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06.06.2021, Sachsen-Anhalt, Wernigerode: Wähler geben in einem Wahllokal bei der Wahl zum neuen Landtag in Sachsen-Anhalt ihre Stimmen ab.

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    Sachsen-Anhalt: Was ist dran an Wahlfälschungs-Vorwürfen?

    Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt häufen sich im Netz Behauptungen zu einem angeblichen Wahlbetrug. Was an den Vorwürfen dran ist, und welche Auswirkungen sie auf uns und unsere Demokratie haben können, zeigt der #Faktenfuchs.

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    Von
    • Elisabeth Kagermeier
    • Jana Heigl
    • Max Gilbert

    Sobald am Wahlsonntag erste Hochrechnungen bekannt wurden, schürten User im Netz Zweifel am Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Der Hashtag #Wahlbetrug trendete auf Twitter mit mehreren tausend Beiträgen - das Ergebnis eines Versuchs, das Wahlergebnis in Frage zu stellen.

    So wurde Wahlhelfern etwa unterstellt, bei der Auszählung der Stimmen zu betrügen. Außerdem sorgte der Unterschied zwischen Umfrageergebnissen und dem tatsächlichen Wahlergebnis für Misstrauen. Und immer wieder wurde versucht, die Briefwahl zu delegitimieren, eine Strategie, die auch bei der US-Wahl 2020 angewandt wurde.

    Der #Faktenfuchs hat die meist verbreiteten Vorwürfe untersucht und ordnet ein, welche Gefahr von diesen Vorwürfen für unsere Demokratie ausgehen kann.

    Faktencheck zu Behauptung 1: Sind Abweichungen von Umfragen ein Zeichen von Betrug?

    In Umfragen vor der Landtagswahl haben manche Meinungsforschungsinstitute ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert: Die AfD und die CDU lagen in Umfragen von Civey und Insa nur einen Prozentpunkt auseinander (Civey: CDU 29 Prozent, AfD 28 Prozent; Insa: CDU 27 Prozent, AfD 26 Prozent). Bei der Landtagswahl lagen beide Parteien jedoch viel weiter auseinander: die CDU erreichte 37,1 Prozent, die AfD 20,8 Prozent.

    Auf dem Messenger-Dienst Telegram wurde angesichts dieses Unterschieds der Verdacht des Wahlbetrugs thematisiert. Das passierte unter anderem auf dem Kanal “1984 - Das Magazin”, der vom rechten Blogger Oliver Flesch betrieben wird. In einem Post am Wahltag um 16:30 Uhr schrieb Flesch: “Infratest prognostizierte gerade eben: CDU 36 / AFD 22. Wir erinnern uns: Laut der Umfragen war es ein Kopf an Kopf-Rennen, bei einigen war die AfD sogar vorn. Das Merkwürdige dabei: Eigentlich schneidet die AfD in Umfragen schlechter als bei der Wahl ab. (...) Das erscheint mir aber mal sehr, sehr sonderbar.”

    In der Telegram-Gruppe “Sachsen Gruppe” schrieb eine Userin: “13% Unterschied zur Umfrage!!! DAS kann mir niemand erzählen…” Weil das tatsächliche Wahlergebnis so weit von den Umfrageergebnissen von Civey und Insa entfernt lag, zweifeln manche User also die Legitimität der Wahl an.

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    Irreführende Behauptungen zur Diskrepanz zwischen Umfragen vor der Wahl und dem tatsächlichen Wahlergebnis

    Nicht alle Meinungsforscher prognostizierten ein Kopf-an-Kopf-Rennen

    Dabei ist aber wichtig zu beachten: Nicht alle Umfragen haben ein Kopf-an-Kopf-Rennen der CDU und AfD prognostiziert, nur die von Civey und Insa. Der Abstand zwischen CDU und AfD war in Umfragen, die von ARD und ZDF genutzt werden, größer. In diesen Umfragen, die von Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen durchgeführt wurden, lag die CDU deutlich vor der AfD (Infratest dimap: CDU 28 Prozent, AfD 24 Prozent; Forschungsgruppe Wahlen: CDU 30 Prozent, AfD 23 Prozent). Dass der Abstand laut dem vorläufigen Wahlergebnis so groß sein würde, das konnten aber auch die Umfragen dieser Meinungsforschungsinstitute nicht abbilden. Denn: Meinungsforscher liefern immer nur Momentaufnahmen, die Umfragen sollen nicht das Wahlergebnis vorhersagen.

