Kulturelle Aneignung auf der Bühne Wie schwarz muss ein Othello sein?

Blackfacing, das Schwarz-Schminken weißer Darsteller*innen, ist in Verruf geraten. Im Schauspiel ist das Schlüpfen in Rollen jedoch Handwerk. Soll also jede*r nur noch spielen, wonach er oder sie aussieht? Was ist die Konesequenz?

Von: Stephanie Metzger

Stand: 17.07.2020

Vakhtang Chabukiani als Othello | Bild: picture alliance/Eduard Pesov//dpa

Mein Othello ist Thomas Thieme. 2003, Münchner Kammerspiele. Diese wogende Wucht des Schauspielers, die gewaltige Kraft seiner Sprache. Und wie sie immer wieder umkippten in zarte Unbeholfenheit oder weiche Melodie. Othello, ein Mann voller Komplexe, auf der Suche nach Liebe und Anerkennung. Uns weniger fremd als sich selbst. Für mich war er nicht schwarz, auch nicht weiß, er war Thomas Thieme als Othello.

Es ist die Magie des Theaters - des Schauspiels und seiner Zusehenden - die aus Thomas Thieme den schwarzen Othello werden lässt. Und aus dem schwarzen Othello den weißen Thomas Thieme. Nein, eigentlich ein Drittes dazwischen, das wie ein Wunder erscheint und Freiheit bedeutet. Immer! In ihm wird im Anwesenden das Andere ansichtig, hat der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehman gesagt. Mit diesem Dritten wird an der Wirklichkeit die Möglichkeit sichtbar und Theater zur Spur der Utopie. Ein Heilsversprechen also, vor dem der Blick auf Hautfarben oder Schminke, der Streit um richtige Theaterformen oder korrekte Sprache, die Kritik an Grenzüberschreitungen beinahe kleingeistig anmutet. In dem Medium der Grenzüberschreitung auf Grenzen zu beharren, scheint paradox.

Geht es nicht ohne Grenzüberschreitung?

Wären trotz dieses Wunders nicht auch die Wunden. Wäre das Dritte, das zwar Anderes erfahrbar macht, nicht auch Lücke. Der Spalt zwischen Thomas Thieme und Othello eben. Der Spalt, in dem Thomas Thieme ein weißer, renommierter Schauspieler an deutschen Bühnen ist, um ein schwarzer Othello zu werden. Oder auch nicht. Und eben nicht ein schwarzer Darsteller - vielleicht gar frei und ohne festes Engagement -, der zum komplexbeladenen Menschen auf der Suche nach Liebe wird. Der er - selbst als Theaterstar - nie hätte werden können, weil seine Hautfarbe sich immer vor alle anderen Komplexe in den Vordergrund schieben würde. Wäre da also nicht der Spalt zwischen Bühne und Welt. Und dazwischen das Theater als Struktur, vielleicht sogar als Brücke.

Persons of Color spielen Weiße

Auf diesen Spalt, der zum Abgrund wird, traf ich in "Mittelreich". 2017, auch in den Münchner Kammerspielen. Ein Projekt, das es zwei Mal gab. Einmal als Theater-Adaption des Romans von Joseph Bierbichler mit weißen Darstellern. Das andere Mal als exakte Kopie dieser Inszenierung mit Persons of Color. Color, nicht "Schwarz". Denn es schimmerten viele Farben auf der Bühne, bis hin zum Weiß der Romanvorlage. Es war auch mein eigenes Weiß.

Und so sehr ich zwischendurch die Sache mit den Farben vergessen, lieber dem Wunder der Wandlung beiwohnen wollte - der Bühne in eine Wirtsstube, der Spielenden in den Wirt, in seine Familie und deren Geschichte -, so wenig sollte und konnte ich diese anderen Körper übersehen. Ungewohnte Körper. In der Kopie festsitzend wie im Käfig, den sie in der eigensinnigen Wiederholung auch sprengten. "Mittelreich" war ein Spiel mit Grenzen: Zwischen Körper und Figur, Wirklichkeit und Möglichkeit. Und vor allen zwischen denen, die üblicherweise auf den Bühnen sichtbar sind, und denen, die es nicht sind.

Diesseits der Verwandlungs-Wunder-Maschine Theater

Mit dem Beharren auf diesen Differenzen war "Mittelreich" ein politisches Plädoyer für Diversität. Diesseits der Verwandlungs-Wunder-Maschine Theater sollte die Institution Theater daran erinnert werden, wie weit sie noch davon entfernt ist, tatsächlich Raum des Anderen zu sein. Anderer Hautfarben, anderer Körper, anderer Geschlechter. Vor jeder Aufhebung der Differenzen im Raum der Ästhetik pochte diese Aufführung auf theatrale Selbstkritik und politische Debatte. Also auf die Diskussion über Zugänge, Teilhabe und strukturellen Rassismus.

Das Schwarz der Körper auf der Bühne war das Inkarnat eines Kampfes um Sichtbarkeit, der genau hier, auf einer Bühne, sichtbar, hörbar, erfahrbar wurde. In der Philosophie des Franzosen Jacques Rancière ist eben dieser Kampf der Inbegriff des Politischen. Um das, was wir gerade an Debatte erleben tatsächlich als einen politisch wirksamen Prozess zu erleben, müssen wir diese Debatten aushalten und ihnen eine Bühne geben. Wo könnte das besser gelingen, als im Theater?