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Mit "No-Covid" raus aus dem Lockdown? | BR24

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"No-Covid", also lieber gar keine Coronafälle, das fordert eine Initiative.

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    Mit "No-Covid" raus aus dem Lockdown?

    Die Corona-Infektionszahlen gehen in Deutschland langsam runter, doch durch die Mutanten droht ein weiterer Lockdown. Eine Initiative von 14 Wissenschaftlern schlägt eine neue Strategie vor: mit "No-Covid" raus aus dem Dauerlockdown.

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    Von
    • Yvonne Maier

    Deutschlandweit liegt der Corona-Inzidenzwert wieder unter 70, aber immer noch ist die angestrebte Zahl von 35 positiv Getesteten pro 100.000 Einwohnern in einer Woche nicht erreicht. Als sich im Frühjahr 2020 das Coronavirus rasant ausbreitete, wurde mit den Kontaktbeschränkungen das Motto "Flatten the Curve" ausgegeben: Die Kurve mit den Infektionszahlen dürfe nicht in die Höhe schießen, sondern müsse immer flacher werden und dann flach bleiben. So ließe sich eine Überforderung des Gesundheitssystems vermeiden, bis genügend Menschen geimpft seien, um eine Herdenimmunität zu erreichen.

    Kurve nur abflachen reicht nicht

    Doch dieses Konzept gehe nicht auf, sagt ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern führe nur von Lockdown zu Lockdown. Sie haben im Januar in der Zeitung „Die Zeit“ eine Strategie vorgestellt, die sie mit dem Schlagwort „No Covid“ überschreiben. Im Februar 2021 haben sie ihr Konzept weiterentwickelt und konkrete Handlungsoptionen erarbeitet.

    Das ganze Dokument finden Sie auf der Seite des ifo-Instituts.

    Das Ziel: Keine Corona-Fälle mehr

    Was die Nullansteckungsstrategie von allen bisherigen Strategien der Politik unterscheidet, ist, dass sie nicht auf Infektionszahlen reagiert, sondern „proaktiv“ ist, so der Politikwissenschaftler Maximilian Mayer und Asienexperte von der Universität Bonn, der das Papier mitentwickelt hat. Länder wie China, Taiwan oder auch Neuseeland und Australien hätten schon im Frühjahr 2020 langfristige Strategien entwickelt, auch mit Unterstützung der Wissenschaft. Mit dem Ziel: das Virus völlig einzudämmen. Das sei in Deutschland und Europa nicht passiert.

    "Die Politik ist mit ihren Maßnahmen ist immer noch nicht in der Pandemie angekommen." Prof. Maximilian Mayer, Universität Bonn

    In einigen Ländern der Welt haben die Regierungen und die Bevölkerung es geschafft, die Corona-Zahlen so weit zu senken, dass dort mittlerweile wieder ein fast normales Leben möglich ist. Der Grund dafür sei dabei vor allem in einem konsequenten Vorgehen der Regierungen zu sehen, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das Ziel "Null-Covid" sei immer klar gewesen, so der Dortmunder Professor Matthias F. Schneider. Er leitet die Abteilung Medizinische und biologische Physik an der TU Dortmund.

    "Kleine Zahlen kriegen sie viel besser in den Griff. Das muss man sich vorstellen wie ein kleines Feuerchen in Bayern und ein kleines in Hamburg. Aber ein flächendeckendes ist unkontrollierbar." Professor Matthias F. Schneider, TU Dortmund

    Im Sommer die guten Zahlen verspielt

    In Deutschland seien die guten Zahlen vom Sommer nicht gehalten worden. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Strategie-Papiers sagen aber: Es habe gezeigt, dass eine fast Nullansteckung auch in Deutschland möglich sei, auch wenn wir keine Insel sind oder drakonische Maßnahmen in einem autoritären System umgesetzt werden. Der Politik habe aber die Ausstiegsstrategie im Sommer gefehlt.