    Achim Goerres, Politikwissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen, weist auf den qualitativen Unterschied zwischen Umfragen hin. Civey und Insa beziehen ihre Umfrageergebnisse aus Online-Daten, die Stichproben wurden bei Freiwilligen gemacht, die sich selbst gemeldet haben - und das kann jeder. Die Grundgesamtheit, die im Falle von Civey und Insa befragt wird, ist also nicht repräsentativ zur Bevölkerung - im Gegensatz zu Umfragen anderer Meinungsforscher, die klar definierte statistische Methoden dafür anwenden.

    Entsprechend ist nicht gewährleistet, dass das Ergebnis der Umfragen von Civey oder Insa nicht verzerrt ist. “Dieses Vorgehen ist die Kreisklasse der Umfrageforschung”, sagt Goerres dem #Faktenfuchs. “Das verwundert mich überhaupt nicht, dass es eine so große Diskrepanz gibt.”

    Andere Umfragen, wie zum Beispiel das “Politbarometer” von der Forschungsgruppe Wahlen, arbeiteten mit Zufallsstichproben aus einer genau beschriebenen Zielgruppe, so Goerres, und wendeten etablierte, wissenschaftliche Methoden an, um auf alle Wählerinnen und Wähler schließen zu können. Im Vergleich zu Online-Umfragen ist das Ergebnis dadurch repräsentativer.

    Warum wird die AfD in Umfragen häufig falsch eingeschätzt?

    Bei vergangenen Landtagswahlen schnitt die AfD in Umfragen häufiger schlechter ab, als bei der Wahl selbst. Eine mögliche Erklärung dafür ist die soziale Erwünschtheit, sagt Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin im Gespräch mit dem #Faktenfuchs. Weil es sozial weniger anerkannt sei, die AfD zu wählen, würden Befragte in Umfragen eher nicht angeben, dass sie die AfD wählen wollen. Das verzerre das Ergebnis. Laut Faas wissen Demoskopen das und steuern entsprechend gegen, um das auszugleichen.

    Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war es dieses Mal anders herum: Meinungsforscher überschätzten die AfD. Im vorläufigen Wahlergebnis schnitt die Partei schlechter ab als in den Umfragen. Auch dafür hat Faas eine mögliche Erklärung. In Sachsen-Anhalt sei die AfD mit Abstand die zweitstärkste Partei, sie sei auch in der Gesellschaft verankert. “Vielleicht stimmt dieses Argument der sozialen Erwünschtheit hier gar nicht und wir übersteuern da.”

    Welchen Einfluss hatten die Umfragen auf das Wählerverhalten?

    “Umfragen können Verhalten ändern, das ist nie ausgeschlossen”, sagt Faas dem #Faktenfuchs. “Und das ist insbesondere dann wahrscheinlich, wenn es knapp ist an irgendeiner Stelle; wenn es darum geht, ob eine Partei die Fünf-Prozent-Hürde schafft oder darum, welche Partei die stärkste Fraktion wird.” Das seien Momente, in denen strategisch orientierte Wählerinnen und Wähler versuchten, ihre Entscheidungen zu optimieren - sie wählen also anders, als sie es eigentlich vorhatten. Da zeige sich dann der Umfragen-Effekt.

    Welche anderen Gründe es für die Diskrepanz zwischen Umfragewerten und dem tatsächlichen Wahlergebnis geben kann, hat Zeit Online zusammengefasst.

    Zwischenfazit:

    Auf Telegram wurde am Tag der Wahl in Sachsen-Anhalt behauptet, die Tatsache, dass die AfD bei der Wahl so viel schlechter abgeschnitten habe als in Umfragen vorausgesagt, sei ein Hinweis auf Manipulation. Das ist falsch. Nur Civey und Insa hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD prognostiziert. Außerdem erheben Meinungsforscher nicht den Anspruch, das genaue Ergebnis einer Wahl vorauszusagen, sondern bilden nur eine Momentaufnahme ab. Es ist also kein Zeichen für Wahlbetrug, wenn das Wahlergebnis anders ausfällt als Umfragen es voraussagten.

    Faktencheck zu Behauptung 2: Haben Wahlhelfer AfD-Stimmen entwertet?

