Fotoaustellung in Erlangen Barbara Klemms deutsch-deutsches Foto-Gedächtnis

Wenn in den letzten 50 Jahren deutsch-deutsche Geschichte geschrieben wurde, war sie mit ihrer Kamera meistens dabei: die Pressefotografin Barbara Klemm. Ihr Werk, das nun in einer Ausstellung im Stadtmuseum Erlangen gezeigt wird, enthält einiges an Unbekanntem.

Stand: 12.11.2021

Eines ihrer vielen Fotos, die sich ins deutsch-deutsche Geschichtsgedächtnis eingeprägt haben, zeigt eine Reihe von jungen Menschen, die Schulter an Schulter auf der Berliner Mauer sitzen – im Jahr 1989. Eine Schülerin strahlt einen Grenzpolizisten unten an der Mauer an, reicht ihm einen Stift, will ein Autogramm. Die Frau heißt Maria Laule und rührt sich mehr als 30 Jahre später beim Stadtmuseum Erlangen.

Sie hat sich auf dem Bild wiedererkannt. Neben ihr saß damals Barbara Klemm. "Wir sind in die Schule gekommen und da war das Gespräch, dass die Mauer auf sei und dann ist die Klasse hingelaufen und da war dann ordentlich Trubel. Und es war eine Leichtigkeit und Fröhlichkeit auf der Mauer", erzählt Maria Laule. Barbara Klemm hat die Begeisterung der Jugendlichen damals mit ihrem Bild für die Nachwelt konserviert.

Begeisterung in schwarz-weiß

Nicht oft sprechen Protagonisten aus einem Bild über die Künstlerin. Dafür sprechen die 110 Fotos, die jetzt auf zwei Etagen im Erlanger Stadtmuseum in hellbraunen Holzrahmen hängen, für sich. Etwa der berühmte, innige Bruderkuss zwischen Honecker und Breschnew, der im Hintergrund vom Politbüro, Männern im dunkeln Anzug, beklatscht wird. Daneben hängt ein verschwommen euphorisches Bild vom Tag der deutschen Wiedervereinigung. Junge Menschen schwenken im Gegenlicht von Feuerwerk Deutschland-Fahnen. Alle Fotos eint: selbst die größte Begeisterung wird in schwarz-weiß festgehalten. Das ist eines der Markenzeichen von Barbara Klemm, erzählt Andreas Thum. Er hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter maßgeblich an der Ausstellung mitgearbeitet.

"Sie hat immer betont: schwarz-weiß ist Farbe genug, weil das den Bildern eine Art Zeitlosigkeit verleiht. Und ihre große Kunst als Pressefotografin war ja immer auch, im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu sein und auf den Auslöser zu drücken."

Andreas Thum, wissenschaftlicher Mitarbeiter Stadtmuseum Erlangen

Manchmal brauchte sie Tricks

Fotografin Barbara Klemm

Barbara Klemm hatte in ihren vielen Jahren als Pressefotografin oft den richtigen Riecher für das besondere Motiv und auch viel Glück. Nur so entstand etwa eines ihrer berühmtesten Bilder: Der frühere Kanzler Willy Brand sitzt im Jahr 1973 mit bedeutungsschwerem Blick im Hinterzimmer der Macht, umringt von Politikern, die auf ihn einreden, Knie an Knie mit dem sowjetischen Generalsekretär der KPdSU Breschnew. Fast wäre es zu diesem Schuss nicht gekommen, erzählt die Fotografin im Audioguide zur Ausstellung.

"Ich hab gesagt, da will ich hin, wusste aber nicht, dass man Poolkarten braucht, um überhaupt zu den Personen hinzukommen. Da hab ich es geschafft, mit einem kleinen Trick, dass ich in einer ganz kleinen Gruppe war. Wir waren zu viert."

Barbara Klemm, Fotografin

An den Fersen von Andy Warhol

Hier, wie so oft, war Barbara Klemm die einzige Pressefotografin im Raum. Mit ihrer Kamera hielt sie nicht nur deutsch-deutsche Geschichte fest. Sie war auch viel auf Reisen, immer im Auftrag ihrer jeweiligen Zeitung, lichtete Berühmtheiten und normale Menschen ab. Im ersten Stock des Stadtmuseums in Erlangen hängt ein Bild von Andy Warhol. Was auffällt, Warhol wirkt etwas überrascht. Tatsächlich war er nicht auf dieses Foto oder die Fotografin dazu eingestellt. "Da war sie in Frankfurt im Museum und dachte sich, aha, der Besucher kommt mir bekannt vor, das könnte Andy Warhol sein", erzählt Andreas Thum. "Dann hat sie sich an seine Fersen geheftet. Und das ist nur durch Zufall gelungen und weil sie ihre Kamera immer dabei hatte." Das hat sie immer noch – mit über 80 Jahren.

Blumentöpfe für Gerhard Schröder

Wolf Biermann 1976 in Köln

Das Fotografische Vermächtnis von Barbara Klemm ist eindrucksvoll und abgeschlossen. Bilder, die immer mehr zeigen als das, was eigentlich zu sehen ist. Etwa Gerhard Schröder, der in der Wahlnacht 1998 ekstatisch auf einer Bühne die Arme nach oben reißt. Damals gewann er gegen Kohl. Auf dem Foto wirkt er wie ein Star, der das Scheinwerferlicht liebt. Für dieses Bild habe sie einige Blumentöpfe überrannt, scherzt die Fotografin. Es war es wieder wert.

Die Ausstellung "Barbara Klemm. Fotografien 1967 – 2019" im Stadtmuseum Erlangen läuft bis zum 16. Januar 2022.