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Falsche Behauptung in sozialen Netzwerken, Mitglieder der Antifa hätten das Kapitol gestürmt.

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    #Faktenfuchs: Rechtsextreme bei Sturm auf Kapitol dabei

    Bei den Protesten in Washington drangen auch bekannte Rechtsextremisten in das Kapitol ein. Gleichzeitig verbreitete sich die Falschmeldung, dass es eigentlich Antifaschisten gewesen seien, die das Gebäude gestürmt hätten. Ein #Faktenfuchs.

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    Von
    • Anna Klühspies

    Tim Gionet alias "Baked Alaska" ist ein amerikanischer Neonazi. Er fiel in der Vergangenheit immer wieder unter anderem durch antisemitische und rassistische Äußerungen auf; Twitter sperrte deshalb 2017 seinen Account.

    Tim Gionet streamte live, wie er sich zusammen mit weiteren Trump-Anhängern seinen Weg durch das Kapitol bahnte. Tausende Zuschauer verfolgten am 6. Januar die Übertragung. Ein Youtube-Video zeigt Gionet in einem Raum mit großem Konferenztisch, es soll sich dabei um das Büro von Nancy Pelosi handeln, der Präsidentin des Repräsentantenhauses. In dem Video betont Gionet mehrmals, dass man nichts kaputt machen solle, immerhin sei das "unser Haus". Er proklamiert, dass er für Trump kämpfen würde und erklärt in einem fingierten Telefonanruf an den US-Senat, dass die Wahl Betrug sei, und Donald Trump im Amt bleiben müsse.

    Falschbehauptung: Antifa stürmt Kapitol

    Während Neonazis wie Tim Gionet gemeinsam mit Trump-Anhängern das Kapitol stürmten, verbreitete sich in den sozialen Netzwerken die Falschmeldung, dass es sich dabei in Wirklichkeit um Mitglieder der Antifa handele, der radikalen Linken, die in das Kapitol eingedrungen seien. Auf Twitter schrieb der Rechtsanwalt und Trump-Unterstützer Lin Wood am 6. Januar 2020, dass es einen klaren Foto-Beweis dafür gebe, dass die Antifa sich gewaltsam Zutritt zum Kapitol verschafft habe.

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    Tweet mit Falschbehauptung

    Das Twitter-Konto des Anwalts wurde mittlerweile gesperrt. Die Behauptung wurde trotzdem weiter verbreitet, unter anderem auch in deutschen QAnon-Gruppen und auf Twitter.

    Im Bild ganz oben sieht man links drei Männer, die im Kapitol fotografiert wurden, unter anderem einen Mann in beigefarbenem Kapuzenpulli und einen Mann mit einer blauen Gesichtsmaske. Von diese beiden Männern wurde behauptet, sie seien Antifaschisten. Als angeblicher Beweis dient das Foto auf der rechten Seite - es stammt aus einem Blogeintrag der "Philly Antifa", einer antifaschistischen Gruppierung aus Philadelphia.

    Diese Behauptung ist falsch. Der Blogeintrag beinhaltet das Foto zwar wirklich, aber nicht, weil die Männer Mitglieder der Antifa sind.

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    Screenshot: Antifaschistischer Blog identifiziert Neonazis

    Vielmehr soll der Artikel der "Philly Antifa" den Mann mit dem längeren Bart als Neonazi identifizieren. Er heißt Jason Tankersley und soll laut "Philly Antifa" Mitbegründer der "Maryland Skinheads" sein. Bei dem Mann rechts neben ihm soll es sich laut "Philly Antifa" um Mathew Heimbach handeln, Mitglied des "National Socialist Movement", einer großen neonazistischen Vereinigung in den USA. Doch nicht nur den Männern in Kapuzenpulli und Gesichtsmaske wurde unterstellt, Mitglieder der Antifa zu sein. Auch über den Mann rechts neben ihnen mit nacktem Oberkörper, Fellmütze und Hörnern wurde das Gerücht verbreitet, er sei Mitglied der Antifa und Unterstützer der "Black Lives Matter"-Bewegung.

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    Kapitolstürmer bei BLM-Gegendemonstration

    Die Behauptung, er sei Antifaschist und Unterstützer der "Black Lives Matter"-Bewegung ist falsch, wie unter anderem die Nachrichtenagentur Reuters in diesem Faktencheck herausgefunden hat. Richtig ist laut Reuters: Der Mann, Jake Angeli, ist in den letzten Monaten immer wieder auf rechten politischen Demonstrationen in Erscheinung getreten, auch auf Gegendemonstrationen der "Black Lives Matter"-Bewegung. Angeli hat sich laut Reuters für die Politik Trumps ausgesprochen und sich als Anhänger der QAnon-Bewegung identifiziert, wie auch dieses Bild deutlich macht.

    Ein Foto, zwei Fehlinformationen

    Aber noch einmal zurück zu dem Foto von den beiden Männern aus dem Kapitol: Auf der einen Seite wurde behauptet, sie seien Mitglieder der Antifa. Diese Behauptung konnte widerlegt werden. Auf der anderen Seite verbreitete sich die Meldung, man habe die beiden Männer als national bekannte Neonazis identifiziert. Unter anderem twitterte das die Linken-Abgeordnete im Thüringischen Landtag, Katharina König-Preuss.

    Als angeblicher Beleg wurde wieder der Blogeintrag der “Philly Antifa” über Jason Tankersley herangezogen - dieses Mal um vermeintlich zu belegen, dass die beiden Männer im Kapitol mit Kapuzenpulli und Gesichtsmaske die national bekannten Rechtsextremisten Jason Tankersley und Mathew Heimbach seien.