    Unter dem Hashtag #Wahlbetrug wurde außerdem behauptet, Wahlhelfer hätten AfD-Stimmen entwertet, also ungültig gemacht. Einen entsprechenden Tweet veröffentlichte der ehemalige AfD-Fraktionsvorsitzende des Landtags von Sachsen-Anhalt und mittlerweile Ex-AfD-Politiker André Poggenburg. Um seine Behauptung zu unterstreichen, teilte er das Foto eines anderen Tweets, in dem sich ein User als angeblicher Wahlhelfer in Sachsen-Anhalt ausgibt und ein Foto anhängt, auf dem Wahlhelfer bei der Auszählung von Stimmen zu sehen sind.

    Das Foto wurde aber nicht bei der Stimmenauszählung zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt aufgenommen, sondern stammt aus Washoe County, Nevada, aufgenommen bei der US-Wahl im November 2020, wie die dts Nachrichtenagentur, von der das Foto stammt, dem #Faktenfuchs bestätigte. Das ist unter anderem an dem Logo der Gemeinde auf der weißen Säule zu sehen. Im Tweet ist dieses Logo rot übermalt, genauso wie die Gesichter der Wahlhelfer.

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    Das Foto, dass Poggenburg teilte, war aus dem Kontext gerissen.

    Die Stimmenauszählung aus Nevada konnten Interessierte zudem in einem Livestream verfolgen. Im Video ist ebenfalls die weiße Säule mit dem blauen Logo zu sehen, ebenso die Kästen mit Stimmzetteln, die genauso aussehen wie auf dem Foto.

    Die Faktenchecker von AFP entdeckten die Frau in dem rosa T-Shirt außerdem in einem weiteren Video eines amerikanischen Fernsehsenders, in dem über den Fortschritt der Stimmenauszählung berichtet wurde.

    Betrug durch Wahlhelfer in Deutschland unwahrscheinlich

    Poggenburg war nicht der einzige auf Twitter, der die Behauptung verbreitete, dass Wahlhelfer Stimmen für die AfD entwertet hätten. Das Narrativ ist immer dasselbe: Grüne oder linke Wahlhelfer hätten Stimmen der AfD anderen Parteien zugeschoben. In der Vergangenheit ist das tatsächlich vorgekommen, bei einer Kommunalwahl in Brandenburg. 2019 hat ein junger Wahlhelfer Stimmen für die AfD bei der Auszählung bewusst den Grünen zugeschoben.

    Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass etwas ähnliches bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt passiert ist. “Anhaltspunkte für etwaige Unregelmäßigkeiten bestehen nicht”, antwortete die Landeswahlleiterin von Sachsen-Anhalt auf eine Mail-Anfrage des #Faktenfuchs.

    Dass es in Deutschland zu Wahlfälschung kommt, ist sehr unwahrscheinlich, sagt der Wahlforscher Jörg Siegmund von der Akademie für Politische Bildung in Tutzing im Gespräch mit dem #Faktenfuchs. Zum einen seien Wahlvorstände in Deutschland plural zusammengesetzt - das regeln die Wahlordnungen (z.B. Bundeswahlordnung §4 ). “Da sitzen Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Parteien”, sagt Siegmund. “Da arbeiten aber auch Menschen, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind oder sich einfach politisch engagieren wollen. Das macht es schwierig für einzelne Wahlhelfer, das Wahlergebnis zu verfälschen.” Außerdem gelte bei der Stimmauszählung das Vier- bzw. Sechs-Augen-Prinzip. Ein einzelner Wahlhelfer wäre also gar nicht in der Lage, Stimmen verschwinden zu lassen oder sie einer anderen Partei zuzuschlagen, so Siegmund.

    Hinzu kommt: Der Wahlakt ist in Deutschland öffentlich. “Bürgerinnen oder Bürger können jederzeit das Wahllokal betreten und auch der Stimmauszählung beiwohnen, solange sie die Wahlhelferinnen und Wahlhelfer nicht bei der Stimmauszählung behindern.”

    Käme es dennoch zu einer größeren Manipulation würde das auffallen, sagt Achim Goerres von der Universität Duisburg-Essen. “Über die Zeit hinweg sind Veränderungen in einem Wahlbezirk nicht so wahnsinnig groß. Wenn Sie bei einer Wahl 600 Stimmen für die Partei X haben und bei der nächsten Wahl für diese Partei null Stimmen, dann ist das erstmal nicht plausibel.” Das würde dann überprüft.

