatte. 2010 dann das nächste Veto – bei einer Reportage über zwei zu Unrecht verurteilte Rechtsextreme im Osten Deutschlands.

Birk Meinhardt kommt aus dem Osten, und er hat noch gut im Ohr, mit welcher Begründung man damals bei der FDJ-Zeitung, für die er als Sportreporter schrieb, missliebige Artikel ablehnte: Das könnte dem Klassenfeind in die Hände spielen. Bei der SZ hieß es hingegen: Dieser Artikel könnte "von Rechten als Testat dafür genommen werden, dass sie ungerechtfertigterweise verfolgt würden", er könnte von ihnen für ihre Zwecke genutzt werden. Meinhardt druckt den inkriminierten Text so wie auch die beiden anderen nie publizierten Reportagen im Buch vollständig ab – so dass jeder sich selbst ein Bild von ihnen machen kann. Unverständlich, warum sie nie in die Zeitung fanden.

Vielleicht, sagt einem der Autor am Telefon, weil unser "Denkgebäude" zu festgefügt, das Weltbild zementiert und nicht mehr irritierbar sei. Weil bereits das Bemühen um Differenzierung "als Verharmlosung abqualifiziert" werde. Weil 'Haltung' heute alles sei und mehr gelte als Hinhören, vorschnelle Reflexe sorgsame Recherchen infrage stellten.

"Moment, Haltung? Das nehme ich zurück. Es ist ja ganz falsch, von Haltung zu reden. Wenn’s eine Haltung wäre, was Selbstdurchdachtes und Selbsterarbeitetes, was vielleicht unter Mühen Erworbenes, was Eigenständiges, würden doch von den Individuen so große Teile der Realität nicht so gemeinschaftlich, so geschlossen, so uniform ausgeblendet werden; so identisch zeigen sich eigentlich nur Späne, die sich nach dem Magneten ausrichten, heiliger Journalismus, und wenn der Magnet, aus welchen Gründen auch immer, seine Lage verändert, folgen die Späne wieder, sie folgen."

Birk Meinhardt

Mitschuld der Medien am Lagerdenken

Journalisten und Journalistinnen reden und schreiben viel über Spaltung und Polarisierung, sagt Birk Meinhardt, ohne zu sehen, dass sie selbst Teil des Problems seien: "Der Journalismus trägt meines Erachtens eine Riesenschuld an der Verhärtung der Fronten, die er selber beklagt. Er bringt sie maßgeblich mit hervor und er beklagt sie danach." Meinhardt macht es deutlich an einem unscheinbaren Satz, der einmal in der Süddeutschen gestanden hat: "Da hieß es: Wir sollten schon mit den Ausgescherten, also mit den Populisten, den Wütenden, all denen, zu denen wir nicht mehr dringen, reden, auch wenn es fast sicher ist, dass wir sie nicht werden überzeugen können. Das ist ein scheinbar banaler Satz. Wenn man ihn aber einmal hin- und herwendet, dann ist eine ungeheure Anmaßung darin enthalten: die Anmaßung, wir, die Journalisten, könnten und müssten die Leute von etwas überzeugen, auch wenn uns das nicht gelingen wird. Und was auch darin steckt: Wir müssen nicht überzeugt werden. Wir wollen von der Gegenseite gar nichts empfangen."

Ein Missverständnis der eigenen Rolle, das fatale Folgen habe, findet Meinhardt: "Das ist Hervorbringung von Lagerdenken, denn die andere Seite merkt das natürlich, wenn Reden eigentlich gar nicht um des wirklichen Erfahrens willen geschieht, sondern wenn Reden zu einer Parole verkommt: Lass uns reden, aber wir erwarten nichts von euch – ja, dann brauche ich auch nicht reden. Wenn ich mit jemandem rede, möchte ich durchaus auch Argumente hören, an denen ich mich reibe und die mir vielleicht weiterhelfen. Die nicht meine Argumente sind, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte, die aber Argumente sind. Dafür muss ich erstmal zulassen, dass die andere Seite vielleicht nicht nur wütend ist, sondern auch Argumente haben könnte."

Ein Appell, keine Abrechnung

"Was ihr 'Moral' nennt, das ist für mich Krampf ... Eure Ideale habt ihr diskret verschlampt wie ein gebrauchtes Tempotuch", heißt es in einem alten Lied von BAP - Meinhardt zitiert es in seinem klugen kleinen Buch, das nie selbstgerecht anklagt, sondern selbstkritisch ist und sich als "Selbstbefragung" versteht. Es erzählt in ruhigen Worten von einer "Desillusionierung". "Nüchtern sein und Mißtrauen üben, das sind des Geistes Gelenke", diesen Satz des Epicharmos hat sich schon Peter Handke zum Wahlspruch in seinen Aufzeichnungen "Am Felsfenster morgens" gemacht. Birk Meinhardt ruft ihn am Telefon am Ende eines langen Gesprächs in Erinnerung. Dass das mit der Nüchternheit auch für ihn ein nicht immer erreichbares Ideal ist, illustriert die Tatsache, dass er von seiner "stillen Raserei gegen die Zeitung" schreibt. Dennoch täte man gut daran, sein Buch gerade nicht als Abrechnung zu lesen, sondern als Appell an uns alle.

