Kommentar Sind Journalisten einseitig?

Medienschaffende stünden eher links, behaupten einige Studien. Aber wie kommt es dann, dass linksliberale Journalisten die CDU-Kanzlerin loben? Ein Mittel zur Abhilfe: mehr Journalisten aus bildungsfernen Schichten.

Von: Peter Jungblut

Stand: 16.04.2021

Viele Mikrofone zeigen nach links | Bild: dpa picture alliance, peter kneffel

So unübersichtlich ist die Welt doch gar nicht! Die Rechten gehen zur Polizei, die ganz Rechten zur Bundeswehr, die Linken werden Journalisten und die ganz Linken Flüchtlingshelfer. Eine Studie der Electronic Media School, die teilweise vom RBB finanziert wurde, hat erst im vergangenen November angeblich nachgewiesen, dass fast sechzig Prozent der ARD-Volontäre die Grünen wählen, erstaunliche 23 Prozent die Linke und weniger als drei Prozent die Unionsparteien. Geradezu beruhigend wirkt verglichen damit eine zwölf Jahre alte und immer wieder gern zitierte Statistik, wonach immerhin ein Drittel der Journalisten überhaupt keine Partei bevorzugen. Die Übrigen votierten allerdings auch damals schon entweder für grün oder rot. Und so fiel denn auch eine Studie zur Berichterstattung über die Flüchtlingskrise aus dem Jahr 2017 ziemlich eindeutig aus: "Große Teile der Journalisten hätten ihre Berufsrolle verkannt und die aufklärerische Funktion ihrer Medien vernachlässigt", hieß es da im Resümee: "Statt als neutrale Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite."

Rotgrüne für CDU-Kanzlerin

Kein Wunder, dass auch die Berichterstattung über die Pandemie längst als einseitig kritisiert wird. Michael Haller, Direktor des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig, hat ein Virus ausgemacht, das hauptsächlich in Journalisten wütet und sie dazu treibt, zwanghaft die Position der Regierung zu vertreten. Aber hat das alles mit parteipolitischen Vorlieben zu tun? Eher nicht: Angela Merkel durfte sich fast sechzehn Jahre lang über eine vergleichsweise wohlwollende bis unkritische, ja devote Presse freuen, obwohl dort ja angeblich lauter linke Redakteure ihrer Gesinnung frönen. Der vermeintlich unaufgeregte Regierungsstil der Kanzlerin, ihre angebliche Orientierung an der Wissenschaft, ihre Sachlichkeit auch in hitzigen Gefechten, ihre gern beschworene Leidenschaft für Europa wurden ständig und wortreich gerühmt, im Fernsehen, aber auch in linksliberalen Medien wie "Spiegel", "Stern" und "Süddeutscher Zeitung". Überall dort, wo angeblich seit Jahren fast nur rotgrüne Redakteure am Werk sind, wurde der CDU-Kanzlerin erstaunlich verbissen applaudiert, während die SPD abgemeldet war und ist. Gerhard Schröder hatte zu viel Testosteron, Sigmar Gabriel zu viel Flexibilität und Olaf Scholz zu viel Beharrungsvermögen, so der Meinungstenor. Die Grünen kommen tatsächlich bei der Mehrheit der Journalisten gut weg, vor allem bei den unter Fünfzigjährigen, am allerbesten allerdings, wenn von Schwarz-Grün die Rede ist, was ja nicht unbedingt für eine parteipolitisch linke Schlagseite spricht. Sonst hätte es SPD-Chefin Saskia Esken sicher leichter und die Leute wüssten, wer Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler sind, die neuen Vorsitzenden der Linken.

Der Aufklärung verpflichtet

Was dagegen zweifellos stimmt: Die allermeisten Journalisten sind weder Romantiker, noch Esoteriker, sondern sonnen sich gern im Licht der Aufklärung, wollen also möglichst aktiv deren Werte wie Toleranz, Weltoffenheit, Demokratie und Menschenrechte befördern. Gern wird dann darauf hingewiesen, wie vernünftig und obendrein profitabel das doch alles sei, speziell für Deutschland und Europa. Grenzen seien nur lästig, Glaubensvorstellungen rückständig und Zweifel an der Wissenschaft entweder verschwörerisch oder absurd. Deshalb kennt ein Virologe wie Christian Drosten auch keine wüstere Beschimpfung für seine Gegner als "Wissenschaftsleugner". Klingt ganz so, als ob der "Kult der Vernunft“ aus der französischen Revolution wieder aufgeflammt ist und das damals gepriesene "höchste Wesen der Rationalität“ das Maß aller Dinge ist, und das, wo die Moderne doch eigentlich zum Ergebnis kam, dass der Mensch über die Welt, in der er lebt, gar keine verlässlichen Aussagen machen kann, allenfalls vorläufige.

