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#Faktenfuchs: Fake News im US-Wahlkampf | BR24

© picture alliance / NurPhoto

Der Wahlkampf in den USA war von zahlreichen Falschinformationen begleitet.

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    #Faktenfuchs: Fake News im US-Wahlkampf

    Der Kampf ums Weiße Haus wird stets hart und erbittert geführt - immer wieder auch unter dem Einsatz von Falschinformation. Unter Präsident Trump hat dies aber ein neues Ausmaß erreicht.

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    Vergangene Woche im US-Sender Fox-News. Der älteste Sohn des US-Präsidenten, Donald Trump Jr., ist zugeschaltet und äußert sich zur Zahl der Toten in den USA im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Er habe sich die Daten angeschaut, sagt Trump Jr.

    "Weil ich mich gewundert habe, dass immer nur von neuen Infektionen die Rede ist, und ich hab mich gefragt: 'Warum reden sie nicht über die Toten'? Ach - weil deren Zahl bei nahezu Null liegt! Weil wir Kontrolle haben über das Ding, weil wir verstehen, wie es funktioniert!"

    (“I went through the CDC data, because I kept hearing about new infections, but I was like, ‘Why aren’t they talking about deaths?’ Oh, because the number is almost nothing. Because we’ve gotten control of this thing, we understand how it works.")

    Diese Aussage ist falsch. An eben diesem Tag starben in den USA laut Zahlen der New York Times, ausgewertet auf Basis der regionalen US-Gesundheitsbehörden, 1.004 Menschen an oder mit einer Corona-Infektion.

    © New York Times

    Grafik der Corona-Todeszahlen in den USA

    Dieser #Faktenfuchs gibt einen Überblick darüber, mit welchen Falschinformationen die Kontrahenten im US-Wahlkampf hantieren - und zeigt auf, dass einer der beiden Kandidaten dabei skrupelloser agiert. Zunächst ein Blick auf die Aussagen des US-Präsidenten, bevor später sein Herausforderer genauer in den Blick genommen wird.

    Falsche Zahlen, falsche Zusammenhänge, lebensgefährliche Therapien

    Donald Trump verbreitete seit Beginn der Pandemie Falschbehauptungen zu Corona - und tut das auch, nachdem er selbst mit dem Virus infiziert war. So behauptete er immer wieder: "Es wird weggehen und ich sage Euch: Wir machen die Wende, wir kriegen die Kurve. Es geht weg." (“It will go away and as I say: we are rounding the turn, we are rounding the corner. It’s going away.” ) Doch das Virus ist nicht weg – im Gegenteil. Die Zahlen erreichten immer neue Rekordstände - zuletzt mehr als 90.000 Neuinfektionen pro Tag.

    Und Ende Oktober schrieb er auf Twitter: "Mehr Tests bedeuten mehr Fälle. Wir haben beste Testungen, Todesfälle gehen runter."

    Das Argument ist jedoch falsch, wie ein Faktencheck von CNN darlegt.

    Danach steigt die Zahl bestätigter Neuinfektionen schneller als die Zahl der Tests; ebenso die Zahl derer, die in Krankenhäusern behandelt werden - sowie die Zahl der Toten.

    Dass steigende Testzahlen sich nicht unbedingt in einen signifikanten statistischen Zusammenhang setzen lassen mit steigenden Infektionszahlen, legte auch der #Faktenfuchs bereits dar.

    Manche Behauptungen Trumps im Laufe dieses Wahlkampfs waren gesundheits- oder gar lebensgefährlich - etwa seine Äußerung, es sei interessant zu prüfen, ob Bleich- oder Desinfektionsmittel im Körper gegen das Virus helfen könne. Später relativierte er seine Äußerungen - es sei alles nur "Sarkasmus" gewesen. Der ARD-Faktenfinder betrachtete Trumps Aussagen dazu genauer.

    Immer wieder behauptete Trump fälschlicherweise auch, das Virus werde auch ohne Impfstoff bald verschwunden sein. Es sei völlig harmlos, es brauche keine Masken zum Schutz, und die USA hätten die niedrigste Corona-Sterberate der Welt. Er habe durch sein Einschreiten in der Krise mehr als zwei Millionen Menschenleben vor Corona gerettet. All diese Behauptungen wurden von Faktencheckern in den USA widerlegt.