    "Wir haben leider in Europa in der Illusion gelebt, jetzt kommt der Sommer und dann können wir wieder aufmachen. Man erwartete die zügige Rückkehr zu gewohnten Freiheiten. Allerdings besteht die pandemische Lage weiter und verlangt nach einer Adaption von Politik, Recht und Verhalten." Denise Feldner, Juristin, Crowdhelix.

    Zu keinem Zeitpunkt der Coronapandemie sei in Deutschland ernsthaft eine Strategie umgesetzt worden, die die Ausrottung des Virus als Ziel hatte. Doch das könnte in drei Phasen möglich sein, so das Strategiepapier.

    Phase eins - Die Null erreichen

    Zunächst müsse man die "Null" erreichen, und das schnell. Das solle nicht über ein weitgehendes Herunterfahren des Landes geschehen, sondern im Wesentlichen eine striktere und konsequentere Umsetzung der bestehenden Regeln und Maßnahmen. Dabei müssten z.B. die Grundversorgung, strikte Regeln an den Grenzen oder die Unterbringung von Verdachtsfällen in Quarantäne-Unterkünfte gesichert sein. Menschen in systemrelevanten Berufen oder kritischer Infrastruktur wären davon ausgenommen.

    In Deutschland könnte so eine Phase eins schneller zu Ende sein als gedacht, so die Expertinnen und Experten. Dennoch bleibe die Herausforderung groß und man muss vor allem kleinteilig und wirkungsorientiert denken. Sie gehen davon aus, dass ein einzelner Kreis innerhalb von wenigen Wochen bei Null sein könnte. Das würde auch die umliegenden Kreise anspornen, ebenfalls zur Null zu kommen. Die australische Millionenstadt Melbourne beispielsweise habe diese Phase im Frühjahr innerhalb von vier Wochen erreicht.

    Phase zwei - Schutz der Null

    Sobald einzelne Gebiete virenfrei seien, müsse strikt dafür gesorgt werden, dass sie das auch bleiben. Wenn nach zwei Wochen keine weiteren Ausbrüche zu vermelden seien, könne man auch in ganzen Regionen zurück zur Normalität (in einer sogenannten "Grünen Zone"). Das müsse aber begleitet werden durch Reisebeschränkungen, schnelles Testen und gegebenenfalls durch Kontaktnachverfolgung bei Verdachtsfällen (tracing) und schnelles Eingreifen, wenn neue Fälle auftauchen sollten. So geschehe da auch in anderen, erfolgreichen Nationen, wie Australien oder Neuseeland. Dort gehen einzelne Regionen wegen verhältnismäßig weniger Fälle schnell wieder in einen kurzen zeitlich klar begrenzten Lockdown zurück, um das Virus schnell wieder auf Null zu bekommen.

    Phase drei - Erweiterung der Green Zone

    Je mehr kleinere oder größere Gebiete virenfrei sind, desto besser - und man könne auch derartige Gebiete miteinander verbinden, zum Beispiel über Reisekorridore. Das wiederum sei auch ein Ansporn für Gebiete, in denen das Virus noch vorherrscht. Am besten wäre es natürlich, so ein Vorgehen europaweit zu koordinieren.

    "Die Pandemie ist vielleicht auch in ein, zwei Jahren noch nicht vorbei. Deshalb kann man retrospektiv schon sagen 'Flatten the curve' das war richtig in dem Moment. Aber Deutschland hat dann nicht weiter gedacht und die Länder, die jetzt eben mit Null Covid dastehen, hatten alle weitergedacht." Prof. Maximilian Mayer, Universität Bonn

    Voraussetzungen für No Covid

    Damit die Strategie von No Covid auch umgesetzt werden kann, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein, so die Autorinnen und Autoren des Papiers. Sie schlagen mehrere "Toolboxen", also Werkzeugkästen vor, mit denen das Ziel erreicht werden könne.

    Die erste Toolbox ist das Konzept der Grünen Zonen. Damit das umgesetzt werden kann, brauche es am besten eine europäische Strategie, die zweite Toolbox.