    Zwischenfazit:

    Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Wahlhelfer bei der Stimmenauszählung in Sachsen-Anhalt betrogen haben. Zur Untermauerung dieser Falschbehauptung wurde ein Foto geteilt, das aus dem Kontext gerissen wurde: Es zeigt Wahlhelfer in Washoe County, Nevada, während der Stimmenauszählung zur US-Wahl. In Deutschland ist in den Wahlgesetzen festgelegt, dass zum Beispiel Wahlvorstände aus Mitgliedern verschiedener Parteien und gesellschaftlicher Gruppen zusammengesetzt sind. Außerdem gilt das Vier- bzw. Sechs-Augen-Prinzip, und die Stimmenauszählung ist öffentlich.

    Faktencheck zu Behauptung 3: Gab es bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mehr ungültige Stimmen als sonst?

    Eng mit dem Vorwurf des Wahlbetrugs durch Wahlhelfer ist auch Behauptung Nummer 3 verknüpft. Auf Twitter schrieben User, auf einen Wahlbetrug deute auch die Tatsache hin, dass es mehr ungültige Stimmen als bei vergangenen Landtagswahlen gegeben habe. Das ist eine Falschbehauptung.

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    Die Behauptung, es habe angeblich mehr ungültigen Stimmen bei der Wahl in Sachsen-Anhalt gegeben, ist irreführend.

    Tatsächlich gab es nach dem vorläufigen Wahlergebnis in diesem Jahr sogar weniger ungültige Stimmen als bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2016, wie das Büro der Landeswahlleiterin in Sachsen-Anhalt dem #Faktenfuchs mitteilt. Bei den Erststimmen waren es 1,4 Prozentpunkte weniger ungültige Stimmen, bei den Zweitstimmen 0,7 Prozentpunkte weniger. Insgesamt gab es 17.773 ungültige Erststimmen im Vergleich zu 1.061.514 gültigen Erststimmen. Bei den Zweitstimmen gab es 15.593 ungültige Stimmen im Vergleich zu 1.063.694 gültigen Stimmen.

    Zwischenfazit:

    User behaupteten, es habe bei der Wahl in Sachsen-Anhalt mehr ungültige Stimmen als bei früheren Landtagswahlen gegeben. Das stimmt nicht. Tatsächlich gab es in diesem Jahr sogar weniger ungültige Stimmen als bei der Landtagswahl 2016.

    Das Thema Wahlbetrug sprang von den USA auf Deutschland über

    Dass nun auch in Deutschland behauptet wird, es gäbe Wahlbetrug, erinnert an die US-Wahl 2020 - und tatsächlich gibt es Hinweise auf Parallelen. Seit der Wahl im November in den USA hält sich das Thema Wahlfälschung in sozialen Netzwerken auch in Deutschland - zum Beispiel auf Telegram, wie eine Auswertung des gemeinnützigen Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) zeigt, die dem #Faktenfuchs vorliegt (siehe Grafik). Vor der US-Wahl spielte das Thema auf Telegram so gut wie keine Rolle - doch seitdem ist es nie mehr ganz verschwunden, immer wieder taucht es auf.

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    Eine Auswertung des gemeinnützigen Center für Monitoring, Analyse und Strategie.

    Der #Faktenfuchs hat bereits gezeigt, dass ähnliche Narrative schon kurz nach der US-Wahl auf Deutschland übertragen wurden - wie beispielsweise die Falschbehauptung, dass über die Briefwahl Stimmen für Tote abgegeben würden. Dass nun nach der Wahl in Sachsen-Anhalt auch die Glaubwürdigkeit der Briefwahlstimmen angezweifelt und die Antifa mit einer angeblichen Wahlfälschung verknüpft wird, erinnert ebenfalls an Behauptungen von Trump.

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    Ähnlichkeiten zu den USA: Gerüchte zu Wahlbetrug bei der Briefwahl werden gestreut und die Antifa als Feindbild in die Gerüchte verwickelt

    Experten sehen große Unterschiede zwischen USA und Deutschland

    Doch die Situation in Deutschland unterscheidet sich in mehreren Punkten von der US-Wahl. Professor Jörg Matthes vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien sagt im Gespräch mit dem #Faktenfuchs: “Der große Unterschied zwischen dem Vorwurf des Wahlbetrugs in den USA und bei der Wahl in Sachsen-Anhalt liegt darin, dass in den USA der Vorwurf ganz klar von der politischen Elite selbst kam.” In Sachsen-Anhalt verbreiten sich die Gerüchte dagegen “nur” in sozialen Netzwerken und über Telegram-Kanäle - wichtige politische Akteure wiederholen die Behauptungen von Wahlbetrug nicht, schon gar nicht so ausdauernd wie Trump.