    Falschinformationen nicht mehr nur aus Russland

    Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 2016 hatte vor allem Russland Einfluss ausgeübt: Ein Ausschuss des US-Senates kam zu dem Schluss, in allen Bundesstaaten seien Wahlsysteme Ziel russischer Cyberaktivitäten gewesen.

    Die politische Korrespondentin Mira Liasson berichtet für den US-Sender NPR. Auch sie macht darauf aufmerksam, dass 2016 die meisten Falschinformationen aus Russland kamen - also außerhalb der USA - manchmal gar in gebrochenem Englisch. "Aber jetzt werden sie in unserem Land generiert, oft vom Präsidenten der Vereinigten Staaten und anderen Politikern." (“But now it’s generated in this country by the President of the United States often. And also by political actors.”)

    Studie: Trump ist Antreiber der Corona-Falschinformationen

    Wissenschaftler der Cornell University im US-Bundesstaat New York untersuchten, wer die meisten Falschinformationen rund um Corona in den Medien verbreitete. Dafür prüften sie 38 Millionen englischsprachige Artikel, die von Anfang Januar bis Ende Mai 2020 weltweit erschienen waren. Das Ergebnis ist eindeutig: Ein erheblicher Teil der Falschmeldungen ist auf Donald Trump zurückzuführen. In 38 Prozent der untersuchten Artikel wird Trump im Zusammenhang mit einer Corona-Falschbehauptung erwähnt. Die Wissenschaftler fassen in ihrem Papier zusammen:

    "Wir kommen zu dem Schluss, dass der Präsident der Vereinigten Staaten der wohl größte Antreiber der COVID-19-Falschmeldungen war."

    (“We conclude that the President of the United States was likely the largest driver of the COVID-19 misinformation infodemic.”)

    Dabei sei nur in gut 16 Prozent der Artikel die Falschbehauptung hinterfragt oder korrigiert worden.

    Soziale Plattformen löschen kaum

    Eine zentrale Rolle im Umgang mit Falschinformationen spielen dabei auch die sozialen Plattformen. Doch diese tragen kaum etwas dazu bei, gegen falsche Inhalte im US-Wahlkampf vorzugehen. Zwar markieren Facebook und Twitter verstärkt Desinformation - vor allem rund um die Corona-Pandemie. Herausforderer Joe Biden scheiterte jedoch mit dem Versuch, eine nicht erwiesene Behauptung der Trump-Kampagne bei Facebook löschen zu lassen.

    Wie sich die Plattformen nun auf die Wahl - und mögliche Folgen - vorbereiten lesen Sie hier.

    Auch Biden verbreitet Fake News

    US-Präsident Trump ist also einer der Antreiber von Falschinformationen und er bekommt wenig Widerspruch. Doch er ist nicht allein bei der Verbreitung von Fake News. Der US-Sender CNN formulierte es nach einigen Faktenchecks so:

    "Ein Kandidat in diesem Rennen, Präsident Donald Trump, war überwältigend oft und wiederholt unehrlich. Der andere Kandidat, der frühere Vize-Präsident Joe Biden, hat falsche Behauptungen gemacht und es gibt keine Entschuldigung dafür, aber es war sehr, sehr viel seltener der Fall."

    (“Now one candidate in this race, President Donald Trump, has been overwhelmingly serially dishonest. The other candidate, former vize-president Joe Biden has made false claims and there’s no excusing that, but they’ve just been way way fewer.”)

    Die Faktenchecker der "Washington Post" haben Joe Biden 51 Mal mit sogenannten Pinocchios versehen, im Schnitt bekam er 2,6. Zum Vergleich: Trump bekam bei rund 300 Faktenchecks seit Mai 2019 3,6 von vier möglichen sogenannten Pinocchios. Biden habe öfter Fehler zugegeben, habe außerdem seltener Reden gehalten und damit auch weniger Gelegenheit zum Faktencheck gegeben.

    Zwei solcher Gelegenheiten waren die Fernsehdebatten zwischen Trump und Biden. Der Herausforderer behauptete im zweiten TV-Duell: "Die Erwartung ist, dass wir zwischen jetzt und Jahresende weitere 200.000 tote Amerikaner haben werden. Wenn wir nur diese Masken tragen würden, wie die Berater des Präsidenten es ihm selbst gesagt haben, könnten wir 100.000 Leben retten." (“The expectation is we’ll have another 200.000 Americans dead between now and the end of the year. If we just wore these masks, the president’s own advisers have told him, we can save a 100.000 lives.”)

