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Annalena Baerbock wurde in den letzten Wochen besonders Ziel von Desinformation im Netz. Doch auch andere Politikerinnen sind Ziel von Angriffen.

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    Sind Politikerinnen stärker von Desinformation betroffen?

    Seit Annalena Baerbock ihre Kanzlerkandidatur verkündet hat, verbreiten sich online viele Gerüchte über sie. Sind Politikerinnen besonders stark von Desinformation betroffen? Und gibt es Unterschiede zwischen den Parteien? Ein #Faktenfuchs.

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    Von
    • Elisabeth Kagermeier

    Erfundene Zitate, gefälschte Fotos, echte Bilder in einen falschen Zusammenhang gesetzt: Seit Annalena Baerbock ihre Kanzlerkandidatur bekannt gegeben hat, ist sie besonders stark von Desinformation im Netz betroffen. Ausgehend von diesem aktuellen Fall checkt der #Faktenfuchs, ob Politikerinnen stärker oder anders von Hass und Desinformation im Netz betroffen sind als Politiker - und ob Parteien unterschiedlich stark betroffen sind.

    Sind Frauen eher Ziel von Desinformation und Hass im Netz als Männer?

    Immer wieder heißt es, Frauen seien stärker betroffen (Quellen: Vereinte Nationen, Director of Public Policy bei Facebook in Deutschland, Österreich und Schweiz im FemMit-Mag, Deutscher Juristinnenbund). Doch die Datenlage dazu ist dünn. Die verfügbaren Daten zeigen: Frauen sind sehr stark von Hass im Netz betroffen - aber generell trifft es alle Geschlechter.

    In der EU wurden bis zu 18 Prozent der Frauen angefeindet

    Je nach Umfrage geben zwischen 11 und 18 Prozent der Frauen in der EU an, dass sie Belästigung oder Gewalt im Netz erlebt haben (repräsentative Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, des Europäischen Parlaments und der Unesco). In einer Umfrage, die die Länder einzeln erfasste, lag Deutschland mit 13 Prozent etwas über dem EU-Schnitt von 11 Prozent (Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte).

    Von Hass im Netz sind junge Frauen besonders stark betroffen (Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte und der Unesco) und die Angriffe auf Frauen sind sehr oft sexistisch oder frauenfeindlich (Umfrage des Europäischen Parlaments und von Amnesty International).

    Sind gerade Politikerinnen von Desinformation betroffen?

    Umfragen legen nahe, dass Politikerinnen sehr viel stärker betroffen sind als Bürgerinnen und Bürger in anderen Berufen. Bei einer repräsentativen Umfrage unter weiblichen Bundestagsabgeordneten 2019 von "Report München" gaben 87 Prozent an, dass sie Ziel von Hass und Bedrohung im Netz waren, einige täglich. In 57 Prozent der Fälle waren es sexistische Anfeindungen.

    Ähnlich sieht es EU-weit aus: In einer Umfrage der Interparlamentarischen Union von 2018 haben 58 Prozent der befragten weiblichen Abgeordneten oder Mitarbeiterinnen in nationalen Parlamenten der EU angegeben, dass sie bereits von sexistischen Angriffen in den sozialen Medien betroffen waren. In den USA nimmt sexualisierte und geschlechtsbezogene Desinformation über Politikerinnen laut einer aktuellen Studie des Wilson Center zu.

    Trifft es Politikerinnen stärker als Politiker?

    Für einen Vergleich zwischen Politikern und ihren Kolleginnen gibt es leider kaum repräsentative oder geschlechtsvergleichende Daten aus Deutschland. Allerdings gibt es einige Hinweise, wo es Unterschiede gibt und wo nicht:

    Bei der Betrachtung speziell von Verschwörungstheorien und den politischen Persönlichkeiten, die in solche Erzählungen eingebaut werden, gibt es keine Hinweise darauf, dass es Politikerinnen anteilig häufiger trifft als ihre Kollegen. Das sagt der Verschwörungstheorie-Experten Michael Butter von der Universität Tübingen im Gespräch mit dem #Faktenfuchs. Entscheidende Kriterien seien hier eher die Macht, die jemandem zugeschrieben wird oder die politische Ausrichtung. Dass Annalena Baerbock nun in die Verschwörungstheorie zum Great Reset eingebaut wurde, hätte laut Butter ebenso Robert Habeck treffen können, wenn er der Kanzlerkandidat von Bündnis 90/ Die Grünen geworden wäre.

