Odyssee im Kulturweltraum #6 Die neue Stadt: Boden für alle und Verzicht auf Beton

Kommunaler Boden im Allgemeinbesitz, Verabschiedung des Großraumbüros, Bauen ohne Beton: Die Spekulationen von Moritz Holfelder über Architektur und Stadtplanung im Jahr 2021 machen Hoffnung.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 28.12.2020 | Archiv

Haus aus Gras auf grauem Grund | Bild: picture alliance / Westend61 | HuberStarke

Alles ist plötzlich anders. Was zuvor utopisch erschien, wurde in der ersten Jahreshälfte 2021 während des Lockdowns bis Ende April real. Den scheinbaren Corona-Stillstand nutzten viele Akteurinnen und Akteure der Stadtplanung und der Architektur als Zeit des Nachdenkens. Nach drei Online-Symposien handelten sie und konnten die Politik überzeugen, endlich im Sinne eines neuen Bodenrechts aktiv zu werden. Bereits vor der Sommerpause wurde die entsprechende Gesetzesvorlage vom Parlament verabschiedet. Der kommunale Boden in den großen Metropolen Deutschlands ist jetzt im Allgemeinbesitz und kann nur noch im Erbbaurecht vergeben werden. Dem gnadenlosen Immobilienhandel ist damit ein Riegel vorgeschoben – die Schaffung neuen Wohnraums als Gemeinwohl beschlossen. Grundstückspreise und Mieten sinken. Wesentlich beteiligt war an diesem Immobilienwunder Christiane Thalgott, ehemalige Münchner Stadtbaurätin und schon lange Kämpferin für diesen Wandel: "Wir sind der Meinung, dass es nicht angeht, dass Boden zu maximalen Preisen am internationalen Immobilienmarkt gehandelt wird. Wir fordern auch Eingriffsmöglichkeit in vorhandenes Bodenrecht. Wenn alle Boden nicht mehr privatisieren, dann bleibt er im Eigentum der öffentlichen Hand."

Home-Office statt Büroturm

Die Planungen für neue Bürotürme in München, Frankfurt, Düsseldorf und Berlin wurden im Frühjahr 2021 fürs erste begraben sowie aktuelle Bauvorhaben gestoppt. Da viele Unternehmen sich entschieden haben, lieber ins Home-Office zu investieren und die Idee des Großraumbüros aufgrund der Hygiene- und Abstandsregeln ad acta zu legen, stehen Firmensitze und Geschäftsimmobilien sowieso schon fast leer. Manche Gebäude und Grundstücke wurden wegen hoher Unterhaltskosten zu günstigen Preisen bereits an Genossenschaften vergeben. Die arbeiten nun in Selbstverwaltung an der Umwandlung in soziale Wohnprojekte gemischt mit Kulturnutzungen. Dafür soll das komplizierte deutsche Baurecht reformiert werden, das Architekten wie Volker Staab schon lange als überzogen und (in den vielen Normen) nicht praxisgerecht kritisierten: "Man hat das Gefühl, die Leute meinen immer, hinter diesen Normen kann man sich so schön sicher verstecken. Wenn ich alle Normen eingehalten habe, so der Glaube, kann mir niemand was anhaben und die Welt ist sicher. Aber die Welt wird so nicht sicher, sondern sie wird einfach nur unlösbar."

Nachhaltigkeit und Maßhalten

Die Zeit der Stararchitekten scheint endgültig vorbei. Bei der Architekturbiennale in Venedig wurde ein neues Zeitalter der Nachhaltigkeit und Maßstäblichkeit ausgerufen. Architektur, so hieß es, müsse umweltverträglicher werden und solle verstärkt dazu beitragen, soziale Schranken zu überwinden. In einer Stellungnahme internationaler Architekten und Architektinnen beschloss man, die Verwendung von Beton bis 2025 um die Hälfte zu reduzieren, da die Herstellung des Baustoffes weltweit zu fünf bis zehn Prozent des CO2-Ausstoßes beiträgt.

Pritzker Preis an Anna Heringer

Dazu passte auch, dass die bayerische Lehmbauarchitektin Anna Heringer aus Laufen im Salzburger Land im Mai mit dem Pritzker Preis ausgezeichnet wurde, der international wichtigsten Ehrung für Architektur, vergleichbar den Nobelpreisen. Den renommierten Aga Khan Award for Architecture hatte sie vor ein paar Jahre bereits erhalten. Aktuell baut die Honorarprofessorin des UNESCO-Lehrstuhls für Irdene Architektur ein Nachhaltigkeitszentrum in Traunstein. Im Verzicht auf Beton sieht sie die große Chance für unsere Zukunft und das Klima: "Es ist an unserer Generation an Architektinnen und Architekten dieses Thema jetzt voll anzugehen. Der Beton ist für mich natürlich ein Material, das viel zu viel verwendet wird. Mein „Fridays for Future“ Schild, das ich mit mir herum trage das heißt 'less concrete more earth'. Der Beton ist ein tolles Material für Fundamente, aber er wird einfach in einem Übermaß verwendet, das schädlich ist."

Die kulturWelt, das aktuelle Feuilleton auf Bayern 2, begibt sich in einer kleinen Serie auf eine "Odyssee im Kulturweltraum", übt sich im Futur II - und malt sich jetzt schon mal aus, wie 2021 für die Kultur so gewesen sein wird.