Ein Ersatzprogramm voller Wagner-Opern Legendäre Bayreuther Inszenierungen jetzt online

Im Terminkalender aller Wagnerianer klafft ein großes Loch, denn die diesjährigen Bayreuther Festspiele fallen aus. Trotzdem kommen Fans auf ihre Kosten – vor Ort und online.

Von: Peter Jungblut

Stand: 24.07.2020

Götterdämmerung Wagner Ring Bayreuth 2015 | Bild: © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Da werden in diesem Jahr wohl besonders viele Wagner-Pilger dem einstmals berühmten Tenor René Kollo nacheifern. Der kommt schon seit Jahren regelmäßig zu den Bayreuther Festspielen, besucht nach eigenen Worten aber schon lange keine Aufführungen mehr, angeblich aus Angst, eine Massenflucht auszulösen, wenn er vorzeitig geht. Diese Gefahr besteht bei ihm unbedingt, denn das, was in Bayreuth auf der Bühne stattfindet, hält Kollo schon geraume Zeit nicht mehr für Musiktheater, sondern für eine Frechheit, um nicht das von ihm eigentlich gebrauchte, derbere Wort zu zitieren. Also sitzt der inzwischen 82-jährige statt im Festspielhaus lieber im Restaurant, genießt den Pausentrubel, hält Hof und plaudert mit Weggefährten und Fans über die guten, alten Zeiten. Die Premiere fehlt ihm garantiert nicht, und so werden es wohl auch einige andere Traditionalisten sehen, die trotz der Absage der Festspiele schon im März unverdrossen anreisen werden, um vor Ort auf moderne Inszenierungen zu schimpfen, Neuigkeiten auszutauschen, dem großen Richard an dessen Grab die Ehre zu erweisen, die Villa Wahnfried zu beehren, kurz und gut, das Einzige zu genießen, das Bayreuth wirklich unvergleichlich macht – die Aura des Ortes.

Fachsimpeln geht auch ohne Premieren

Gut, das Restaurant bleibt in diesem Sommer natürlich geschlossen, aber immerhin will die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth vor ihrem Büro direkt neben dem Festspielhaus für alle Fans und Mitglieder eine Art Empfangstresen aufstellen. Bänke stehen auf dem Gelände und im Park auch zur Verfügung, im gehörigen Abstand spricht also nichts gegen ein paar Stunden Fachsimpelei mit anschließendem gemütlichen Beisammensein in einem der in dieser Saison verwaisten Bayreuther Restaurants. Drinnen, auf der Bühne, wird übrigens durchaus gearbeitet, zwar ohne Sänger, aber immerhin: Für den kommenden "Ring des Nibelungen" muss die Ausstattung aufgebaut und technisch eingerichtet werden. Wagners vierteiliges Riesenwerk sollte ja eigentlich in dieser Saison neu inszeniert werden, doch dann hätten die Proben bereits im April beginnen müssen – bei den Reisewarnungen und Quarantäne-Maßnahmen völlig undenkbar. Also wurde alles vorsichtshalber gleich auf 2022 verschoben, zunächst, denn ob das klappt, ist durchaus fraglich. Niemand weiß derzeit, ob die nächste Saison stattfinden kann und falls die auch ausfallen muss, was das für weitergehende Folgen für den Spielplan haben wird.

Das Kostendrama

Obendrein muss das Festspielhaus umfassend saniert werden, angeblich soll das zwischen den jeweiligen Spielzeiten geschehen – ein ehrgeiziges Vorhaben, an dem es unter Bayreuth-Insidern erhebliche Zweifel gibt. Wie übrigens auch an den offiziell ausgerufenen Baukosten von derzeit rund 100 Millionen Euro. Würde sich diese Summe verdoppeln oder verdreifachen, wäre vermutlich kaum jemand wirklich schockiert. Die Kostenexplosionen bei Theatersanierungen landauf, landab sind längst alltäglich, wie aktuell in Augsburg.

Bayreuth macht in jeder Hinsicht ein sprichwörtliches „annus horribilis“ durch, nicht nur wegen dem Sanierungsstau und der Pandemie: Der durchaus umstrittene Geschäftsführer Holger von Berg, dem Beschäftigte einen "rüden Umgangston" vorwerfen, verlässt den Hügel im kommenden März und war dort nie so recht heimisch. Wer auch immer ihm nachfolgt, muss finanziell und personell schwierigste Entscheidungen treffen und für ein einigermaßen entspanntes Miteinander sorgen. Rund fünfzig Bewerber für die Nachfolge haben sich von dieser Herausforderung offensichtlich nicht abschrecken lassen. Der zuständige Verwaltungsrat wird bis Oktober entscheiden, welche Person in Frage kommt. Auf jeden Fall muss er oder sie mit Katharina Wagner klarkommen, der derzeit noch abwesenden Festspielchefin, die beileibe nicht nur Fans hat. Dem Vernehmen nach ist sie nach ihrer plötzlichen schweren Erkrankung im vergangenen April inzwischen in Reha und drängt darauf, wieder zu arbeiten. Wie belastbar sie tatsächlich sein wird, kann niemand wissen.