    Die Prognose stammte jedoch nicht, wie von Biden dargestellt, von den Präsidentenberatern, sondern von Wissenschaftlern. Außerdem wurde sie überarbeitet - und benennt die Zahl inzwischen niedriger, mit 34.000.

    Zuvor hatte Biden bei einem Wahlkampf-Auftritt in Philadelphia behauptet, die Trump-Regierung habe die Bereitstellung von Masken an Schulen gestoppt; dies war jedoch nur teilweise der Fall.

    Ein weiteres Beispiel für eine Falschbehauptung Bidens: Das US-Handelsdefizit mit China sei unter Trump gestiegen. "Er redet über diese großartigen Handels-Vereinbarungen. Sie wissen, er redet über die Kunst des Handels. China hat die Kunst des Stahls perfektioniert. Wir haben jetzt ein höheres Defizit mit China als vorher." (“He talks about these great trade deals. You know, he talks about the art of the deal. China perfected the art of the steal. We have a higher deficit with China now than we did before.”)

    Tatsächlich war das Handelsdefizit mit China 2019 geringer als in Bidens letztem Jahr als Vize-Präsident.

    Kandidaten nehmen sich gegenseitig ins Visier

    Nicht nur Sachthemen spielen bei der Falschinformation im US-Wahlkampf eine Rolle. Die beiden Kontrahenten versuchen sich auch gegenseitig zu diskreditieren. So stellten die Faktenchecker der “Washington Post” fest: Beide politischen Kampagnen nutzten manipulierte Anzeigen und Videos, um ein falsches Bild des jeweils anderen Kandidaten zu erzeugen.

    Zwar habe auch Bidens Wahlkampf-Team "gelegentlich" auf solche Mittel zurückgegriffen, etwa als er auf CNN die Frage stellte: "Haben Sie diesen Präsidenten jemals ein schlechtes Wort sagen hören über weiße Überlegenheit? Haben Sie das jemals gehört?" (“Have you ever heard this president say one negative thing about white supremacists? Have you ever heard it?”)

    Dabei hatte sich Trump tatsächlich entsprechend geäußert:

    “Ich verurteile die Verfechter einer weißen Vorherrschaft." // "Mit einer Stimme muss unsere Nation Rassisten, Fanatismus und weiße Vorherrschaft verurteilen." (“I denounce white supremacists.” // “In one voice our nation must condemn racists, bigotry and white supremacy.”)

    Umgekehrt schaltete das Wahlkampf-Team von Donald Trump unzählige Anzeigen und Videos auf Facebook, Twitter und Youtube. Die Betrachter sollten den Eindruck gewinnen, Biden sei ausgelaugt, verwirrt, krank. So heißt es in einem Video: "Biden kann sich nicht an Namen erinnern. Er kann sich nicht erinnern, wo er gerade ist. Er kann sich nicht mal daran erinnern, für welches Amt er sich bewirbt. Den härtesten Job der Welt. Joe Biden ist dafür nicht auf der Höhe." (“Biden can’t remember names. He can’t remember where he is. He can’t even remember, what office he’s running for - The hardest job on earth: Joe Biden isn’t up to it.”)

    In einer anderen Video-Anzeige der Trump-Kampagne sagt die Stimme: “Tief im Herzen Delawares sitzt Joe Biden in seinem Keller, allein, sich versteckend, immer weniger werdend.” (“Deep in the heart of Delaware, Joe Biden sits in his basement, alone, hiding, deminished.”)

    Außerdem vertrete Biden sozialistische Positionen, die dem Land schadeten, behaupten Trump und sein Team immer wieder - dabei ist Biden während seiner Karriere stets als moderater Demokrat aufgetreten.

    Trump und die QAnon-Bewegung: “Sie mögen mich”

    Trump ist jedoch nicht nur jemand, der selbst Falschbehauptungen streut. Er distanziert sich auch nicht von jenen, die es tun. Die QAnon-Bewegung verbreitet unter anderem die Verschwörungserzählungen, eine angebliche Schattenregierung steuere die Welt oder Politiker handelten mit Minderjährigen, um aus deren Blut ein lebensverlängerndes Serum zu gewinnen.

    Der US-Präsident teilt Inhalte von QAnon - per Retweet auf Twitter.