    Als Folge daraus sieht Matthes auch einen Unterschied in der Aufmerksamkeit, die die Behauptungen bekommen: “In den USA ist es dem Trump-Lager gelungen, die öffentliche Debatte zu lenken und das zum zentralen Thema nach der Wahl zu machen.” In Sachsen-Anhalt sei das dagegen nicht gelungen.

    Amerikanisches Wahlsystem umstritten - und anfälliger für Betrugsgerüchte

    Auch bei der Frage, wie glaubhaft Behauptungen zu angeblichem Wahlbetrug für die Bevölkerung erscheinen, sieht Matthes einen Unterschied zu den USA: Dort sei das Wahlsystem wesentlich umstrittener. Am 1. Juni 2021 veröffentlichten beispielsweise mehr als hundert Professoren der Politikwissenschaft aus den USA einen Aufruf, das Wahlsystem im Land zu reformieren. Das Grundmisstrauen in Wahlen ist laut Matthes in den USA wesentlich höher als in Deutschland. Somit fielen Gerüchte von angeblichem Wahlbetrug dort bei vielen auf fruchtbaren Boden.

    Zwei Kritikpunkte in den USA sind, dass die Bundesstaaten unterschiedliche Wahlsysteme haben und dass Wähler sich extra für die Wahl registrieren müssen. Die Organisation von Wahlen in Deutschland halten Experten wie Politikwissenschaftler Achim Goerres dagegen für sehr gut. Unabhängige Wahlbeobachter der OSZE äußern zwar immer wieder einzelne Kritikpunkte, aber keine grundsätzlichen Bedenken.

    Woran es auch in Deutschland immer wieder Kritik gibt, ist die Briefwahl. Wahlforscher Jörg Siegmund bezeichnet sie zum Beispiel als mögliches “Einfallstor” für Manipulation. Niemand könne kontrollieren, wer tatsächlich den Wahlschein ausfülle und ob dabei das Wahlgeheimnis gewahrt bleibe. Eine Wahlfälschung im großen Stil über die Briefwahl, wie im Fall von Sachsen-Anhalt behauptet, halten Experten aber für unwahrscheinlich. Was Gründe hierfür sind, welche Argumente es für die Briefwahl gibt und wie ein Landwirt aus Bayern wegen abgegebener Stimmen für seine Erntehelfer vor Gericht landete, erklärt der #Faktenfuchs in diesem Video.

    Welche Folgen können solche Falschbehauptungen haben?

    Die Behauptungen zum angeblichen Wahlbetrug lassen sich also - wie in den USA - entkräften. Eine andere Frage ist aber, was das bei denjenigen bewirken kann, die von den Gerüchten hören.

    “Solche Behauptungen können die Menschen tatsächlich beeinflussen”, sagt Medienwissenschaftler Jörg Matthes. Unter gewissen Bedingungen könnten sie bewirken, dass Menschen tatsächlich an einen Wahlbetrug glauben. Und zwar, wenn sie stark polarisiert sind, das Gehörte oder Gelesene zu den eigenen Voreinstellungen passt und es aus subjektiver Sicht stimmig ist. Also: Wer sowieso schon am Wahlsystem zweifelt, kann sich so bestätigt fühlen.

    Fehlinformationen verbreiten sich laut der Forschung von Kommunikationswissenschaftlern dann besonders stark im Internet und werden eher geglaubt, wenn sie Wut auslösen (z.B. hier und hier). Das hat laut Matthes einen psychologischen Grund: “Wenn wir wütend sind, werden wir Informationen weniger kritisch prüfen, sondern handeln direkt oder bilden eine Einstellung dazu.”