    Aber auch diese Behauptung ist falsch. Bei dem Mann im Kapitol mit dem beigefarbenen Kapuzenpulli und dem langen Bart handelt es sich nicht um den Neonazi Jason Tankersley. Unter anderem stimmen die Tätowierungen auf seinen beiden Händen nicht mit den Tattoos des Mannes aus dem Kapitol überein. Das Foto links ist von seinem Facebook-Account, das Bild rechts eine Nahaufnahme des Mannes aus dem Kapitol:

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    Vergleich der Tätowierungen zeigt keine Übereinstimmung

    Die Linken-Politikern Katharina König-Preuss hat unter ihrem Tweet mittlerweile korrigiert, dass es sich bei dem Mann im Kapitol nicht um Jason Tankersley handelt. Ob es sich bei dem Mann mit der blauen Gesichtsmaske um den Neonazi Matthew Heimbach handelt, ist unklar. Die genaue Identität der beiden Männer konnte bisher nicht abschließend geklärt werden.

    Weitere Falschmeldungen zu Rechtsextremisten im Kapitol

    Neben dieser Falschmeldung kursierte noch eine weitere unzutreffende Behauptung über eine rechte Aktion in den sozialen Netzwerken, die während der Ausschreitungen stattgefunden haben soll. Bei Twitter wurde ein Foto verbreitet, das angeblich einen Mann zeigt, der im Kapitol eine Flagge mit dem keltischen Kreuz anbringt. Dieses Kreuz ist ein weltweit bekanntes Symbol der neonazistischen "White-Power"-Bewegung, die die Vormachtstellung der weißen Rasse zum Ausdruck bringen soll.

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    Bild von Protesten in der Ukraine wird fälschlicherweise mit der Erstürmung des Kapitols in Verbindung gebracht

    Diese Behauptung ist falsch. Das Bild ist bereits mehrere Jahre alt. Wenn man bei einer Bilder-Rückwärtssuche von Google die ältesten Ergebnisse zu diesem Bild anschaut, sieht man, dass es zum ersten Mal 2014 im Internet auftauchte. Das Bild ist aber noch älter und offenbar ein Screenshot dieses Videos, das am 25. Dezember 2013 im besetzten Stadtrat von Kiew während der sogenannten "Euromaidan-Proteste" aufgenommen wurde.

    Auch die rechtsradikalen "Proud Boys" waren in Washington dabei

    Neben dem bereits beschriebenen Neonazis Tim Gionet beteiligten sich auch Anhänger der “Proud Boys” an den Ausschreitungen. Eines ihrer Mitglieder, Nick Ochs veröffentlichte am 6. Januar 2021 ein Foto von sich aus dem dem Kapitol, wie die BBC berichtet.

    Die “Proud Boys” sind jene ultra-rechte Gruppierung, die Donald Trump in einer TV-Debatte direkt ansprach, sich zurück-, aber auch bereitzuhalten. Ihre Mitglieder gingen unter anderem bei den Ausschreitungen in Portland teilweise bewaffnet auf die Straßen.

    Der Anführer der rechtsradikalen "Proud Boys", Henry "Enrique" Tarrio, war allerdings nicht bei dem Sturm aufs Kapitol dabei. Er war bei seiner Ankunft in Washington vor zwei Tagen verhaftet worden. Laut der örtlichen Polizei liegt gegen ihn ein Haftbefehl wegen Sachbeschädigung am Rande einer Unterstützer-Demo für den abgewählten Präsidenten Donald Trump vor.

    Eindeutige neonazistische Symbole

    Während der Ausschreitungen am Kapitol wurden von Teilnehmenden auch offen neonazistische Symbole zur Schau getragen. Ein Mann trug einen Pullover mit der Aufschrift "Camp Auschwitz" und "work brings freedom" – also "Arbeit macht frei", der Spruch, der als Toraufschrift an den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten angebracht war.

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    Kapitol-Stürmer mit neonazistischer Aufschrift auf dem Pullover

    Außerdem zeigen Aufnahmen vor dem Kapitol, dass in der Menge die sogenannte "Kekistan-Flagge" geschwenkt wird. In ihrer Symbolik erinnert sie stark an die Flagge der deutschen Kriegsmarine im dritten Reich; sie ist ein Erkennungszeichen der Alt-Right Bewegung, einer rassistischen und neonazistischen Gruppierung in den USA.

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    Demonstranten vor dem Kapitol schwenken Kekistan-Flagge

    Fazit:

    Beim Sturm auf das Kapitol in Washington waren bekannte Rechtsextremisten und rechtsextremistische Gruppierungen beteiligt, die offen neonazistische Symbole verwendet haben. Gleichzeitig wurde das Narrativ verbreitet, bei den Randalierern handele es sich eigentlich um Personen aus der antifaschistischen Bewegung, die sich als Trump-Anhänger getarnt haben. Es wurden falsche Behauptungen verbreitet, gewisse Personen seien als Antifa-Mitglieder identifiziert worden. Diese Falschbehauptungen konnten widerlegt werden. Es gibt keine belegbaren Hinweise für die Behauptung, dass Anhänger der Antifa beim Sturm auf das Kapitol beteiligt waren.

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    11.01.2021, 13:40h: In einer früheren Version dieses Artikels wurde für die Beteiligung der Proud Boys an den Ausschreitungen in Washington ein Twitter-Video eingebettet, dass Mitglieder der Proud Boys vor dem Kapitol zeigen soll. Dieses Video stammte allerdings nicht vom 6. Januar 2021 sondern wurde in einem anderen Kontext aufgenommen. Der Text wurde entsprechend angepasst.