Kommt Katharina Wagner wieder?

Ihr Job wurde jedenfalls unter der Hand von einflussreichen Bayreuth-Machthabern schon einem prominenten Regisseur angeboten. Inzwischen soll Wagner nach längerem Zögern wegen einiger unliebsamer Details allerdings ihre Vertragsverlängerung bis 2025 unterschrieben haben. Ein Jahr später wäre eigentlich ein "Jubiläums-Ring" fällig, zum 150. Geburtstag der Festspiele, dafür war Katharina Wagner als Regisseurin im Gespräch – ein Zeitplan, der wohl auch Makulatur ist. Der bisher geltende Grundsatz, dass Bayreuth nur von einem Mitglied der Familie Wagner regiert werden kann, um die Kontinuität zu sichern, um das Alleinstellungsmerkmal der "Weihestätte" nicht zu gefährden, dieser Grundsatz gilt nicht mehr, wie kundige Stimmen aus den Aufsichtsgremien versichern.

Lohengrin open air

Viele Spekulationen, die Wagner-Fans auf Trab halten. Vor Ort können sie in diesem Jahr nur am 25.7. sowie am 1. und 2. August andächtig dem Werk des Meisters lauschen. In der Bayreuther Wilhelminenaue wollen sich Tenor Klaus Florian Vogt und Sopranistin Camilla Nylund auf der dortigen Seebühne Höhepunkten aus dem "Lohengrin" widmen, open air und viel Platz für die Zuschauer.

Wer das Wetterrisiko scheut oder sowieso nicht anreisen kann, der ist mit dem umfangreichen Wagner-Programm von BR Klassik, ARD-alpha und 3sat bestens bedient. Erstmals sind nacheinander drei "Ringe" zu erleben, Frank Castorfs bei der Premiere wüst beschimpfte Version von 2013, Harry Kupfers gediegene, aber inzwischen etwas betulich wirkende Fassung von 1988 und der "Jahrhundert-Ring" von Patrice Chéreau von 1976, auch er zunächst angefeindet, später jedoch hymnisch gefeiert – übrigens mit René Kollo als fulminantem Siegfried. Hier geht es zum Online-Spielplan.

Es wird sich erweisen, ob der neue "Ring" 2022 den Vergleich mit diesen Wegmarken aushält. Angeblich plant der erst 31-jährige österreichische Regisseur Valentin Schwarz, seine Inszenierung in der Gebärmutter beginnen zu lassen, mit dem Bösewicht Alberich und dem Göttervater Wotan als Zwillingspaar, das auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist. Die bisherigen Regie-Arbeiten von Schwarz überzeugten das Publikum nicht, die Kritiker nur teilweise. Da war viel pubertäre Provokation im Spiel, vor allem bei seiner Deutung von Jacques Offenbachs "Banditen" in der Dresdener Staatsoperette. Holperig fiel auch die "Turandot" in Darmstadt aus, wobei das auch an technischen Mängeln lag. Als Dirigent ist 2022 der Finne Pietari Inkinen (40) vorgesehen, ein bislang nicht sonderlich profilierter Wagner-Interpret. Das heißt, der neue "Ring" wird entweder genial oder eine Katastrophe, dazwischen ist wenig vorstellbar.

Bis sich dieses Rätsel löst, können Wagner-Fans erst mal ab 25. Juli auf BR Klassik dem letzten "Ring" lauschen, den der unfassbar kraftvolle Kirill Petrenko dirigiert hat. So umstritten, wie die Bilder von Frank Castorf und dessen Ausstatter Aleksandar Denic waren, so einmütig wurde die musikalische Seite gefeiert. Warum? Weil Petrenko buchstäblich "ganz von vorn" anfing, die monumentale Partitur radikal neu dachte und zu Gehör brachte. Wer von Wagner wilde Ekstase und dunstiges Mythen-Gewaber erwartet, kommt da vermutlich nicht auf seine Kosten, wer jedoch Transparenz schätzt, Deutlichkeit und Struktur, der wird beglückende Erfahrungen machen. Gerade Hörer, die den "Ring" in- und auswendig kennen, dürften viele Aha-Erlebnisse haben, zu ihrer eigenen Verblüffung. So wird deutlich, wie sehr Wagner von seinen Vorbildern lernte, sei es Albert Lortzing, Carl Maria von Weber, Felix Mendelssohn-Bartholdy oder Giacomo Meyerbeer. Besonders komödiantisch ist Petrenko zwar nicht, was ihm vor allem im "Siegfried" fehlt, dafür ist er ein unvergleichlicher Menschenkenner und gibt allen Mitwirkenden musikalisch Charakter, Tiefe, Profil.

Auch ohne Festspiele vor Ort ist Bayreuth also allemal Thema – und wetten, dass es in den nächsten Wochen auch ganz ohne Sänger-Affären Schlagzeilen macht? Richard Wagner war eben alles andere als ein Leisetreter.