Stellungnahme der Süddeutschen Zeitung

Wir haben die Süddeutsche Zeitung um eine Stellungnahme zu den Anwürfen gebeten. Die lehnt die Darstellung von Birk Meinhardt entschieden ab, wie Chefredakteur Wolfgang Krach dargelegt: „Die Anschuldigungen, die in dem Buch erhoben werden, sind irreführend und nicht zutreffend. Sie lassen sich im Übrigen leicht widerlegen. Wer die SZ in den vergangenen Jahren gelesen hat, wird feststellen, dass wir regelmäßig – auch auf der Seite Drei – etwa über Probleme mit Flüchtlingen oder Migranten geschrieben haben. Ebenso haben wir mehrmals und ausführlich über den Drohnenkrieg der Amerikaner vom US-Stützpunkt Ramstein aus berichtet, sowie in zig Geschichten über fragwürdige Geschäftspraktiken der Deutschen Bank und strafrechtliche Ermittlungen gegen diese. Sofern in dem Buch also der Eindruck erweckt wird, die SZ scheue sich, über diese Themen zu schreiben, ist das abwegig.

Dass Autoren Geschichten zur Überarbeitung zurückerhalten, wie das Herrn Meinhardt immer wieder passiert ist, gehört bei der SZ zum redaktionellen Alltag. Dies hat journalistische Gründe, sie haben nichts mit der Haltung des Autors oder dem Tenor des jeweiligen Textes zu tun.

Dies gilt auch für das Stück über den in erster Instanz verurteilten und später vom Landgericht Frankfurt/Oder freigesprochenen Rechtsextremisten 'Gerald'. Was den Ablauf der hier behandelten Tat angeht, sind zwei Gerichte zu völlig unterschiedlichen Feststellungen gekommen. Der Text von Birk Meinhardt macht sich ohne Einschränkung eine Variante zu eigen – jene, die das zweite Gericht für richtig befunden hat. Er schildert den Tatablauf so, als sei er dabei gewesen. Das war er aber nicht. An vielen Stellen bleibt unklar, wer die Quelle für eine bestimmte Aussage ist. Meinhardt gibt sogar Dialoge aus der Tatnacht wörtlich wider, deren Zeuge er nicht gewesen sein kann. Auch dies ohne Angaben von Quellen. Ein solches Vorgehen ist mit den journalistischen Standards der SZ nicht vereinbar.“

Eine Erwiderung Birk Meinhardts auf die Stellungnahme der SZ

Birk Meinhardt kommentiert die Stellungnahme von Krach so: "Vorab: Das Buch ist eine Selbstbefragung, die eher leise Wiedergabe eines langen Entfremdungsprozesses zwischen mir und der Zeitung. Es gehört nicht auf eine Ebene, auf der die SZ haltlose Anwürfe erhebt, die von mir eine allzu kleinteilige Aufklärung erfordern; am Ende ist der Leser nur verwirrt. Um also bloß das Nötigste zu sagen: Der jetzige Chefredakteur suggeriert im Fall des zu unrecht verurteilten Gerald, es habe sich um gleichrangige Gerichtsprozesse gehandelt, dabei war das eine ein erstinstanzliches und das andere ein Wiederaufnahmeverfahren. Offenbar weiß Herr Krach nicht um den gravierenden Unterschied. Zu Wiederaufnahmen kommt es nur in absoluten Ausnahmefällen. Ich empfehle ihm zum Nachprüfen Paragraph 359 Nr. 5 StPO, dort ist detailliert aufgeführt, welche Bedingungen dafür erfüllt sein müssen. Ich verweise auch auf Seite 53 meines Buches: Es war, nach Auskunft des Justizministeriums, das erste Verfahren dieser Art überhaupt in Brandenburg – nach 2200 abgelehnten Anträgen. Und das hätte ich mir nicht zu eigen machen sollen? Stattdessen den vorherigen Schuldspruch, der auf einer ganz unzureichenden Beweislage gefällt worden war?

Weiter. Anders als von Herrn Krach behauptet, ist meine Schilderung der Tatnacht eine vollkommen quellengestützte. Berichtet haben mir, wie aus diversen Zitaten ersichtlich, Geralds Anwalt und Geralds Mutter, hinzu kamen Aussagen des Richters sowie umfassende Informationen aus den Akten. Allen Gesprächspartnern, die es wünschten, habe ich die von mir verwendeten Zitate zur Prüfung vorgelegt, alle sind abgesegnet worden. Nun zum für mich wichtigsten Punkt: Seine Behauptungen ließ sich der Chefredakteur, der so schön von journalistischen Standards redet, jetzt erst einfallen, ungeachtet dessen formuliert er sie so, als wären dies vor zehn Jahren die Gründe für die Ablehnung meines Textes gewesen. Aber niemand erhob damals solche Vorwürfe. Man lese das Buch, Seite 64 ff., hier sind die tatsächlichen Auseinandersetzungen mit vielen Belegen lückenlos dokumentiert. Der Inhalt war es, der mißfiel, nichts anderes.

Und noch etwas in diesem Zusammenhang: In all den Jahren als Reporter wurde ich in der Redaktion nicht ein einziges Mal einer unsauberen Seite-3-Recherche oder einer sonstigen Unseriösität bezichtigt, es gab dafür schlicht keinen Grund. Jetzt aber, just zu der Zeit, da mein Buch herausgekommen ist und auf mehr und mehr Interesse stößt, werden, siehe oben, solche Diffamierungen in die Welt gesetzt, nach dem Motto, etwas wird schon hängenbleiben an dem Kerl. Man folgt da leider einem mittlerweile schon eingeschliffenen Reflex. Man versucht, denjenigen, der sachliche Kritik äußert, als Person zu diskreditieren und auf diese Weise einer gewiß schmerzvollen Beschäftigung mit den eigentlichen Inhalten auszuweichen. Mehr nicht von meiner Seite. Am Zug ist der Leser: Er kann – und wird – das Buch und die obigen Chefredakteurs-Äußerungen nebeneinanderlegen und sich selbst ein Urteil bilden."