Es war einmal ein Hexenhäusl... Das "Gans Woanders" – ein märchenhafter Kulturort

Mit Nachbarn und Spenden durch die Krise: Das alte Hexenhäusl von München-Giesing steht als "Kulturcafé Gans Woanders" kurz vor der Eröffnung. Wir durften schon mal spähen.

Von: Flora Roenneberg

Stand: 04.08.2020 | Archiv

Das Hexenhäusl in Giesing wird zum "Gans woanders" | Bild: Stefan Dorner/BR

Die Kreuzung der Pilgersheimerstraße in Giesing ist alles andere als ein Märchen. Autos rauschen vorbei, graue Betongebäude reihen sich aneinander, grölende Betrunkene lärmen auf der Straße, Parkplätze und Müllcontainer sammeln sich unter den Bahngleisen, darüber ist das abwechselnde Rattern und Rauschen eines Zuges zu hören.

Und dennoch ist gerade hier ein märchenhafter Ort entstanden: das Hexenhaus aka Kulturcafé Gans Woander". Ein spitzes Holzhaus steht nun hier, umringt von Bäumen, mit vielen Balkons und einer Terrasse, einer einladenden Holzbühne, Wendeltreppen und zahlreichen verwunschenen Winkeln.

Erst Blumenladen, dann Kiosk, jetzt Kulturcafé

Julian Hahn, Florian Jund, und Philipp Behringer haben mit diesem Projekt eine kleine Traumwelt erschaffen, in der man Stress, Sorgen und Konflikte des Alltags vergessen soll. Ein Ort der Begegnung für alle Generationen. Ein Ort, an dem man einfach nur sein kann, und nichts muss. Noch nicht einmal ein Getränk bestellen. Eine Villa-Kunterbunt-hafte Oase, in der der Blick in die Wirklichkeit nur durch die schrägen Fenster im Zaun gelingt. Jedes Detail zeigt, wie viel Liebe und Arbeit in diesem Projekt steckt, alles ist selbstgebaut und verspielt gestaltet.

Facebook-Vorschau - es werden keine Daten von Facebook geladen.

Capriccio

München Marke Eigenbau: Das Hexenhaus "Gans Woanders" in GieisingGriabig schaut's aus, das Hexenhaus in Giesing. Am 13. August soll das neue Kulturcafé endlich eröffnen. 🎉 Noch mehr Infos gibt's auf der BR KulturBühne: https://br.de/s/4dkUM6fGepostet von Capriccio am Mittwoch, 5. August 2020

Einst stand hier ein Blumenladen, dann ein Kiosk, dann zogen die Jahrzehnte ins Land, und der graue Fleck an der Kreuzung blieb leer. Auch das Hexenhaus, das nun dort steht, wirkt wie ein vergessener Ort. Es hat die Atmosphäre einer verlassenen Kate im Wald. Alte Telefone, ein Bügeleisen, ein verwittertes und mit Moos bewachsenes Klavier im Kaminzimmer, durch die Terrasse hindurch wachsende große Bäume, kleine Pflanzen in den Wänden, all das lässt das Haus verwunschen erscheinen. Der neue, alte Ort setzt sich aus verschiedenen Elementen von Abrisshäusern der Stadt zusammen: Ziegelsteine aus dem Viehhof, alte Fenster in verschieden Größen von überall her, abgenutzte und von Nachbarn geschenkte Gegenstände. Der verwinkelte Ort mit feinsten Holzarbeiten und Festivalflair vermittelt ein Gefühl zwischen altem Bauernhaus und französischer Orangerie.

28.000 Euro Spenden zur Rettung

"Wir wollten mit diesem Projekt auch zeigen, was man selber bauen kann", sagt Julian Hahn. "Nämlich eigentlich alles!" Gebaut wurde alles von Hand, und entgegen jeder Wirtschaftlichkeit und jeglicher Norm ist das Hexenhaus schief und krumm, sogar um jeden Baum wurde herumgebaut. Die schiefen Giebel gerade schief zu bauen, war eine Herausforderung, vor allem für die Handwerker. Aber genau so soll es sein:

"Am Ende schaut es nur sympathisch aus, wenn es nicht perfekt ist", findet Julian Hahn. Die ganze Nachbarschaft packte mit an. Einige kamen täglich nach der Arbeit vorbei, um mitzubauen. Selbst die Farbe des Hauses wurde mitbestimmt. Beete und Pflanzen finden Patenschaften im Viertel. Die Unterstützung der Nachbarn zeigte sich deutlich in der Corona-Krise, als knapp 28.000 Euro gesammelt wurden, um das Projekt am Leben zu halten.

Es war ein langer Weg. Zwei Jahre hat es gedauert. Doch durch die Unterstützung der Stadt, der Lokalbaukommission, des Bezirkssauschusses, der Naturschutzbehörde und natürlich den Münchnern selbst, wurde ein Märchen Wirklichkeit. Ein Treffpunkt für das Viertel und für alle Generationen soll es sein. Ein Kulturcafé ohne Verzehrzwang. Denn hier soll es nicht um Konsum, sondern um Kultur gehen.

"Für mich persönlich ist Kultur, wenn Menschen zusammenkommen, Ideen austauschen, sich für einander begeistern. Sei das in einem Theaterstück, in einer Performance, in einer Show, in einem musikalischen Auftritt", sagt Julian Hahn. Dabei ist die Kleinkunstbühne das Herzstück des Hauses. Wie ein Amphitheater aus Holz ist hier eine doppelstöckige Bühne entstanden, die noch auf ein Trapezseil zum höchsten schiefen Giebel und Balkon des Hauses wartet. Ein Ort, der Kleinkünstler*innen den Raum gegeben soll, der sonst in München zu wenig Platz hat.

Die Gebrüder Hahn und München

Julian und sein Bruder Daniel Hann haben bereits mehrfach das Münchner Stadtbild auf den Kopf gestellt. Inspiriert von den Gebrüdern Löwenherz wollen sie die Stadt aufrütteln und Orte schaffen, an denen Leben entsteht und alles möglich scheint. Sei es ein Schiff, mitten in der Stadt, die "Alte Utting", ein wandelnder Zirkus, "Wannda", ein "Märchenbazar", U-Bahnwagen mit Kronleuchtern, der "Bahnwärter Thiel" oder Badewannen zum Sitzen beim "Gans am Wasser".

Überall erschufen sie mit Gemeinschaftsprojekten wundersame Orte der Kultur und planen sogar noch mehr. Sie wollen etwas schaffen, was es nicht gibt, was ihnen in ihrer Jugend fehlte, Ideen in die Tat umsetzen, bei denen jeder nur den Kopf schüttelt. Sie wollen Menschen zusammenbringen und begeistern. Dabei stellen sie sich gegen jegliche Normen und Schablonen, und dennoch, oder gerade deswegen, haben sie Rückenwind. Sie wollen Orte erschaffen, die Platz zum Träumen lassen, die ein buntes München zeigen, in dem Kultur überall möglich ist. Auch an diesem grauen Ort in Giesing.

Noch steht das Basilikum zwischen den Zementsäcken, der Pizzaofen ist leer, die Bühne still und die Baumterrasse blickt einsam auf die Kreuzung – doch die Eröffnung steht kurz bevor und man kann sich auf einen ganz besonderen neuen Kulturort in München freuen.

Das Kulturcafé Gans Woanders eröffnet voraussichtlich am Donnerstag, den 13.7.2020.