Den Experten zu Füßen liegen

BR-Reporter Peter Jungblut

Aber so vorsichtig wollen viele Journalisten lieber nicht sein und deshalb liegt eine große – zu große! - Mehrheit von ihnen der Elite aller Fachrichtungen zu Füßen: Den Virologen, den Klimatologen, den Migrationsforschern und Ethnologen, den Statistikern und Psychologen und neuerdings auch den Intensivmedizinern. Kompetenz soll den Ausschlag geben, was sich plausibel anhört, dass aber auch die lichte Wissenschaft jederzeit in schattige Religion umschlagen kann, dass aus Wissen Glauben werden kann und umgekehrt, ist ja nicht gerade eine neue Erkenntnis. Kein Wunder, dass manche Nachrichtensendung inzwischen klingt wie eine Weiterbildungsveranstaltung für die Außendienstmitarbeiter der Großforschungseinrichtungen, nur ohne Power Point. Akademiker dürfen ihre dickleibigen Werke in fünf Minuten zusammenfassen und die flauschige Sprache des Hauptseminars pflegen. Da werden dann sogar scharfkantige Fakten zu watteweichen Wahrscheinlichkeiten. Und so mancher Leser oder Zuschauer kriegt zwar mit, dass wieder mal eine "These in den Raum gestellt" und Alarm geschlagen wurde, die Lage aber nicht so hoffnungslos ist, dass weitere Studien und mehr Geld für die Forschung nicht helfen würden.

Die Gesellschaft reparieren

Nun haben sich Redakteure zwar schon immer gern als "Gesellschaftsklempner" verstanden und wollten die Welt verbessern, aber selten so wissenschaftshörig wie heute. Das wäre an und für sich kein Problem, wenn im Mediengeschäft auch die Grundregeln der Wissenschaft gelten würden, dass also zum Beispiel jede Aussage nur solange Gültigkeit beanspruchen darf, bis sie widerlegt ist und dass Zusammenhänge noch keine Ursachen sind, also zwischen Korrelationen und Kausalitäten unterschieden wird, um nur zwei Bewertungskriterien zu nennen. Mit anderen Worten: Die seriöse Wissenschaft ist kompliziert und sucht nach der Wahrheit, ohne sie jemals zu finden. Bei den Journalisten ist es leider oft umgekehrt: Sie finden die Wahrheit, ohne sie jemals zu suchen. Nicht genug damit: Weil Medien Aufmerksamkeit brauchen, wird ständig emsiger dramatisiert und beschleunigt. In der Tat ein Herdentrieb, der dem Journalismus überhaupt nicht bekommt – nach dem bis zum Überdruss strapazierten Motto: "Es ist alles noch viel schlimmer". Was da eigentlich die Vergleichsmaßstäbe sind, gerät außer Sichtweite. Im Fernsehen werden komplexere Aussagen ohnehin von Bildern erschlagen und bei den unter wirtschaftlichem Druck stehenden Zeitungen und Zeitschriften wollen sich nicht wenige Autoren ihre vermeintlich spektakuläre Geschichte nicht mit Relativierungen kaputt machen.

Die Einseitigkeit der Anti-Eliten

Ja, es gibt sie also, die Einseitigkeit in der Mainstream-Berichterstattung, das Rudelverhalten, den Überbietungswettbewerb der Journalisten, die leider viel zu oft als "erster" am Ziel ankommen wollen, statt in unterschiedliche Richtungen zu laufen. Weil sie fast alle Hochschulabschluss haben, fast alle aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammen, fast alle zwischen Erasmus-Stipendium, Auslandssemester und Online-Praktikum sozialisiert wurden, teilen sie dieselben Werte, Ideale, Ängste, und das fördert nicht gerade die Pluralität der Meinungen. Dafür begünstigt es krasse Fehlwahrnehmungen, was nicht erst deutlich wurde, als Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde. Was hilft dagegen? Garantiert nicht, sich absichtlich "dumm zu stellen", also Ressentiments hinterherzulaufen und denen nach dem Mund zu schreiben, die die ganze reale Welt zu anstrengend finden und sich deshalb eine irreale geschaffen haben. Damit lässt sich zwar auch Geld verdienen, wie Fox News und ähnliche Kanäle vorführen, setzt der Einseitigkeit der Eliten aber nur die Einseitigkeit der Anti-Eliten entgegen.

Wer profitiert?

Vielleicht hilft es Journalisten mehr, wenn sie sich künftig häufiger vornehmen, ihre Leser, Hörer und Zuschauer zu überraschen – und zwar mit unerwarteten Ansichten und aus dem Blick geratenen Fakten. Da empfiehlt sich übrigens auch die selbstkritische Wiedervorlage von Geschichten, die irgendwann mal begonnen haben, aber niemals abgeschlossen, sondern nur von neueren verdrängt wurden. Wetten, dabei geraten lieb gewonnene Überzeugungen ins Schlingern? Es würde auch nicht schaden, Ciceros alte Frage "Cui bono? Wer ist der Nutznießer?" häufiger zu beantworten, statt wie selbstverständlich Regierungshandeln mit dem Dienst am Allgemeinwohl gleichzusetzen. Es ist ja durchaus hilfreich, sich an die Tugenden der Aufklärung zu halten und mit Tapferkeit, Klugheit, Mäßigung und Gerechtigkeit ans Werk zu gehen, doch ein paar Sünden gerieten dabei etwas ins Hintertreffen, vor allem die Neugier und das Misstrauen. Und die können richtig Spaß machen, ehrlich!