    Die Quelle der Information spielt eine große Rolle

    Der Effekt werde verstärkt, wenn die Behauptung von einer als glaubwürdig empfundenen Quelle komme. Dafür spielt nicht nur eine Rolle, wen man für einen Experten hält, sondern auch, wessen Ansichten einem ähnlich sind - wie Leute aus dem eigenen Umfeld oder Nachrichten aus einem Telegram-Kanal, dem man vertraut:

    “In einem sozialen Netzwerk bin ich umgeben von Personen, die mir politisch oder in irgendeiner anderen Art und Weise ähnlich sind. Und das erhöht natürlich die Glaubwürdigkeit. Das ist ein ganz einfacher psychologischer Mechanismus.” Jörg Matthes, Professor an der Universität Wien

    Dementsprechend steige in so einem Netzwerk die Wahrscheinlichkeit, dass man Informationen glaube, ohne sie kritisch zu prüfen. Gerade rechte Influencer wie beispielsweise Oliver Flesch, der auch Gerüchte zur Wahl in Sachsen-Anhalt streute, haben laut Matthes ein starkes Netzwerk und dort eine hohe Glaubwürdigkeit: “Hier ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Leute, die in diesem Netzwerk dem Influencer folgen, tatsächlich auch diese Einstellung übernehmen.”

    Außerdem werde der Effekt verstärkt, wenn die Information häufig wiederholt würde: “Wenn man ständig damit konfrontiert wird, dass es angeblich zu Wahlbetrug kam, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Menschen auch daran glauben.”

    Misstrauen und Skepsis werden gestreut

    Es ist also möglich, dass manche Menschen durch solche Behauptungen tatsächlich an einen Wahlbetrug glauben. Viel häufiger ist laut Matthes aber eine subtilere Wirkung. “Ein wahrscheinlicheres Ergebnis ist, dass Misstrauen und generelle Skepsis erzeugt werden”, sagt er. Menschen würden dann zwar nicht von Wahlbetrug sprechen, es bliebe aber das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung sei. “Und genau so funktionieren Fehlinformationen: Es bleibt etwas kleben.”

    Das sehen auch die Wahlbeobachter der OSZE als Gefahr an: In ihrem Abschlussbericht zur US-Wahl heißt es, unbegründete Behauptungen von systematischem Wahlbetrug "schaden dem öffentlichen Vertrauen in demokratische Institutionen". Wenn Debatten sich wie zur US-Wahl von den Fakten lösen würden, sei das eine “Alarmstufe” sagte der Wahlbeobachter Michael Link dem #Faktenfuchs. Der Wahlprozess lebe davon, dass eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung darin vertraue. Der Politikwissenschaftler Joachim Behnke von der Zeppelin-Universität Friedrichshafen nannte in dem Zusammenhang solche bewussten Versuche, die Glaubwürdigkeit von Wahlen zu schädigen, “Gift für die Demokratie und für das politische System”.

    Fazit

    Im Nachgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verbreiteten sich im Netz verschiedene Behauptungen zu einem angeblichen Wahlbetrug. Es gibt keine Hinweise auf eine Manipulation der Wahl.

    Die Behauptung, das schlechte Abschneiden der AfD im Vergleich zu den Vorwahl-Umfragen würde auf Betrug hindeuten, ist falsch. Nur die online-basierten Umfragen von Civey und Insa haben ein Kopf-an-Kopf-Rennen der CDU und AfD prognostiziert - andere repräsentative Umfragen nicht.

    Es gibt außerdem keinen Hinweis darauf, dass Wahlhelfer AfD-Stimmen entwertet hätten, wie unter anderem Poggenburg behauptete. Das Foto, das als Beweis dafür geteilt wird, ist aus dem Kontext gerissen und zeigt Wahlhelfer in Washoe County, Nevada, bei der US-Wahl 2020. Betrug durch Wahlhelfer ist in Deutschland sehr unwahrscheinlich, weil zum Beispiel das Vier- bzw. Sechs-Augen-Prinzip gilt und die Wahlvorstände zum Beispiel bewusst aus Wahlhelfern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Parteien zusammengesetzt sind.

    Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt hat es darüber hinaus weniger ungültige Stimmen gegeben als bei der letzten Landtagswahl 2016. Behauptet wurde, es seien mehr gewesen.

    Schon seit der US-Wahl kursieren auch in Deutschland Falschbehauptungen zu angeblichem Wahlbetrug. Solche Gerüchte können eine zersetzende Wirkung auf die Demokratie haben: Wer ständig mit Behauptungen zum Wahlbetrug konfrontiert wird, neigt eher dazu, ihnen zu glauben. Vor allem diejenigen, die bereits zweifeln, können sich dadurch bestätigt fühlen.

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