    Doch an einem Punkt unterscheiden sich Angriffe laut Einschätzung von Experten deutlich: bei geschlechtsbezogenen Angriffen und Desinformation. Das beobachten zum Beispiel die Grünen: "Bei diesen Angriffen werden Frauen häufiger auf ihr Geschlecht, ihr Aussehen reduziert oder es wird ihnen die Kompetenz abgesprochen", sagt Michael Kellner, Wahlkampfleiter von Bündnis 90/ Die Grünen. "Das passiert bei männlichen Kollegen so nicht."

    Laut Hate Aid, der einzigen spezialisierten Beratungsstelle für Betroffene digitaler Gewalt in Deutschland, erleben aber auch beispielsweise homosexuelle Männer oder Männer, die nicht klischeehaften Geschlechterrollen entsprechen, mehr Anfeindungen und Desinformation im Netz als andere. Laut der Einschätzung der Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa, die zu Sexismus und Geschlechterrollen forscht, nehmen geschlechtsbezogene Angriffe auf Männer zu. Auch Männer mit Migrationshintergrund nehmen mehr Hass im Netz wahr als andere.

    Ein Drittel der Angriffe auf Frauen zielt auf Aussehen, Geschlecht oder Sexualität

    60 Prozent derer, die sich Beratung bei Hate Aid holen, sind Frauen - und an die Organisation wenden sich vor allem Aktivistinnen und Politikerinnen. Bei denen, die dann mit Hilfe von Hate Aid Prozesskosten finanzieren, sind 73 Prozent Frauen. Laut Josephine Ballon, Head of Legal bei Hate Aid, bestätigt dies die Vermutung, dass die Inhalte, die Frauen erhalten, wesentlich häufiger strafbar sind als das, was Männer erleben. Bei digitalen Angriffen gegen Frauen handelt sich sich laut Ballon sehr viel häufiger um sehr heftige Beleidigungen und Verleumdungen, die dann mit guten Erfolgsaussichten rechtlich verfolgt werden können.

    "Circa ein Drittel der Inhalte, die sich gegen Frauen richten, richtet sich allein gegen sie wegen ihres Aussehens, ihres Geschlechts oder gegen ihre Sexualität oder sind extrem sexualisiert. Fünf Prozent sind Vergewaltigungsandrohungen. Das erleben Männer in dieser Form einfach so nicht. Das muss man als ganz klare Betrachtung aus unserer Beratungserfahrung von mittlerweile über 800 Menschen in den letzten zwei Jahren einfach sagen." (Josephine Ballon, Head of Legal bei Hate Aid)

    Doch auch wenn man Verleumdungen oder üble Nachrede nach dem Strafgesetzbuch rechtlich verfolgen kann (§186 Üble Nachrede und §187 Verleumdung im StGB), stehen die Chancen auf Erfolg eher gering. Meistens scheitern die Verfahren laut Hate Aid daran, dass die Täter nicht identifiziert werden können. Die Organisation arbeitet mit der Generalstaatsanwaltschaft in Hessen zusammen, die sich mit ihrer Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) auf die Verfolgung genau solcher Fälle spezialisiert hat. Die Identifizierungsquote liegt hier bei einem Drittel - im Vergleich ist das eher hoch. Das heißt aber eben auch, dass zwei von drei Tätern davonkommen.

    Sexualisierte Desinformation zu Annalena Baerbock

    Solche geschlechtsbezogenen Angriffe, von denen Ballon und Kellner sprechen, erlebt derzeit auch Annalena Baerbock: Von Telegram ausgehend verbreitete sich in sozialen Netzwerken ein Foto, auf dem sie angeblich nackt zu sehen ist, darunter der Text: "Annalena Baerbock und die Jugendsünde: Ich war jung und brauchte das Geld". Doch hierbei handelt es sich um ein Fake.

    Dass das Bild nicht wirklich Baerbock zeigt, lässt sich schnell mit einer Bilder-Rückwärtssuche bei Google belegen. Auf dem Originalbild ist nämlich nicht Baerbock zu sehen, sondern ein Nacktmodel, das eine sehr ähnliche Haarfarbe wie die Politikerin hat.