    Bessere Kontaktnachverfolgung nötig

    Wichtig auch: eine funktionierende "Test-Trace-Strategie". In Deutschland dauere es immer noch zu lange, bis ein positiv Getesteter in Isolation komme und seine Kontakte nachverfolgt würden. Im Schnitt würde das 4,6 Tage nach dem ersten Auftreten von Symptomen geschehen. Doch Infizierte sind schon Tage vor den ersten Symptomen ansteckend. Man müsse also schnell und großzügig Verdachtsfälle testen und auch schnell unter Quarantäne stellen. So könne man die schnelle Ausbreitung des Virus verlangsamen.

    Dabei seien auch die Gesundheitsämter gefragt und funktionierende technische Lösungen. Die Autorinnen und Autoren kritisieren auch den regelmäßigen Test- und Meldeverzug an Wochenenden und Feiertagen. So könne man nicht schnell genug Verdachtsfälle nachverfolgen.

    Impfungen wichtiger Bestandteil von No Covid

    Nur über eine Herdenimmunität durch Impfungen könne das Virus dauerhaft eingedämmt werden, so die Autorinnen und Autoren des No Covid-Papiers. Das wäre auch für die Wirtschaft entscheidend. Sie fordern, dass die Impflogistik und die Impfreihenfolge so vorbereitet werden, "dass, sobald große Mengen an Impfdosen bereitgestellt werden, effizient und ohne Verzögerungen damit begonnen werden kann, sie an die Bevölkerung zu verimpfen."

    Dabei sollten zum Beispiel auch Betriebsärztinnen und Betriebsärzte mit eingebunden werden, die zusätzlich zu Impfzentren, Hausarztpraxen und mobilen Impfteams eine große Menge an Menschen impfen könnten.

    Vorteile von No Covid für die Wirtschaft und Bildung

    Die Maßnahmen für ein No Covid klingen drastisch, doch die Vorteile seien enorm, so die Unterzeichner. Länder wie Neuseeland zeigen, dass man mit No Covid zurückkehren könne zur Normalität, die teilweise unverhältnismäßigen Einschränkungen unserer Grundrechte könnten dann aufgehoben werden.

    Das sei zum Beispiel für die Wirtschaft, aber auch für die Bildungssysteme entscheidend. Der Dauerlockdown wäre beendet. Das zeigten auch die Zahlen aus diesen Gebieten: Je weniger Corona, desto stärker war die Wirtschaft 2020 gewachsen. Je mehr Tote ein Land gezählt hat, desto schlechter stand auch die Wirtschaft da. Wer SARS-CoV-2 in den Griff bekomme, schütze auch seine Wirtschaft, so die Initiative.

    In Neuseeland zeigt sich auch, dass die Bürgerinnen und Bürger die Politik des No Covid unterstützen und bei Wahlen belohnen.

    Vorteile von No Covid für die Gesundheit

    Ein weiterer Vorteil wäre der gesundheitliche, so die Experten. Denn Covid-19 erhöht nicht nur die Todeszahlen in einem Land, sondern hat auch erhebliche Langzeitfolgen, die auch junge Menschen oder Nicht-Risikogruppen betreffen und an das Chronische Fatiguesyndrom ME/CFS erinnern. Darüber hinaus habe sich zum Beispiel in Schweden gezeigt, dass Risikogruppen bei einem weiter hohen Infektionsgeschehen trotz allem nicht gut zu schützen sind.

    Vorteile von No Covid für die Medizin

    Wenn es nur wenige oder womöglich gar keine Coronafälle gibt, fällt es dem Virus auch schwerer, sich mit neuen Mutationen zu verändern. Die neuen, ansteckenderen Varianten aus Großbritannien oder Südafrika sind vor allem deswegen entstanden, weil sich das Virus in vielen Menschen verbreiten und dort auch verändern konnte.

    Darüber hinaus hilft es den Impfbemühungen, wenn sich nur wenige Menschen mit dem Coronavirus infizieren. So kann eine Herdenimmunität erreicht werden, ohne, dass noch mehr Menschen erkranken.

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