    Auf einer Pressekonferenz wurde der US-Präsident auf QAnon angesprochen. Seine Antwort: "Ich weiß nicht viel über diese Bewegung, außer dass sie mich sehr mögen - was ich toll finde. (...) Ich hab gehört das sind Menschen, die unser Land lieben."(“I don’t know much about the movement other than I understand they like me very much - which I appreciate. (...) I’ve heard these are people that love our county. ”)

    In seinem zweiminütigen Statement während der Pressekonferenz nutzte Trump die Gelegenheit nicht, sich von der Bewegung zu distanzieren - und tat es auch seither nicht.

    Trumps Falschbehauptungen über Briefwahl sollen Wahlsieg sichern

    Wegen der Corona-Pandemie dürfte der Briefwahl in den USA bei dieser Abstimmung eine besondere Bedeutung zukommen. Um der Gefahr einer Ansteckung im Wahlbüro zu entgehen, könnten sich viele Wähler für diesen Weg entscheiden.

    Daniel Benjamin, Präsident der American Academy (einer Forschungs- und Kultureinrichtung in Berlin), sagte im Interview mit dem “Handelsblatt”, Trump habe gegenüber seiner Partei klargemacht, dass eine hohe Wahlbeteiligung nicht in seinem Interesse sei.

    Trump macht seit Monaten Stimmung gegen die Briefwahl: "Millionen von Stimmzetteln überall im Land. Es ist Betrug. (...) Sie wurden überall hingeschickt, in die Gebiete der Demokraten, tausende Stimmzettel. Jeder hat zwei Stimmzettel bekommen. Dies wird ein Betrug werden, wie ihr ihn noch nie erlebt habt." (“Millions of ballots all over the country. There is fraud. (...) They are being sent all over the place. They sent to in a democrat area, they sent out a thousand ballots. Everybody got two ballots. This is going to be a fraud like you’ve never seen.”)

    Dabei erhielten wohl im US-Staat Virginia tatsächlich bis zu 1.000 Personen zwei Stimmzettel. Die Faktenchecker von factcheck.org kommen zu dem Schluss: Das sei kein Beweis für einen Betrug. Denn, so lautete die Auskunft von den Behörden vor Ort, die betreffenden Personen könnten damit gar nicht zwei Mal abstimmen - weil jeder zurückgesandte Stimmzettel sofort im Wahlverzeichnis abgehakt werde.

    Das Team der "Washington Post" ging etlichen Falschbehauptungen rund um die Briefwahl in den USA auf den Grund. Auch hier finden sich Faktenchecks rund um das Thema Briefwahl.

    Von Fake News zu Fake Polls

    Und so baut Trump mit Falschbehauptungen über die Briefwahl vor, sollte er nicht als Sieger aus der Abstimmung hervorgehen. Gleichzeitig schürte er angesichts steigender Umfragewerte Zweifel an ebendiesen.

    “Wir bekommen jede Menge Fake Polls, so wie wir Fake News haben. Es ist schrecklich. Wir hatten das gleiche vor vier Jahren. Ich hab überall verloren, die Umfragen sagten keinen einzigen Sieg voraus. Und am Ende haben wir alle gewonnen."

    (“We get a lot of suppression polls, we get a lot of fake polls like we get fake news. I mean it’s a terrible thing, when you look at it. We had the same thing four years ago: I was loosing everywhere. Our poll numbers: Why was I gonna win any state? And it ended up winning every one of them.”)

    Es waren zwar nicht alle Swing States, die Trump 2016 für sich entscheiden konnte - aber doch die meisten - entgegen der Vorhersagen der Umfrage-Institute.

    Fazit:

    Vor allem die Themen Corona-Pandemie, Briefwahl und die Diskreditierung des politischen Gegners spielten in diesem US-Präsidentschaftswahlkampf eine Rolle. Dabei hat der Amtsinhaber Donald Trump mehr Falschmeldungen verbreitet als sein Herausforderer Joe Biden. Doch auch Biden scheute vor der Verwendung falscher Behauptungen, falscher Quellen und Zahlen nicht zurück. Wahlbeobachter in den USA kamen zu dem Schluss: Diesmal sei die Bedrohung durch Desinformation nicht aus dem Ausland gekommen, wie etwa 2016 durch russische Einflussnahme, sondern vor allem im eigenen Land entstanden und verbreitet worden.

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