    Im Netz kursieren derzeit mehrere solcher Bilder. Was sie gemeinsam haben: In allen untersuchten Fällen wurde der Kopf von Annalena Baerbock auf den Körper einer anderen Frau montiert. Das sieht man, wenn man die Bilder in Programmen hochlädt, die Bilddaten auslesen. Solche Tools erkennen, wenn ein Bild aus mehreren Fotos zusammengesetzt wurde.

    "Neue Dimension" der Sexualisierung von Politikerinnen

    Pornografische Deepfake-Videos - also täuschend echt aussehende, aber tatsächlich gefälschte Videos, gab es in der Vergangenheit unter anderem schon zu Schauspielerinnen. Hier können Sie nachlesen, wie Deepfakes funktionieren und warum besonders Frauen Ziel von solcher Desinformation werden.

    Dass es nun in Form von Bildern auch Politikerinnen trifft und die sich auch außerhalb gewisser Foren verbreiten, nennt die Desinformations-Forscherin Viorela Dan von der Ludwig-Maximilians-Universität München eine "neue Dimension" von geschlechtsbezogener Desinformation. Baerbock werde hier bewusst sexualisiert.

    Warum trifft es Baerbock besonders?

    Dass Baerbock besonders stark Ziel solcher Angriffe wird, kann laut der Soziologie-Professorin Villa von der LMU mit den Eigenschaften der Politikerin zusammenhängen: "Dass sie eher jung ist und bisher keine Regierungsfunktion hatte, ist leicht ausbeutbar in sexistischen Mustern", sagt sie. "Vor diesem Hintergrund ist es leichter, sie politisch nicht ernst zu nehmen und auf ihre Geschlechtlichkeit oder sogar Sexualität zu reduzieren."

    Politikwissenschaftler Uwe Jun von der Universität Trier sieht darin ein Ablenkungsmanöver: Es werde versucht, Privates diskreditierend in den Vordergrund zu stellen, um von Politischem abzulenken.

    Aber auch abseits der geschlechtsbezogenen Angriffe hätten die Grünen nach der Verkündung der Kanzlerkandidatur "noch einmal ein völlig neues Ausmaß" an Desinformation im Netz zu Baerbock festgestellt - sagt Michael Kellner, Wahlkampfleiter der Grünen. Zum falschen Haustier-Zitat hätten ihn außerdem Nachrichten aus der ganzen Republik erreicht.

    Mehrere Faktoren machen sie zu "gutem Feindbild"

    "Bei Annalena Baerbock treffen mehrere Kriterien zu, die sie zu einem guten Feindbild machen", sagt dazu Viorela Dan von der LMU. Neben ihrem Alter und Geschlecht nennt sie als weitere Faktoren, dass Baerbock als Parteivorsitzende und mögliche künftige Kanzlerin eine Machtposition innehat. Zudem hat sie sich mit Robert Habeck bei der Kandidatenfrage gegen einen männlichen Mitbewerber durchgesetzt - und der galt laut Umfragen lange als Favorit (ARD Deutschlandtrend und YouGov-Umfrage im Auftrag der dpa vom März 2021) .

    Emanzipation ist - ähnlich wie der Klimawandel, gegen den sich Baerbock einsetzt - im Netz ein ständiges Reizthema. "Wenn mehrere Diskriminierungsmerkmale zutreffen, dann ist es eigentlich vorprogrammiert, dass man auch im Netz Diskriminierung erfahren wird", sagt dazu Josephine Ballon. Baerbock biete hier viele solcher "Angriffsflächen und Reizpunkte".

    Dass seit der Kandidatur viele Falschinformationen über Annalena Baerbock gestreut werden, hat Ballon deshalb nicht überrascht - dafür aber die Heftigkeit und Schnelligkeit, in der das passiert ist. Noch in der Nacht nach der Verkündung der Kanzlerkandidatur wurden manipulierte Bilder auf Telegram verteilt. Das deute laut Ballon darauf hin, dass es sich um eine orchestrierte Kampagne handeln könnte.

    Trifft Desinformation die Parteien in unterschiedlichem Ausmaß?

    Grundsätzlich ist keine Partei vor Desinformation im Netz sicher. Welche Politiker und welche Parteien in Verschwörungstheorien eingebaut werden, hängt laut Verschwörungstheorie-Experte Butter zum Beispiel davon ab, wie viel Macht jemand hat. Verschwörungstheorien hätten laut Studien genauso wie der Populismus das Narrativ, Anti-Establishment zu sein und Eliten unlautere Motive zu unterstellen.

    Um Politiker der Oppositionsparteien AfD und FDP gebe es beispielsweise weniger Verschwörungstheorien - und auch um die SPD deutlich weniger als um die CDU, obwohl die Sozialdemokraten als Teil der Regierungskoalition auf Bundesebene durchaus politische Macht haben. Ein Grund könnte laut Professor Butter von der Uni Tübingen sein, dass die SPD als der weniger mächtige Partner neben der CDU/CSU wahrgenommen wird. Bundeskanzlerin Merkel hat als politisch mächtigste Person Deutschlands demnach ein besonders hohes Risiko, in solche Theorien verstrickt zu werden. Als Markus Söder sich als Kanzlerkandidat angeboten hat, wurde auch er zum Feindbild für viele und es wurden Falschinformationen über ihn verbreitet.

    Dass nun auch Politiker der Oppositionspartei Bündnis 90/ Die Grünen in Verschwörungstheorien wie der zum "Great Reset" eingebaut werden, hält Butter für einen "ganz guten Indikator für die sehr gute Position der Grünen momentan". Sie würden mittlerweile auch in konspirationistischen, also verschwörungsgläubigen Kreisen als machtvolle Partei ernst genommen.

    Neben der politischen Macht spielt für Angriffe im Netz laut Politik-Professor Jun auch eine Rolle, wo eine Partei politisch steht:

    "Die Polarisierung, die wir gesellschaftlich beobachten, ist tatsächlich eher so, dass die Parteien der Mitte nicht ganz so massiv angegriffen werden. Allerdings gibt es auch dort deutliche Ausnahmen, etwa die Bundeskanzlerin." (Prof. Uwe Jun, Politikwissenschaftler an der Uni Trier)

    77 Prozent der Hasspostings aus rechtem Spektrum

    Wer Ziel von Desinformation und Anfeindungen im Netz wird, hängt auch damit zusammen, von wem die Angriffe kommen. "Soweit wir derzeit wissen, kommen die Angriffe primär von nationalistischer, rechtspopulistischer Seite", sagt Politikwissenschaftler Uwe Jun.

    Das bestätigen auch Zahlen des Bundeskriminalamts: 2019 waren 77 Prozent der dort registrierten Hasspostings dem rechten und rechtsextremen Spektrum zuzurechnen, knapp neun Prozent der Kommentare kamen von linksextremer Seite. Die Verfasser aus rechten Kreisen attackieren laut Jun vor allem die Gruppierungen, die sie als ihr Hauptangriffsziel sehen. Das seien häufig grüne und linke Parteien und auch häufig Frauen. Bestimmte linke Kreise würden dagegen Politiker der AfD besonders scharf attackieren.

    Fazit

    Politikerinnen sind besonders stark von Desinformation und Hass im Netz betroffen. Mehr als die Hälfte der Kommentare gegen Politikerinnen waren laut einer Umfrage sexistische Anfeindungen.

    Auf Annalena Baerbock treffen viele der Kriterien zu, die es wahrscheinlicher machen, dass man Opfer von Hass und Desinformation im Netz wird - zum Beispiel, dass sie für Themen wie Emanzipation und Klimaschutz steht oder eine jüngere Frau ist. Das könnte ein Grund sein, warum aktuell besonders viele Gerüchte zu ihr verbreitet werden - von sexistischen Fotomontagen und falschen Zitaten bis hin zu Verschwörungstheorien. Experten sprechen von einer orchestrierten Kampagne gegen sie.

    Die Frage, ob Parteien unterschiedlich stark von Desinformation im Netz betroffen sind, hängt von mehreren Faktoren ab - zum Beispiel von politischer Macht. Außerdem spielt es eine Rolle, wer die Postings schreibt: Das BKA rechnet Verfasser von Hassbotschaften zu einem überwiegenden Teil einem rechten oder rechtsextremen Spektrum zu. Laut Experten werden Parteien der Mitte seltener Ziel von Angriffen als Grüne oder Linke - aber das heißt nicht, dass es die anderen Parteien nicht auch trifft.

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